AA

„Im anderen den Menschen sehen“

Michael Natter von der Caritas über Betteln in Vorarlberg.
Bürgerforum Vorarlberg: Bettler auch in Feldkirch ein Thema
vorarlberger polizei warnt: Bettler werden immer aufdringlicher

Feldkirch. (VN-gms) Die Zunahme an Bettlern in der Feldkircher Innenstadt hat im Bürgerforum Vorarlberg zu einer hitzigen Diskussion geführt. Michael Natter, Fachbereichsleiter Existenz/Wohnen bei der Caritas, bezieht im VN-Heimat-Interview Stellung und erklärt, wo die Ursachen liegen und was man tun kann.

Im Bürgerforum Vorarlberg klagen Nutzer, dass das Betteln in der Feldkircher Innenstadt und auch in den umliegenden Ortsteilen stark zugenommen hat. Gibt es hier auch objektive Zahlen bzw. eine Einschätzung der Caritas?

Wanderbewegungen gibt es, seit es Menschen gibt. Meine (Groß-)Elterngeneration hat diese grausame Armut noch am eigenen Leibe gespürt und das Betteln und das Hausieren war damals Teil des Alltags. Die Finanz- und Wirtschaftkrise hat in Europa die Binnenmigration nochmals sehr verstärkt, was auch in Vorarlberg in den letzten Jahren sichtbarer geworden ist. Im Vergleich zu den großen Ballungsgebieten in Österreich, sind es sehr wenige Menschen, die hier in Vorarlberg durch Betteln auffallen. Man kann sie in den Städten jeweils an zwei Händen abzählen, nach einigen Wochen sind sie dann wieder weiter gereist. Genauere Zahlen liegen seriös nicht vor.

Wie ist ihre persönliche Einschätzung der aktuellen Situation?

Das Betteln ist ein Stachel in unserer Wohlstandsgesellschaft und bringt unser schlechtes Gewissen zum Vorschein. Wir wollen mit diesem Elend nicht wachgerüttelt werden aus unserer „heilen Welt”. Die globale Not im Fernsehen ist okay, nicht aber von Angesicht zu Angesicht. Obdachlose Menschen lösen immer große Irritationen aus. Die Klima- und Elendsflüchtlinge werden nicht aufzuhalten sein. Ich bin schon sehr davon betroffen, dass unser reiches Vorarlberg nicht einmal mit dieser derzeit überschaubaren Zahl von Notreisenden mehr solidarisch sein kann, in der Wahl der Worte und in den Unterstützungen.

Viele Bettler scheinen nicht aus Österreich zu stammen – wie kommen Sie zu uns? Ist das organisiert, oder sind das einfach notleidende Menschen die sich in Feldkirch eine Besserung ihrer Situation erhoffen?

Die meisten Menschen kommen aus sehr benachteiligten Ländern Südosteuropas, weil sie dort gänzlich ohne Perspektive sind. Sie organisieren sich innerhalb der Verwandtschaft oder bilden Zweckgemeinschaften. Jeder hier erbettelte Euro sichert ihnen wieder in ihren Herkunftsländern eine Zeit zum Überleben. Es gibt veröffentlichte Einzelfälle von Menschenhandel und kriminellen Machenschaften in Österreich. Viele Vermutungen, Zuschreibungen und Vorverurteilungen werden hier gemacht und damit aber eine ganze verelendete Gruppe noch mehr an den Rand gedrängt.

Ist das Betteln wirklich ein „Geschäft”, wie viele Menschen behaupten?

Eine Recherche in Graz hat ergeben, dass Bettler – abhängig vom Wetter, Standort und Alter – zwischen € 6 und € 20 pro Tag einnehmen. Damit muss dann aber noch die Unterkunft und die Reisekosten bestritten werden. Schaut eher nicht nach reich werden aus.

Wie kann man diesen Menschen am Besten helfen? Soll man Ihnen Geld geben?

Man kann im Einzelnen nicht das lösen, was politisch nicht angegangen wird. Die Grundhaltung sollte sein, im anderen den Menschen zu sehen und zugleich sich frei zu fühlen, ob man etwas gibt oder nicht. Die Unsicherheit, ob die eigene Gabe wirklich sinnvoll ist, lässt sich nie ganz ausräumen. Was ich tue und welche Hilfsmöglichkeiten ich habe, kann nur ich entscheiden.

Geben Sie persönlich Bettlern Geld?

Nein. Ich vermittle eher Menschen in Notlagen an Stellen, die eine tätige Hilfe machen können. Die Förderung von Projekten in den Heimatländern sind mir auch wichtig.

Was für Maßnahmen ergreift die Caritas, um diesen Menschen zu helfen?

Die Infrastruktur der Caritas steht allen Menschen in Not offen. JedeR soll eine Erstberatung bekommen, der Tagesaufenthalt mit Duschen, Aufwärmen und Wäschewaschen ist zugänglich, auch gibt es Möglichkeiten von Kurzzeitübernachtungen. Klar ist, dass Gruppenbetreuungen andere organisatorische Regeln wie die Einzelfallhilfe erfordern.

Kann man die Caritas dabei unterstützen?

Ja, indem man mit diesen Menschen in verschiedener Weise in Kontakt tritt, sich von ihrer Situation betreffen lässt und damit dann ein positiver Meinungsbildner im eigenen Umfeld wird. Man kann an die Caritas weiter vermitteln, aber auch Geldmittel für diese spezielle Arbeit zur Verfügung stellen.

Viele Menschen fühlen sich durch die Bettler eingeengt oder gar bedroht – was kann man von Seiten von Politik und Gesellschaft tun, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Nicht wegschauen, die Realität sehen und eigene Handlungsmöglichkeiten in den Gemeinden und für Vorarlberg erarbeiten, nicht polarisieren und ein Klima, ein Bewußtsein von Solidarität und einer Austauschgerechtigkeit in der öffentlichen Meinungsbildung fördern. Und z.B. klar Position zu beziehen wie die Stadtpolizei von Feldkirch, die sagt „unaufdringliches Betteln ist ein zu schützendes Menschenrecht und legal”. Das ist hilfreich.

Michael M. Natter, Fachbereichsleiter der Caritas Vorarlberg

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • „Im anderen den Menschen sehen“
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen