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Irak: Gefangener erzählt seine Geschichte

Haider Sabbar Abed zeigt auf das Foto eines nackten Gefangenen, den Kopf unter einer Kapuze und die Hände hinter seinem Kopf. „Das bin ich“, sagt er.

Abed ist einer der Gefangenen im Abu-Ghoreib-Gefängnis, die im Zentrum eines Sturms der Entrüstung über das Verhalten der amerikanischen Besatzer in Irak stehen. Die US-Präsident George W. Bush zum Versprechen genötigt haben, die Verantwortlichen für Misshandlungen und entwürdigender Behandlung irakischer Gefangener würden bestraft. Aber der 36-jährige Abed, dessen Bilder um die Welt gehen, erklärt am Donnerstag, dass ihm das nicht helfen wird. „Wird das meine Ehre wieder herstellen? Meine Würde wurde mit Füßen vernichtet.“

Die erstmals in der „Washington Post“ und dem Magazin „The New Yorker“ veröffentlichten Fotos zeigen, wie Gefangene nackt ausgezogen und von Aufsehern in entwürdigende Haltungen gezwungen werden. Ihre Köpfe sind unter Kapuzen, Abed sagt aber, er erkenne sich an Narben und Tätowierungen auf seinem Körper. „Mein Verstand ist von den Erinnerungen daran durchdrungen, jede Haltung und jede Pose“, sagt Abed.

Der Schiit aus Nassiriya wurde im Juli festgenommen. Er war als Tramper in einem Auto in Bagdad an einem Kontrollposten gestoppt worden, dessen Typ oft für Angriffe auf US-Soldaten benutzt werde. Er sei nach Bagdad gekommen, um Dokumente über seine Militärzeit abzuholen. Der Fahrer, den er nicht gekannt habe, habe keine Papiere gehabt, und deswegen seien sie verhaftet worden.

Die nächsten drei Monate habe er im Lager Bucca verbracht, danach sei er nach Abu Ghoreib bei Bagdad verlegt worden. „Alle haben mich gut behandelt“, sagt er. Eine tätliche Auseinandersetzung mit einem als Blockwart eingesetzten Mitgefangenen habe dann seinen Albtraum beginnen lassen: Sechs Gefangene und er seien in Einzelhaft verlegt worden.

„Sie haben uns erst einmal geschlagen, überall“, sagt Abed. „Dann haben sie uns die Kleider vom Leib gerissen.“ Die „Folter“, während der sie nackt gewesen seien, habe vier Stunden gedauert. Sie seien gezwungen worden, aufeinander zu klettern. Er zeigt auf ein Foto, auf dem die sieben eine Pyramide bilden müssen. „Das bin ich“ sagt er und zeigt auf den Mann am unteren linken Rand.

Die Aufseher hätten ihm die Kapuze vom Kopf gezogen und vor ihm habe ein Aufseherin gestanden. Sie habe ihm befohlen, zu masturbieren. Dann sei die Kapuze wieder über seinen Kopf gezogen worden. „Ich stand da, und plötzlich nahmen sie meine Hand und legten sie auf den Kopf von jemandem vor mir. Da war jemand genau vor meinem Penis“, sagt Abed. Eines der Fotos zeigt eine Szene wie diese. Während des gesamten sexuellen Missbrauchs seien Fotos gemacht worden, erinnert er sich.

Danach seien sie nackt in ihre Zellen gebracht worden. Er sei drei Tage angekettet worden – zuerst an der Zellentür mit dem Gesicht zu den Gitterstäben, die zweite Nacht an das Bett und die dritte Nacht auf dem Boden, die Hände an die Füße gekettet. 25 Tage sei die Gruppe in Einzelhaft gewesen. Dann sei er ins Zeltlager zurückgekommen. Ermittler hätten ihm dort im Jänner mehr als 60 Fotos gezeigt, die die Aufseher gemacht hätten. Am 15. April sei er freigelassen worden.

Als der Skandal bekannt wurde, habe er zunächst gezögert, sich zu erkennen zu geben. Als ein arabischer Fernsehsender ihn angesprochen habe, habe er doch zugestimmt. „Ich wollte die Welt alarmieren“, sagt er. „Es gibt so viele unschuldig festgenommene, Leute, die nichts mit der Gewalt zu tun haben.“ Jetzt könne er aber nichts mehr tun. „Ich kann nicht im Irak bleiben. Die Schande ist zu groß.“

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