Iran-Freiwillige stehen bereit, ISIS eroberte Raffinerie

Präsident Rohani: Werden mit Schutz heiliger Stätten nicht zögern.
Präsident Rohani: Werden mit Schutz heiliger Stätten nicht zögern. ©AP
Der Iran droht in den Krieg im benachbarten Irak einzugreifen. Das Land werde nicht zögern, heilige Stätten des Islam zu verteidigen, sagte Präsident Hassan Rohani am Mittwoch in einer live im TV übertragenen Rede. Es hätten sich zahlreiche Freiwillige gemeldet, um "die Terroristen in ihre Schranken zu weisen". Der Iran ist die regionale Schutzmacht der Schiiten, die Bevölkerungsmehrheit im Irak.
Islamisten rücken vor
Dutzende Bauarbeiter verschleppt

Die sunnitische Extremistengruppe ISIS setzte unterdessen ihren Vormarsch im Irak fort. Am Mittwoch brachten sie die größte Ölraffinerie des Landes weitgehend unter ihre Kontrolle. Indien und die Türkei gingen Berichten nach, denen zufolge aus diesen Ländern stammende Bauarbeiter im Irak verschleppt wurden. Unter den Entführten sollen auch Turkmenen und Nepalesen sein, ebenso wie Pakistani. Bewaffnete sollen einen Autokonvoi mit flüchtenden Facharbeitern angehalten haben. Iraker aus dem Konvoi wurden freigelassen, die Ausländer gefangen genommen.

Rohani: “Mörder und Terroristen”

Der iranische Präsident sprach von “Mördern und Terroristen”, gegen die es heilige Stätten in irakischen Orten wie Kerbala, Najaf und Samarra zu verteidigen gelte. Noch am Samstag hatte Rohani erklärt, die Teheraner Regierung habe keine Truppen in den Irak geschickt und werde dies sehr wahrscheinlich auch nie tun. Westliche Diplomaten gehen dagegen davon aus, dass der Iran Militärberater der Elite-Einheit der Revolutionären Garden ins Nachbarland entsandt hat.

Rohanis Äußerungen riefen umgehend den Erzfeind Irans in der Region, das sunnitische Machtzentrum Saudi-Arabien, auf den Plan. Außenminister Prinz Saud al-Faisal warnte vor einer internationalen Einmischung in den Konflikt. Die legitimen Forderungen des Volkes und der Wunsch nach nationaler Einheit müssten erfüllt werden, ohne dass die politische Agenda von außen bestimmt werde. Der Konflikt trage immer mehr die Züge eines Bürgerkriegs und die Folgen für die gesamte Region seien kaum absehbar, sagte der Minister am Mittwoch bei einem Treffen arabischer und muslimischer Regierungsvertreter in Jeddah.

Zur Einheit des Landes wird aufgerufen

Die sunnitische Organisation Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (ISIS) hat in der vergangenen Woche große Teile des Nordiraks erobert. Nun verbinden sie dieses Gebiet mit dem von ihnen kontrollierten Territorium in Syrien und wollen einen Kalifat-Staat gründen. Im Kern handelt es sich bei der aktuellen Irak-Krise aber auch um eine Zuspitzung des seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen den beiden im Irak vertretenen Glaubensrichtungen des Islam: Währen die Minderheit der Sunniten bis zum Sturz von Ex-Machthaber Saddam Hussein bei der US-Invasion vor gut elf Jahren in dem Land das Sagen hatte, sorgt die Regierung unter dem Schiiten Nuri al-Maliki nun unter den Sunniten für Unzufriedenheit.

Erst am Dienstag hatten hochrangige Vertreter beider Seiten – darunter auch Maliki – zur Einheit des Landes aufgerufen. Nach einem Treffen hinter verschlossenen Türen forderten Schiiten und Sunniten gemeinsam den Schutz von Souveränität und Würde des irakischen Staates. Kurz zuvor war Maliki von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum Dialog mit den Sunniten aufgerufen worden. Auch die USA mahnten die Politik im Irak zum geschlossenen Vorgehen gegen den Vormarsch der Extremisten.

Wie reagieren die USA?

Wie die USA selbst auf die Eskalation im Irak reagieren werden, blieb unterdessen noch unklar. Zwar hat die Regierung in Washington einen Flottenverband in den Persischen Golf entsandt und bis zu 275 Soldaten zum Schutz von US-Bürgern und der Botschaft des Landes in den Irak geschickt. Doch am Mittwoch signalisierte Finanzminister Jack Lew bei einem Besuch in Israel, dass eine militärische Lösung keine Priorität für die USA habe. Offensichtlich brauche der Irak deutlich mehr Hilfe, um mit extremistischen Gruppen fertig zu werden und die eigenen Sicherheitskräfte zu stärken, sagt Lew. “Es gibt keine militärische Lösung, die die Probleme des Irak aus dem Weg räumen könnte.” Im Tagesverlauf wollte Obama mit führenden Kongressvertretern über die Irak-Strategie beraten.

Angst vor Ölkrise

Im Norden des Irak brachten die sunnitischen Extremisten unterdessen die Raffinerie in Baiji zu 75 Prozent unter ihre Kontrolle und schürten damit auch Sorgen um die weltweite Ölversorgung. Den Kämpfern sei es gelungen, in die Anlage einzudringen, sagte ein Raffinerie-Vertreter, der sich in dem Komplex aufhielt. Sie kontrollierten nun die Produktionsanlagen, die Verwaltungsgebäude und vier Wachtürme. Im zentralen Kontrollraum lieferten sich die Extremisten weiterhin Kämpfe mit Sicherheitskräften. Erst am Dienstag waren die letzten deutschen und österreichischen Siemens-Mitarbeiter aus dem Rebellengebiet in Sicherheit gebracht worden. Es war vor allem befürchtet worden, dass sie Opfer einer Geiselnahme werden könnten.

Diese Sorge schien sich am Mittwoch zu bewahrheiten: Die indische Regierung erklärte, sie habe den Kontakt zu 40 Staatsbürgern in der Stadt Mossul verloren. Die Zeitung “Times of India” berichtete, die Bauarbeiter seien von Isis-Kämpfern verschleppt worden. Die Regierung wollte dies weder bestätigen noch dementieren. Laut einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Dogan wurden zudem 15 Türken entführt. Dogan berief sich auf einen Arbeiter, der habe entkommen können. Die türkische Botschaft in Bagdad ermittle, verlautete aus Regierungskreisen in Ankara.

(APA)

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