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Italien: Das Warten auf den Anschlag

Nicht erst seit den Anschlägen auf das Londoner Verkehrsnetz in der vergangenen Woche ist den italienischen Behörden klar, dass ihr Land zu den meistgefährdeten Zielen internationaler Terroristen gehört.

Die weitgehende Unterstützung der US-Außenpolitik und die Teilnahme am US-geführten Irak-Krieg haben Italien schon lange in das Fadenkreuz islamistischer Terroristen geraten lassen.

Wie in Großbritannien muss auch den italienischen Behörden bewusst sein, dass ein Anschlag in einer italienischen Großstadt im Prinzip nur eine Frage der Zeit ist. So hat sich beispielsweise in Rom in den vergangenen Tagen das Stadtbild verändert: An jeder größeren Kreuzung, an jeder Touristenattraktion zeigen Polizei und Carabinieri Präsenz. Polizisten streifen durch U-Bahn-Züge und Bahnhöfe.

Schon nach den Attentaten in den USA vom 11. September 2001 wurden vor dem Petersdom Sicherheitsschleusen und Waffendetektoren wie an Flughäfen installiert. Doch die aktuellen Ereignisse in London haben dem steten Strom internationaler Touristen in die italienische Hauptstadt bisher nichts anhaben können. Unbeirrt bildet sich in der Morgensonne regelmäßig eine mehrere hundert Meter lange Schlange auf dem Petersplatz, die sich nur langsam durch die Kontrollen schiebt.

Touristin Catherine, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern nach Rom gereist ist, hat sich nicht einmal in den Medien über die mögliche Anschlagsgefahr informiert. Darüber sei sie „nur am Rande“ auf dem Laufenden. „Ich habe aber keine Angst und möchte heute früh den Vatikan besuchen.“ Die 23-jährige Französin Caroline, die seit sechs Monaten in Rom studiert, fügt hinzu: „Gestern bin ich U-Bahn gefahren und spazieren gegangen. Ehrlich gesagt, fühle ich mich ruhig.“

Nach Angaben des nationalen Fremdenverkehrsverbands kamen im Jahr 2004 fast 37 Millionen Touristen nach Italien, das sind 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit steht das Land im europäischen Vergleich an dritter Stelle.

Trotz der ohnehin schon hohen Sicherheitsstufe halten italienische Politiker die bisher ergriffenen Vorkehrungen noch nicht für ausreichend. Spezielle Krisenpläne gibt es italienischen Presseberichten zufolge für die Hauptstadt Rom sowie für die Großstädte Mailand, Neapel und Turin – wegen des hohen Anteils von Moslems in der Bevölkerung. Andere Städte wie Florenz, Pisa, Venedig oder Verona werden dagegen nur von „gewöhnlichen“ Polizeimaßnahmen geschützt.

Innenminister Giuseppe Pisanu ließ nach den Londoner Attentaten neue Maßnahmen zur Terrorismusabwehr anlaufen. Demnach sollen Verdächtige länger in Polizeigewahrsam genommen und zur Abschiebung vorgesehene Ausländer schneller außer Landes gebracht werden können. Außerdem sollen die Behörden etwa 13.000 als „sensibel“ eingestufte Orte im ganzen Land verstärkt überwachen.

In seltener Eintracht schloss sich die Opposition dem an. Oppositionsführer Romano Prodi sprach von einer „richtigen Entscheidung“ der Regierung. Und Walter Veltroni, Bürgermeister von Rom, ergänzte: „Keinesfalls darf die Gefahr terroristischer Anschläge, die alle europäischen Länder betrifft, unterschätzt werden.“ Am Mittwoch ließen die Behörden dann die Muskeln spielen: Bei einer landesweiten Großrazzia gegen mutmaßliche Islamisten durchsuchten hunderte Polizisten in verschiedenen Städten und Regionen Italiens mehr als 200 Wohnungen und Häuser und nahmen 174 Verdächtige fest. Den meisten von ihnen wird jedoch vermutlich nicht mehr als ein Verstoß gegen die Einwanderungsbestimmungen vorgeworfen werden können.

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