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Interview mit Michael Köhlmeier

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Archivbild ©VMH
Hohenems. Michael Köhlmeier feiert heute den 60. Geburtstag und schreibt einen neuen Roman. Wozu ein Datum, wenn Politik, Liebe und Zivilisation so viel Gesprächsstoff bieten.

VN: Herr Köhlmeier, herzliche Gratulation. Hat so ein Datum wie der 60. Geburtstag Bedeutung?

Köhlmeier: Mit meiner Vorteilskarte der ÖBB bekomme ich jetzt den Seniorentarif. Ansonsten habe ich für den Tag die Bedingung gestellt, dass ich mit meiner Frau Monika alleine bin. Ich habe jetzt Karten erhalten, aus denen hervorgeht, dass das nun ein Alter ist. Danach wird alles so weitergehen wie bisher.

VN: Hat Sie das Thema Alter je besonders beschäftigt?

Köhlmeier: So wie mich alle menschlichen Situationen beschäftigen, die ich über eine meiner Figuren erlebe. So alt wie der Candoris in „Abendland“ werde ich nicht werden. Damals hat mich das Alter beschäftigt, als ich herausgetaucht bin, nicht mehr. Jetzt sind da ein dreizehneinhalb-jähriges Mädchen und ein sechzehnjähriger Bub.

VN:Wie kam es dazu?

Köhlmeier: Es braucht lange Zeit bis sich bei der Schriftstellerei die Themen klären. Liebe ist der wesentliche Bestandteil der Literatur und im Leben wahrscheinlich auch.

VN: Ein neuer Roman. Wann wird er erscheinen?

Köhlmeier: Im Herbst 2010.

VN: Sie sind als Schriftsteller enorm aktiv, wie organisieren Sie den Alltag?

Köhlmeier: Ich habe nichts dagegen, viel zu schreiben, nur wenn der Begriff Vielschreiber abwertend verwendet wird. Eine Seite pro Tag – ist das wirklich viel?

VN: Mit Bernhard Fetz, dem neuen Leiter des Öster­reichischen Literatur­archivs, habe ich jüngst über Notizbücher bekannter Autoren gesprochen und wie sie Grundlage wissenschaftlicher Arbeiten sind. Machen Sie sich Notizen?

Köhlmeier: Als eifriger Spaziergänger habe ich immer mein Notizbuch dabei. Da klärt sich Wesentliches von Unwesentlichem. Wenn ich beispielsweise eine Handlung zurückbauen muss, die in eine andere Richtung führt, sind diese Bücher sehr wichtig.

VN: Sie haben die Literatur- und Kulturszene in Vorarlberg über Jahrzehnte miterlebt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Köhlmeier: Wenn man die Situation heute mit der in den Siebzigerjahren vergleichen wollte, dann wäre das wie Urwald und Zivilisation. Es gab Natalie Beer und Eugen Andergassen, die aber auch nicht über das Land hinaus bekannt waren. Natalie Beer war eine Nazi-Frau, die das Wort Demokratie nicht aussprechen konnte, wie sie mir in einem Interview sagte. Sie hat als einzige Autorin eine Rente vom Land bekommen. Sie sei ihr vergönnt, aber das wirft ein besonderes Bild auf das Land. Andergassen hat liebe Sachen geschrieben.

VN: Gilt das mit dem Urwald generell, denken wir zum Beispiel ans Theater?

Köhlmeier: Da muss ich anführen, dass ich kein Theaterschriftsteller bin. Da habe ich mich immer wie mit ausgeliehenen Schlittschuhen als Schwimmer auf dem Eisplatz gefühlt.

VN: Wir haben zurückgeblickt. Im heutigen Österreich ist die Literaturförderung immer noch ein Thema.

Köhlmeier: Der Meinung, dass es gut wäre, wenn Verlage gefördert werden, bin ich nicht mehr. Da wird ein Buch durchsubventioniert und dann bleibt es liegen. Die Literatur hat einen Markt, den kann man nicht wegdiskutieren. Schreiben ist etwas Individuelles. Es ist zu unterscheiden, ob es um ein Sozialthema oder um ein literarisches Thema geht. Ein großer Teil der Schriftsteller lebt am Existenzminimum. Die Produktionsbedingungen zu fördern, ist ein anderer, wichtiger Punkt.

VN: Und dann gibt es noch die andere Seite, die Literaturkritik . . .

Köhlmeier: Da wäre die Diskussion fruchtbringend. Eine öffentliche Meinung über Kunst zu gestalten, darüber sollte man reden. Große Zeitungen schränken den Feuilletonbereich ja schon ein.

VN: Sie sind auch ein Schriftsteller, der sich politisch einbringt.

Köhlmeier: Ich habe mich nie als politischer Schriftsteller verstanden. Wenn ich mich geäußert habe, dann als Bürger.

VN: Was bereitet Ihnen am meisten Sorgen?

Köhlmeier: Ein Rechtsruck, der viel aggressiver geworden ist als unter Haider. Der war noch dieser Gambler. Als Gegner konnte man hoffen, dass er sich aus seiner Spiellaune heraus selbst ein Bein stellt. Strache ist kein Spieler. Was die rechte Ideologie betrifft, ist sie dem unsäglichen nationalsozialistischen Gedankengut nähergerückt.

VN: Wo sehen Sie die Gründe für die hohe Anhängerzahl?

Köhlmeier: Vor allem bei jungen Männern ist offensichtlich ein hohes Maß an Frustration da nicht anerkannt zu werden. Das hat nichts damit zu tun, dass man nichts hat.

VN: Was wäre die Alternative?

Köhlmeier: Wirtschaftlich gesehen, eine Situation, dass Menschen mit ihrer Fantasie und Kraft gerufen werden. Man muss den Leuten sagen, macht eine gute Ausbildung, wir brauchen euch. Ich setze darauf, dass sich in den Köpfen die Nation langsam ablöst und zu einem größeren Gebilde führt, dass man das Gefühl hat in Portugal ebenso daheim zu sein, in Italien . . .

VN: Es gibt Schriftsteller, die haben sich konkret parteipolitisch engagiert.

Köhlmeier: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich eher links stehe, aber auch wenn ich kein Schriftsteller wäre, sondern Schreiner, wäre ich kein Parteimitglied.

VN: Warum wollten Sie gerade Schreiner werden?

Köhlmeier: Weil Holz so unglaublich gut riecht. Ich habe unser Haus umgebaut. Mit Hubert Dragaschnig, der der pragmatischste Mensch ist und zugleich der größte Träumer. Das war eines meiner schönsten Erlebnisse.

Quelle: VN, Christa Dietrich

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