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Anton Plankensteiner führte die Vorarlberger Nazis in den Anschluss.
Anton Plankensteiner führte die Vorarlberger Nazis in den Anschluss. ©Wikimedia, Archiv Dornbirn

Heute vor 80 Jahren: So lief der Anschluss von Vorarlberg ab

Anfang März spitzt sich die Situation für den austrofaschistischen Kanzler Kurt Schuschnigg zu. Um dem Druck aus Deutschland etwas entgegenzuhalten, kündigt er eine Volksabstimmung an - und zwingt Hitler zum Handeln.
Anschluss: Bilder vom Einmarsch

Die Vorgeschichte

Der 1933 von Engelbert Dollfuß (1934 von Nationalsozialisten getötet) installierte Austrofaschismus ist im Widerstand gegen den deutschen Nationalsozialismus isoliert. Die langjährige faschistische Schutzmacht Italien sieht im Dritten Reich den wertvolleren Verbündeten, die Westmächte wollen sich in den “innerdeutschen” Konflikt nicht einmischen. Der von Kanzler Kurt Schuschnigg aufgebaute Personenkult um Dollfuß kann den wachsenden Einfluss der Nationalsozialisten nicht aufhalten. Bereits im Februar 1938 drohte Hitler mit einem Einmarsch, woraufhin Schuschnigg mit Seyß-Inquart als Innenminister, Glaise-Horstenau und Hans Fischböck nun drei bekennende Nationalsozialisten in die Regierung erzwungen wurden.

Befreiungsschlag Volksabstimmung

Am 9. März gab Schuschnigg in Innsbruck bei einer Rede bekannt, dass man am 13. März eine Volksabstimmung zur Zukunft Österreichs abhalten wolle. Die Frage an das Volk lautete, ob es ein “freies und deutsches, unabhängiges und soziales, ein christliches und einiges Österreich” wolle oder nicht. Es wurde mit einer breiten Zustimmung gerechnet. Dies brachte Hitler unter Zugzwang, er befiehlt am 10. März die Mobilisierung der 8. Armee für das “Unternehmen Otto” und bestellt Glaise-Horstenau zu sich.

Der 11. März aus Vorarlberger Sicht

In Vorarlberg laufen derweil am Freitag noch die Vorbereitungen für die am Sonntag stattfindende Volksabstimmung. Die Stimmung ist gespannt, in den vergangenen Tagen zeigten sich die heimischen Nationalsozialisten immer offener. Am 6. März wurden bei einem Skirennen am Bödele bei einem Marsch der Teilnehmer durch Dornbirn offen mit dem “Deutschen Gruß” und Heil-Hitler-Rufen aufgetreten, am Bödele wehte eine Hakenkreuzfahne.

Das Dollfuß-Denkmal in Bregenz. - Landesbibliothek
Das Dollfuß-Denkmal in Bregenz. - Landesbibliothek ©Das Dollfuß-Denkmal in Bregenz. – Landesbibliothek

Vor allem Dornbirn war als braunes Nest bekannt, bereits im Sommer 1934 wurde Dollfuß hier mit Heil-Hitler-Rufen begrüßt. Das Militär reagierte mit Straßensperren, aufgepflanztem Bajonett und MG-Stellungen in ganz Dornbirn. Viele Textilindustrielle der Messestadt sympathisierten offen mit dem Nationalsozialismus, viele Dornbirner wohnten in deren Zinshäusern. Ihre Mitarbeiter waren teils aus Überzeugung, teils aus wirtschaftlichen Zwängen meist die Masse solcher Machtdemonstrationen. Auch der illegale Gauleiter von Vorarlberg, der Kriegsheld Toni Plankensteiner, war Dornbirner.

Der illegale Gauleiter Anton Plankensteiner. - Wikimedia
Der illegale Gauleiter Anton Plankensteiner. - Wikimedia ©Der illegale Gauleiter Anton Plankensteiner. – Wikimedia

Der Vormittag des 11. März

Gegen acht Uhr wird der Vorarlberger Landesleiter der Regierungspartei “Vaterländische Front” (VF) informiert, dass die Grenze zu Lindau geschlossen und deutsche Soldaten in Grenznähe seien. Eine Stunde später informiert der Bundesbahninspektor Dürr ihn, dass auch der Brenner nach Italien von italienischen Soldaten geschlossen wurde. Gegen 10 Uhr erhält Schuschnigg das deutsche Ultimatum: Seyß-Inquart habe Kanzler und die Abstimmung abgesagt zu werden, ansonsten drohe der Einmarsch.

12 bis 18 Uhr: Unruhe auf den Straßen

Gegen 12:30 erhält Erwin Hefel, späterer NS-Bürgermeister Feldkirchs, von SA-Stabsleiter Ernst Ginthör den Befehl, um 20 Uhr singend durch Feldkirch zu ziehen und dabei den “Deutschen Gruß” zu zeigen. Männer aus Feldkirch, Göfis, Frastanz und Satteins werden zusammengezogen. Auch in Bregenz, Dornbirn und Wien sind vermehrt NS-Tätigkeiten zu beobachten. Dies bleibt der Frontmiliz, wie die Heimwehr der VF in Vorarlberg hieß, nicht verborgen. Sie beginnt in Feldkirch mit aufgepflanztem Bajonett zu patrouillieren.

Österreich erfährt, dass es von den Weltmächten keine Hilfe erwarten könne. Schuschnigg bietet um 15:15 Uhr erstmals seinen Rücktritt an, Bundespräsident Miklas verweigert diesen jedoch. Auch später will er unter keinen Umständen Seyß-Inquart ernennen. In die Bundesländer dringen keine Informationen. Erst um 16:30 Uhr erfährt das VF-Büro in der Bregenzer Montfortstraße vom deutschen Ultimatum, jedoch keine Details oder Befehle.

18 bis 20 Uhr: Gott schütze Österreich

Um 18 Uhr berichtet das Radio, dass die Volksabstimmung verschoben wird. Da keine Informationen Wien verlassen, laufen gleichzeitig noch die Vorbereitungen zur Abstimmung. Immer mehr Nazis drängen auf die Straßen, oft bereits in den Uniformen der SA, SS und HJ. Schuschniggs Rücktritt ist beschlossene Sache, ganz im Gegensatz zur Angelobung des nationalsozialistischen Kabinetts. Gegen 19 Uhr umstellt die SA-Standarte 89, die auch für den Tod Dollfuß’ verantwortlich war, das Bundeskanzleramt. Das Bundesheer erhält den Befehl, kein deutsches Blut zu vergießen. Die Gendarmerie hat Befehl, sich zurückzuhalten.

Kurt Schuschnigg im Jahre 1936. - Wikimedia
Kurt Schuschnigg im Jahre 1936. - Wikimedia ©Wikimedia

In Vorarlberg erfährt man gegen 19:30 Uhr aus dem Schweizer Rundfunk erstmals Genaueres über die Lage in Wien. In Feldkirch sammeln sich Nationalsozialisten auf dem Jahnplatz und ziehen zum Gasthaus Löwen in der Neustadt. Dort ist die Feldkircher Parteielite versammelt. Um 19:47 tritt Schuschnigg improvisiert vors Mikrofon im Bundeskanzleramt und gibt dem unvorbereitetem Österreich die Kapitulation bekannt:

So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!” 

Die gesamte Rede im Originalton in der österreichischen Mediathek 

20 bis 21 Uhr: Jubelnde Nazis, erschütterte VF

Der Rücktritt trifft die Vaterländischen in Vorarlberg vollkommen unvorbereitet. In Feldkirch und Dornbirn wehen nun bereits Hakenkreuzfahnen, im “Weißen Kreuz” in Dornbirn tagt die Gauleitung der Nazis. Ein Feldkircher Gendarmeriebeamter fragt im “Löwen” nach, ob es in Feldkirch SA und SS gibt. Hefel bejaht und übernimmt den Sicherheitsdienst. Nationalsozialisten ziehen jubelnd durch Feldkirch, die SA und Freiwillige besetzen die Grenzübergänge zur Schweiz und Liechtenstein.

Während Hitler den Einmarsch für den kommenden Morgen befiehlt, zieht sich Landeshauptmann Ernst Winsauer mit seinen Getreuen in seine Wohnung zurück, um der kommenden Dinge zu harren. Der Befehl, Dokumente zu vernichten, ergeht nicht. Die Nationalsozialisten erbeuten so im VF-Büro unter anderem nicht nur Listen über NS-Spitzel, sondern auch über Kommunisten und Juden im Ländle.

21 Uhr bis 23 Uhr: Die Machtübernahme und Widerstand

Während Plankensteiner in Dornbirn noch eine Rede hält, übernehmen SA-Führer Erich Feierle und SS-Führer und späterer Sicherheitsdirektor Alfons Mäser das Landhaus in der Montfortstraße und entwaffnen die widerstandslose Frontmiliz vor Ort. Gegen 21:30 Uhr macht sich Plankensteiner auf den Weg nach Bregenz. Im Reichenfeld bei Feldkirch trifft die SA gegen 21:30 Uhr auf die bewaffnete Frontmiliz, darunter mehrere Maschinengewehre. Die Frontmiliz verschanzt sich nahe der Turnhalle, bewaffnete Gendarmerie rückt an. Bezirkshauptmann Graf und Hefel klären Frontmilizkommandant Max Baldessari über den Machtwechsel auf. Er verlangt, den Frontmiliz-Landesführer Toni Ulmer anzurufen um sich dies bestätigen zu lassen. Dieser ist zu diesem Zeitpunkt in Bregenz bereits verhaftet worden.

Um 22 Uhr trifft Plankensteiner im Landhaus ein. Per Telefon verlangt er von Winsauer die Übergabe der Regierung, was dieser widerstandslos zur Kenntnis nimmt und ins Landhaus kommt. Eine halbe Stunde später akzeptiert Miklas die Angelobung von Seyß-Inquart als Kanzler, in Bregenz und Dornbirn ziehen Fackelzüge durch die Straßen. Vor dem Haus der Familie Turteltaub singt der Mob “Hängt die Schwarzen, hängt die Juden”.

Nach 23 Uhr: Die letzte Nacht

Kurz nach 23 Uhr gibt der Rundfunk bekannt, dass Seyß-Inquart die Regierungsgeschäfte übernommen hat. Im ganzen Land gibt es die ersten Übergriffe auf Gegner der Nationalsozialisten, diese reichen von Demütigungen bis Massenverhaftungen. Viele von ihnen kommen gegen “Sühnezahlungen” in die Taschen der Nationalsozialisten wieder frei, andere wie der Gendarmeriekommandant Hugo Lunardon direkt ins KZ.

Kurz vor Mitternacht gibt Plankensteiner im Radio sein in aller Eile zusammengestelltes Kabinett bekannt. Erst jetzt gelingt es in Feldkirch, die Frontmiliz zur Aufgabe zu überreden und zu entwaffnen. Die Sperrstunde um zwei Uhr wird aufgehoben, im Rheintal feiern die Nationalsozialisten bis weit in die Nacht hinein. Abseits des Rheintals verläuft der Machtwechsel meist um einiges ruhiger.

Der Einmarsch

Bereits um vier Uhr besetzt ein Vorauskommando des Infanterieregiments 14 aus Konstanz die Zollwachen am Unter- und Oberhochsteg. Der deutsche Kommandant kontrolliert gegen sechs Uhr, ob die Klause bei Bregenz verteidigt wird. Das Heer befolgt jedoch die Befehle und verbleibt in der Kaserne. Um acht Uhr rückt die Wehrmacht gegen Bregenz. Zwei Panzerabwehrkanonen werden auf die Kaserne gerichtet und die Übergabe gefordert. Nach zähen Ringen und einer zeitweisen Entwaffnung der Soldaten übernimmt die Wehrmacht die Kontrolle. Die Vorarlberger Soldaten und Offiziere geben sich bewusst distanziert und verzögern die Übergabe.

Stadtarchiv Dornbirn
Stadtarchiv Dornbirn ©Stadtarchiv Dornbirn

Kurz vor halb neun Uhr rückt die Wehrmacht in Bregenz ein. Ehemalige Illegale testen als Späher, ob mit Widerstand zu rechnen ist, bevor die Wehrmacht aufmarschiert. Mit ihr kommen Schutzpolizisten aus München, die innerhalb weniger Tage die Grenzkontrollen und den Sicherheitsdienst in den Gemeinden übernehmen. Die Luftwaffe zeigt über Vorarlberg wie dem Rest Österreichs Präsenz. Im Laufe des Nachmittags kommt es zur ersten Parade in Bregenz, bereits mit österreichischen Soldaten in der Formation. Während in Bregenz Zaungäste durch deutsche Gulaschkanonen verpflegt werden, wird der Radiosender im Ried besetzt.

Das Nachspiel

Den feierlichsten Aufmarsch gibt es in Dornbirn als Zentrum der Vorarlberger Bewegung. Während die Schutzpolizei schnell das ganze Land besetzt, lässt sich die Wehrmacht Zeit. Erst am 16. März rückt man Richtung Feldkirch und Oberland weiter, am 17. März kommt sie in Bludenz an. Bis zum 17. März ist im ganzen Land schulfrei, bereits vom 19. bis 25. März rückt das Militär wieder aus Vorarlberg ab. Bereits jetzt beginnt die Vorbereitung auf die Volksabstimmung zum Anschluss.

Vom Satellitenstaat zum Anschluss

Deutschland hatte bis zum “Tag der Befreiung”, wie ihn die österreichischen Nationalsozialisten nannten, eigentlich nur einen österreichischen Satellitenstaat geplant. Aufgrund der Einfachheit der Besetzung wie auch der Begeisterung auf den Linzer Straßen entschied Hitler, der selbst mit den Truppen vorrückte, dass die “Wiedervereinigung” der deutschen Gebiete das neue Ziel sei. Die neue Vorarlberger Regierung hatte nur kurz Bestand, Vorarlberg ging gemeinsam mit Tirol in einem gemeinsamen Alpengau auf.

24 Prozent “Nein” in Riefensberg

Bei der Volksabstimmung im April stach Riefensberg heraus, dass hier beinahe jeder vierte Stimmbürger die Zustimmung zum Anschluss verweigerte. In Lech wiederum wurde die Wahl beeinsprucht: Die einzelne “Nein”-Stimme wurde mit der Begründung als ungültig erklärt, dass es eine Stimme mehr wie Wahlberechtigte bei der Auszählung gab.

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