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„Ich glaube an die Freiheit und den Reichtum der Künste“

©Frederick Sams
Bei Philipp Stölzl spielt „Rigoletto“ im Zirkus, mit einem Clown und starkem Gegenwartsbezug.
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Der Herzog ist ein Zirkusdirektor, Rigoletto der Clown, Gilda eine Luftakrobatin, der Mörder Sparafucile ist ein Messerwerfer und der Graf und die Gräfin Ceprano sind Jongleure. Philipp Stölzl, der deutsche Regisseur, Bühnenbildner und Filmemacher verlegt Verdis Oper „Rigoletto“ in eine Zirkuswelt. Dass sich das 1851 uraufgeführte Werk, das auf Victor Hugos „Le roi s’amuse“ zurückgeht, für die Seebühne eignet, war ihm sofort klar, als die Anfrage von Intendantin Elisabeth Sobotka kam. Den riesigen Clownskopf mit dem Ballon, diese wie eine Marionette bewegbare Figur, hatte er aber nicht sofort vor Augen. „Es war ein langer Prozess, ich habe die Musik gehört, Bilder recherchiert, das Stück analysiert und Skizzen gemacht.“ Herausgekommen sei erst einmal etwas ganz anderes als das, was man nun sieht. Im zweiten Anlauf kam dann die Marionette ins Spiel. „Ich habe es als schönen Prozess empfunden, dass es hier bei diesen Festspielen eine große Lust gibt, alle zwei Jahre etwas Besonderes zu machen. Man hat das Gefühl, dass man umso mehr Begeisterung und Leidenschaft entfacht, je kreativer und verrückter die Ideen sind, mit denen man hier ankommt.“ Es werde mit jeder neuen Produktion am See ein Monumentalprojekt hingestellt, das Weltklasse hat. „Diese Art von großer Oper gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.“

Stölzl, der an vielen großen Häusern inszeniert und nun gerade den Film „Ich war noch niemals in New York“ fertiggestellt hat, kam vor gut zehn Jahren erstmals nach Bregenz. Damals spielte man „Tosca“, diese Art, Opern umzusetzen, hat ihn sofort fasziniert: „Ich gebe zu, ich war immer schon ein Fan von Bregenz“, sagt er heute. Unter Kollegen sind diese Festspiele ein großes Thema, aber es scheiden sich die Geister. Opernpuristen lehnen bereits die Verstärkung durch die Tonanlage ab und man müsse das große Spektakel mögen und es aushalten, dass man kein feines psychologisches Spiel umsetzen kann. Stölzl mag das Spektakel, er attestiert der Tonanlage höchstes Niveau und nimmt an, dass Verdi die Möglichkeiten genutzt hätte, wenn sie ihm zur Verfügung gestanden wären. „Ich glaube an die Freiheit und den Reichtum der Künste. Ich habe mit Anna Netrebko in Berlin ,Il trovatore‘ gemacht, es war ein unfassbares Erlebnis, diese Stimme in diesem kleinen Schillertheater zu erleben. Hier gibt es die modernste Technik und es klingt fast noch besser als im Opernhaus. Das ist eine andere Form von Oper. Die Glaubenskriege, was die wahre Oper ist, mag ich nicht.“

Komisch und grausig

Jedenfalls hält Philipp Stölzl das Stück von einem Herzog, der reihum Frauen verführt und von seinem Handlanger Rigoletto, dem auf das Schlimmste mitgespielt wird, für sehr aktuell. „In letzter Zeit werden die Fragen nach Machtmissbrauch dringlicher gestellt.“ Was komisch und burlesk gemeint ist, das soll auch bei ihm albern bleiben, fast wie in einer Shakespeare-Komödie, Vorkommnisse, die grausig sind und mit Missbrauch zu tun haben, die sollen auch so gezeigt werden. „Dass der Narr Täter und Opfer zugleich ist, das lässt sich fast in jedem hierarchischen System erzählen. Wenn man das in einem historischen Gewand macht, also an einem Renaissance-Fürstenhof, dann sagt uns das nicht mehr viel. Das schien mir zu weit weg. Als Koordinatennetz, in dem klar ist, wer oben ist und wer unten, war es für mich brauchbar, das Stück auf ein Urthema zurückzuführen, auf das Marionettenspiel, und da hat sich diese Zirkus- und Theaterwelt ergeben. Mit dem Zirkus hast du eine ganz klare Hierarchie.“ Eine bunte Welt, könne sich auch als sehr vergiftet herausstellen. „Ich mag es gerne, wenn die Oper ein bisschen in eine unbekannte, wundervolle Welt entführt. Ich finde es schön, wenn die Stücke einen Gegenwartsbezug haben, aber ich findet es auch schön, wenn man den Zauber bedient.“

Dass er auf der Seebühne Sängerinnen und Sänger braucht, die bereit sind, vieles mitzumachen, war klar. Man habe das Team frühzeitig auf die Herausforderungen vorbereitet. Stölzl hatte sich jeweils Alternativen überlegt, wenn das Begehen der verschiedenen Ebenen und manche nahezu halsbrecherischen Aktionen nicht umsetzbar gewesen wären. Doch alles habe funktioniert, die gute Stimmung bei den Proben mit seinem „tollen Team“, zu dem als Co-Regisseur Philipp Krenn und als Co-Bühnenbildnerin Heike Vollmer zählen, habe alle mitgerissen. Abgesehen davon gelinge es dem Team in Bregenz nicht nur Vertrauen aufzubauen, die ganze Anlage habe einen enorm hohen Sicherheitsstandard. „Es ist auch mein Anliegen, dass man eine solche Produktion so hinbekommt, dass niemand Risiken eingeht.“ Dass alles so spektakulär daherkomme, sei auch ein Ergebnis von Besonnenheit.

Zweigs „Schachnovelle“

Philipp Stölzl, geboren 1967 in München, ist auch Regisseur von Filmen wie „Der Medicus“ oder „Winnetou – Der Mythos lebt“. „Ich war noch niemals in New York“ kommt im Herbst in die Kinos. Die Arbeit an Musikvideos hat er beendet. Der Markt habe sich verändert und vielleicht sei er auch aus diesem Alter raus. Das nächste Filmprojekt ist die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig. Pause gönnt er sich heuer keine, denn am Theater Basel, wo er bereits oft tätig war, inszeniert er die Saisonauftaktproduktion, nämlich „Andersens Erzählungen“, ein Auftragswerk mit Musik von Jherek Bischoff. „Ich suche auch abseits der klassischen Oper nach Stoffen, ich finde es reizvoll, wenn man nicht gleich weiß, wohin es geht“, sagt der Familienvater, der er­läutert, dass der Dreh nur etwa zehn Prozent der Arbeit an einem Film ausmacht. „Filmen fängt mit einem leeren Blatt Papier an. Die Kinder gehen in die Kita und ich sitze dann am Schreibtisch und arbeite wie viele Menschen in anderen Berufen auch.“  Christa Dietrich

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