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"Ich möchte glauben lernen"

Brandauer las Texte von Dietrich Bonhoeffer und sorgte für tiefe Betroffenheit
Brandauer las Texte von Dietrich Bonhoeffer und sorgte für tiefe Betroffenheit ©APA

Auch ohne zu wissen, welche Texte er lesen würde, strömten am Samstagabend etwa 200 Personen in die Bludenzer Remise, um Klaus Maria Brandauer zu erleben. Der Schauspielstar, der bereits zum vierten Mal Gast von Kultur.LEBEN in Bludenz war, ist eben immer ein Garant für große Vortragskunst. Diesmal hatte er sich ganz bewusst “gegen etwas Lustiges”, wie er es selbst im Abspann meinte, entschieden. Er hatte das andere Extrem gewählt, indem er Texte von Dietrich Bonhoeffer, unter anderem aus dem Briefwechsel mit seiner Verlobten Maria von Wedemeyer las.
Brandauer zeigte im Verlauf dieser tief bewegenden Stunde sein ganzes schauspielerisches Potenzial und vermittelte den Zuhörern die von Hoffen und Bangen geprägten Stimmungsschwankungen des ab April 1943 in Tegel in Untersuchungshaft sitzenden lutherischen Geistlichen.
Nach einem Brief an die Eltern ließ Brandauer im ersten Teil Bonhoeffers Gedanken über Glauben, über Gott und über den Tod (“das höchste Fest auf dem Weg zur ewigen Freiheit”) Revue passieren und die Frage stellen: “Wer bin ich?” Gewissermaßen als dramaturgischen Höhepunkt stellte er den bekanntesten lyrischen Text des Inhaftierten – “Von guten Mächten wunderbar geborgen” – in das Zentrum des Abends.
Im Anschluss daran wurden die Texte privater, ja intimer – etwa mit “Ich möchte den Duft deines Wesens einatmen”, dem wohl persönlichsten Gedicht Bonhoeffers, das dieser im Sommer 1944 als Erstes aus dem Gefängnis schmuggeln konnte. An das Ende setzte Brandauer schließlich einen bewegenden Brief an die Mutter, in dem der Theater- und Filmstar die Angst und Verzweiflung, aber auch seine letztliche Ergebung in sein unabwendbares Schicksal eindrucksvoll zum Ausdruck brachte.
Die Betroffenheit war so groß, dass der Schlussapplaus nur zögernd einsetzte. Zum Gelingen des Abends trug auch Ingrid Marsoner bei, die den Zuhörern zwischen den einzelnen Texten mit ausgewählten kurzen Klavierstücken Zeit zur Reflexion verschaffte.

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