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Indische Ortschaft seit zwölf Jahren überschwemmt

©EPA
Die Überschwemmungskatastrophe in Asien macht seit Wochen Schlagzeilen. In dem kleinen indischen Dorf Barabih sind überflutete Straßen jedoch längst Normalität. Seit zwölf Jahren ist der Weiler im nordöstlichen Bundesstaat Bihar immer mindestens einen Fuß breit überflutet.

Die Bewohner haben die Flucht ergriffen – oder sich an Leben mit nassen Füßen gewöhnt. Drei Viertel der Menschen haben Barabih seit 1995 verlassen, 1.400 harren weiter aus.

„Seit fast zehn Jahren versuchen wir die Behörden dazu zu bringen, das Dorf trocken zu legen“, sagt der Gemeindevorsteher Navneet Thakur. „Aber wir haben nichts erreicht, selbst die gewählten Vertreter ignorieren uns“, beklagt er sich. Der heftige Monsunregen dieses Jahr hat das Leben selbst für die abgehärteten Bewohner Barabihs fast unerträglich gemacht. Jetzt seien auch die letzten Straßen im Wasser versunken, erzählt der Dorfbewohner Ranjit Kumar.

Er und seine Nachbarn führen die Dauerüberschwemmung auf die Dämme zurück, die andere Dörfer bauten, um sich vor den Fluten zu schützen. „Und außerdem leitet die Zuckerfabrik in der Umgebung ihre Abwässer nach Barabih, auch deshalb steigt der Wasserspiegel im Dorf“, beschwert sich der Dorfvorsteher. „Der Gestank des Schmutzwassers ist oft unerträglich. Wir haben kein Fleckchen Land mehr um etwas anzubauen.“

Die Stromversorgung in dem Dorf 170 Kilometer entfernt von Patna, der Hauptstadt des Bundesstaates, funktioniert schon lange nicht mehr. Die Menschen ziehen Strom aus Lastwagenbatterien, die sie einmal pro Woche in nahegelegenen Städten aufladen. Der nächste Arzt ist vier Kilometer entfernt – und nur mit dem Boot zu erreichen.

Aber viel mehr als die schlechte Versorgung bedrückt die Bewohner des überfluteten Dorfes die Sorge um die Zukunft. Denn kaum einer der jungen Männer in Barabih findet noch eine Frau, die bereit wäre, zu ihnen zu ziehen – in einem Land, in dem Familie als das Wichtigste gilt, eine Tragödie. „Ich habe es aufgegeben, noch zu heiraten“, sagt der 35 Jahre alte Manoj Prasad. „Unser Dorf ist voller junger Männer. Denn keine Familie will ihre Tochter hierher schicken, wo sie hungern und sich für den Rest ihres Lebens in einem Boot fortbewegen muss“, klagt der 34-jährige Junggeselle Ashok Thakur. Auch Ranjit Kumar und der arbeitslose Sashank Kumar sind alleine geblieben. „Die neuen Fluten, die noch mehr Wasser bringen, verschlechtern unsere Chancen weiter, eine Familie zu gründen“, sagt Kumar.

Experten machen den planlosen Bau von Deichen in Bihar für die Lage im Dorf verantwortlich. Der verarmte Bundesstaat gilt als einer der korruptesten und gesetzlosesten in ganz Indien. 1952 habe es 160 Kilometer Deiche in Bihar gegeben, 2,5 Millionen Hektar Land waren damals von Überschwemmungen bedroht, erklärt der Entwicklungsfachmann Eklavya Prasad in der Zeitung „The Hindustan Times“. „Bis 2002 hat der Staat 3430 Kilometer Dämme gebaut, aber das gefährdete Gebiet dehnte sich auf 6,88 Millionen Hektar aus“, rechnet Prasad vor. „Der Grund für diese Strategie ist ganz einfach: Sie hilft, die gut geschmierten Verbindungen zwischen Politikern, Technokraten und Bauunternehmern aufrecht zu erhalten. Bestechung ist an der Tagesordnung.“

Von der diesjährigen Flut sind fast 14 Millionen Menschen in Bihar betroffen. Die Straßen in ihren Städten werden irgendwann wieder trocknen. Die Bewohner Barabihs hingegen werden weiter mit dem Boot durch ihr Dorf fahren.

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