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Hitler-Boom am Bosporus

Dumpingpreise und eine um sich greifende anti-westliche Stimmung haben Adolf Hitler plötzlich zu einem Bestseller-Autor in der Türkei gemacht. Seit Jahresbeginn wurden zwischen Bosporus und Ararat rund 50.000 Exemplare von "Mein Kampf" verkauft.

In einem Land, in dem die durchschnittliche Auflage eines Buches bei 3000 Stück liegt, ist das ein beachtliches Ergebnis. Die deutsche Botschaft in Ankara und jüdische Gemeinde in der Türkei, die noch unter dem Schock der Synagogen-Anschläge vor anderthalb Jahren steht, sind beunruhigt. Vor allem bei türkischen Rechtsnationalisten findet Hitler viele Leser – und angeblich auch bei Mitgliedern der Sicherheitskräfte.

„Mein Kampf“ rangiert derzeit auf Rang vier der Bestsellerliste von „D&R“, einer der größten Buchladenketten der Türkei. Rund ein Dutzend türkische Verlagshäuser haben den Hitler-Wälzer im Angebot. In der Türkei ist „Mein Kampf“ nicht verboten, schon seit langem werden jedes Jahr einige tausend Exemplare verkauft. Doch seit Jahresbeginn klettern die Verkaufszahlen spektakulär in die Höhe. Mehrere Verlage haben neue Ausgaben von „Mein Kampf“ auf den Markt geworfen, die mit Preisen von umgerechnet 3,50 Euro viele Käufer anziehen. Bei Internet-Buchhandlungen liegen die Preise noch darunter.

Dass sich die Türken plötzlich so sehr für Hitlers Buch interessieren, liegt nicht nur an den niedrigen Preisen. Schon seit einiger Zeit ist in der türkischen Öffentlichkeit eine antiwestliche und besonders anti-amerikanische Stimmung zu spüren, die vor allem mit den Erfahrungen der Türkei im Irak-Krieg zusammenhängt. Viele Türken haben die Amerikaner im Verdacht, die gesamte Region gegen die Interessen der moslemischen Staaten umkrempeln und die Position Israels stärken zu wollen. Es ist kein Zufall, dass sich der Roman „Metallsturm“, der einen fiktiven türkisch-amerikanischen Krieg zum Thema hat, derzeit noch besser verkauft als „Mein Kampf“. Vom Anti-Amerikanismus zum Antisemitismus ist es auch für türkische Nationalisten nicht weit. „Es gibt derzeit Sympathien für diese Sachen“, sagt der Medienwissenschaftler Kürsat Bumin über den antijüdischen Trend im Land.

Zudem haben die vielen, im Rahmen der türkischen EU-Bewerbung eingeleiteten demokratischen Reformen der letzten Jahre in nationalistischen Kreisen eine Gegenbewegung ausgelöst. Auf Antrag der Opposition annullierte das türkische Verfassungsgericht erst vor wenigen Tagen ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei den Immobilien-Erwerb erlaubte: Kritiker argumentierten, mit dem Gesetz werde die Einheit der Nation gefährdet, und verwiesen unter anderem auf angebliche Landkäufe durch Juden, mit denen israelische Firmen die Trinkwasservorräte der Türkei kapern wollten. Besonders beliebt sei „Mein Kampf“ bei Anhängern der rechtsnationalistischen Partei MHP, bei den Mitgliedern der populistischen Genc Partisi sowie bei Polizeischülern, berichtet die Zeitung „Aksam“.

Die jüdischen Gemeinde in der Türkei ist beunruhigt über den Erfolg des Hitler-Buches. Der Antisemitismus könnte dadurch angeheizt werden, erklärte ein Gemeindesprecher. Auch die deutsche Botschaft in Ankara beobachtet die Situation. „Wir sind über die Verfügbarkeit und die offenbar steigende Popularität dieses Buches besorgt“, erklärte die deutsche Vertretung in der türkischen Hauptstadt.

Dabei dürfte das Hitler-Buch streng genommen in der Türkei überhaupt nicht auf dem Markt sein. Inhaberin der Rechte an „Mein Kampf“ ist die bayerische Landesregierung – und die erteilt weder im Inland noch im Ausland eine Druckgenehmigung. Das bedeutet, dass die türkischen Versionen nach deutschem Verständnis Raubdrucke sind. „Auf Bitten der bayerischen Landesregierung prüfen wir derzeit die rechtlichen Möglichkeiten, in der Türkei gegen das Buch vorzugehen“, erklärte die deutsche Botschaft. Der Hitler-Boom am Bosporus könnte von kurzer Dauer sein.

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