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"Ich gäbe alles dafür, wieder laufen zu können"

Batschuns - Sie wurde als Nachwuchshoffnung gehandelt: Schirennläuferin Heike Türtscher. Vor einem Jahr beendete ein Sturz jäh ihre Laufbahn. Seither ist sie querschnittgelähmt.

Der „Sonntag“ besuchte die 19-Jährige in Batschuns. Das hübsche Mädchen träumte von einer großen Schikarriere. Die Chance, dass ihr Traum Wirklichkeit würde, war groß. Denn Heike Türtscher hatte riesiges Talent und einen unbändigen Siegeswillen. Beides zusammen ließ sie viele Rennen gewinnen. Davon zeugt ein Schrank voller Pokale und eine Schachtel voller Medaillen. Das was sie sich vornahm erreichte die junge Batschunserin gewöhnlich. Zunächst war dies die Aufnahme im Verband Vorarlberger Schiläufer (VVS), dann die Aufnahme im Schigymnasium in Stams. „Von 70 Bewerbern wurden nur sieben genommen. Meine Tochter war dabei“, erzählt Heikes Vater Gerhard stolz.

Laufend verletzt

Doch seine talentierte und willensstarke Tochter peilte ein noch höheres Ziel an: Sie wollte in den Kader des Österreichischen Schiverbandes. Und dann ganz vorne in der Weltspitze mitfahren. So wie ihr Vorbild Anja Pärson. Das waren Heikes Pläne. Doch Verletzungen (zwei Kreuzbandrisse und ein Sehnenriss an der Hand) warfen sie so zurück, dass sie schließlich wegen mangelnder Leistung aus dem VVS hinausgeworfen wurde. Aber Heike ließ sich nicht unterkriegen, begann nach der Genesungszeit wieder fest zu trainieren. Denn sie wollte ja eine erfolgreiche Schirennläuferin werden.

Doch das Schicksal wollte es anders. Am 28. November 2006 verunglückte die 18-Jährige beim Riesentorlauf-Training in Obergurgl schwer. „Ich bin mit der Hand beim Tor eingehängt. Dann hat’s mich ausgedreht und in einen Wassergraben geschleudert“, erinnert sich Heike an den Unfall. Und: „Ich lag ganz komisch da. Der Rücken tat mir weh. Die Füße hingen mir weg. Ich konnte sie nicht mehr bewegen. Da wusste ich, dass mein Rückenmark verletzt ist.“

Der Wassergraben war betoniert. Auch Schnee lag keiner drinnen. „Es wäre nichts passiert, wenn vor dem Wassergraben ein Fangzaun gewesen wäre. Aber es war keiner angebracht“, klagt Heikes Vater.

Ein anatomisches Wunder

Die Konsequenzen waren dramatisch: Heikes Lendenwirbel brachen und verschoben sich. Ein Lungenflügel wurde fast völlig zerstört. Niere und Leber rissen. Die schweren Verletzungen hatten starke innere Blutungen zur Folge. Drei dieser Verletzungen waren lebensgefährlich. Die Ärzte in der Spezialklinik in Murnau gaben ihr keine Überlebenschance.

Doch Heike überlebte. Zum Erstaunen aller. „Die Ärzte sprachen von einem anatomischen Wunder“, so Vater Gerhard. Während über die schlimmste Zeit ihres jungen Lebens geredet wird, bleibt Heike cool. Ihrer Mutter hingegen machen die Erinnerungen an den Unfall zu schaffen. „Die Ärzte verboten uns, vor Heike zu weinen“, sagt sie und jetzt füllen sich ihre Augen mit Tränen. Noch heute hat sie das Bild ihrer Tochter vor Augen, wie sie inmitten von Apparaten und Schläuchen, kreidebleich im Bett lag. Wie soll man angesichts dessen stark sein?

Eine willensstarke Frau

Mutter Elfriede fängt sich wieder, wirft einen liebevollen Blick auf ihre Tochter und sagt: „Wir sind so dankbar und froh, dass sie noch bei uns ist. Und dass sie den Kopf nicht hängen lässt.“ Man könnte es verstehen, wenn sie es täte, denn Heike ist seit ihrem Unfall querschnittgelähmt. Dass sie nicht mehr laufen kann, realisierte die junge Frau erst richtig, als man ihr den Rollstuhl brachte. „Ich sagte: “Den brauch’ ich nicht.” Doch dann machte man mir klar, dass ich den künftig zum Leben brauche.“ Mit dem Rollstuhl hat sie sich bis heute nicht angefreundet. „Aber es nützt nichts, wenn ich irgendwo hin will, muss ich ihn nehmen.“ Zum Erstaunen der Ärzte geriet sie aber bis heute in keine Krise. „Einen richtig schlechten Tag hab’ ich nie“, gibt Heike zu verstehen, dass sie nicht depressiv ist. Selbstverständlich hat sie schon mit dem Hergott gehadert. „Mein Freund ist er jetzt nicht mehr.“ Natürlich fragt sie sich manchmal: „Warum muss ich es grad sein?“ Aber dann kommt die Einsicht, „dass ich daran eh nix ändern kann“.

Doch die Hoffnung, wieder einmal laufen zu können, lebt ganz stark in ihr. „Auf dieses Ziel schaffe ich hin.“ Täglich übt sie das Laufen mit Hilfe von Schienen und Krücken. Ihr starker Wille ist ihr dabei eine Hilfe. Dass sie den besitzt, hat sie schon vor ihrem Unfall bewiesen. Und danach. Nach dem viermonatigen Klinikaufenthalt besuchte Heike wieder das Gymnasium. „Sie wollte unbedingt die Matura machen“, erzählt ihre Mutter lächelnd.

Heike schaffte die Matura auf Anhieb. Im Herbst begann sie in Innsbruck Wirtschaftswissenschaften zu studieren – mit dem Ziel vor Augen, „einmal im Geldwesen tätig zu sein. Das tät’ mir taugen“. Die 19-jährige Studentin kann nach eigener Aussage damit leben, dass sie nicht mehr Schifahren kann, „aber ich gäbe alles dafür, wieder laufen zu können“. Ihre Mutter zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und schneuzt sich. Darauf reagiert Heike mit: „Mama, mir kommt vor, dir tut’s mehr weh als mir.“ Heikes Vater muss auch schlucken. „Wahrscheinlich verkraftet man das nie“, mutmaßt er. Immerhin kam ihm seine Heike abhanden. Seine Heike, mit der er in jeder freien Minute Radfahren und Bergsteigen ging. Diese Heike gibt es nicht mehr.

Eine Zeit des Schreckens

Aber man dürfe nicht undankbar sein, maßregelt sich Gerhard selber. „Denn es könnte viel ärger sein. Wenn man in der Klinik jene sieht, die ärmer dran sind, müssen wir froh sein, dass es so ausgegangen ist.“ Spricht’s und zündet beim Adventskranz die zweite Kerze an.

Heuer können die Türtschers die Weihnachtszeit genießen. Im Vorjahr war sie eine Zeit des Schreckens.

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