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Indien: Singh möglicher Kandidat

Manmohan Singh gilt als Urheber der Reformen, die Indien zur regionalen Wirtschaftsmacht in Asien gemacht haben. Nun könnte er das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

Dies ist nach Fernsehberichten zumindest der Wunsch der Vorsitzenden der Kongresspartei, Sonia Gandhi, die auf dieses Amt am Dienstag überraschend verzichtet hat.

Die Finanzmärkte quittierten die Idee mit deutlichen Kursgewinnen. Nur einen Tag zuvor hatten Befürchtungen über die mögliche Beteiligung von Kommunisten an der künftigen Regierung die Aktienwerte noch in den Keller fallen lassen. „Als die Märkte Wind davon bekamen, dass Sonia Gandhi vielleicht doch nicht Ministerpräsidentin wird, war das der größte Auftrieb überhaupt“, sagte der Analyst Sindhu Sameer in Bombay. „Wenn Sonia nämlich draußen ist, dann heißt das, dass Manmohan drinnen ist, und er ist das Aushängeschild für Reformen in Indien.“

Der 71-jährige Singh wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, schaffte es jedoch später, in Oxford Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Er gilt als Technokrat, der weithin Respekt genießt, und ist ein enger Vertrauter Gandhis. Er hatte schon eine Reihe von nachrangigen Regierungsämtern innen, als er 1991 überraschend zum Finanzminister ernannt wurde. Damit begann ein Reformprogramm, das Indien in den kommenden fünf Jahren entscheidend voran gebracht hat. Er verabschiedete er sich nämlich vom weitgehend sozialistischen Wirtschaftskurs früherer Regierungen.

Singh verfügte eine Abwertung der Rupie, strich Subventionen für heimische Produktionsgüter und privatisierte einige Staatsbetriebe. Vor allem aber baute er die bürokratischen Hemmschuhe für Privatunternehmer ab. Zuvor musste praktisch jede Geschäftstätigkeit von der Regierung genehmigt werden. Die Kehrtwende kam in Indien fast schon einer Revolution gleich, die sich jedoch langfristig auszahlte. Nach jahrzehntelanger Stagnation verzeichnet die indische Wirtschaft zurzeit ein Wachstum von mehr als acht Prozent.

Das Wirtschaftswunder ist jedoch nicht bei allen Indern angekommen. Das hat die hinduistisch-nationalistische Regierung von Atal Bihari Vajpayee zu spüren bekommen. Aufbauend auf den Reformen, die Singh eingeleitet hat, warb sie im Wahlkampf für die Vision einer globalen Wirtschaftsmacht und wurde von den Wählern dafür abgestraft.

Trotz steigenden Pro-Kopf-Einkommens leben immer noch mehrere hundert Millionen Inder in großer Armut, und in vielen Millionen Dörfern gibt es auch heute noch keine Elektrizitäts- und Wasseranschlüsse oder eine medizinische Grundversorgung. Singh wird all seine volkswirtschaftliche Expertise brauchen, um diese Probleme zu lösen.

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