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Heftige Gefechte um Debalzewe bis Sonntag befürchtet

Kiewer Abgeordneter: Separatisten wollen Stadt vor Beginn der Waffenruhe einnehmen.
Kiewer Abgeordneter: Separatisten wollen Stadt vor Beginn der Waffenruhe einnehmen. ©EPA
Der geplante Waffenstillstand im Kriegsgebiet Ostukraine steht aus Sicht des Russlandbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Gernot Erler, auf wackeligen Füßen. Es bestehe die Gefahr, dass Regierungstruppen und prorussische Separatisten bis zum Beginn der Feuerpause am Samstagabend dem Gegner noch Verluste beibringen wollen, sagte der SPD-Politiker am Freitag im Bayerischen Rundfunk.
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Die Verbitterung darüber könne so groß werden, dass die Bereitschaft zum Waffenstillstand dann zu gering sei. Insgesamt sei das in Minsk erzielte Verhandlungsergebnis aber zu loben, sagte Erler. “Es hat uns ein bisschen aus der Kriegslogik herausgeführt, die in den letzten Wochen im Vordergrund stand.” Nach den Spekulationen über US-Waffenlieferungen an die prowestliche Regierung in Kiew habe nun wieder Politik die Priorität.

Mindestens elf Tote bei Gefechten

Die Gewalt in der Ostukraine dauert trotz der Einigung beim Friedensgipfel in Minsk an. Binnen 24 Stunden seien mindestens elf Menschen getötet worden, teilten die ukrainische Armee und die Rebellen am Freitag mit. Nach Angaben des Militärs wurden acht Soldaten getötet und 34 weitere verletzt.

Die Stadtverwaltung der Rebellenhochburg Luhansk (Lugansk) erklärte, beim Beschuss der Stadt seien drei Zivilisten ums Leben gekommen und fünf Einwohner verletzt worden. Die Kiewer Regierung und die prorussischen Rebellen hatten sich am Donnerstag in der weißrussischen Hauptstadt auf ein “Maßnahmenpaket” zur Umsetzung der Minsker Verträge von Anfang September verständigt. Ab Sonntag 00.00 Uhr Kiewer Zeit (Samstag 23.00 Uhr MEZ) tritt demnach in der Ostukraine eine Waffenruhe in Kraft. Zudem wurden der Abzug schwerer Waffen und die Einrichtung einer Pufferzone vereinbart.

Heftige Gefechte vor allem um Debalzewe befürchtet

Bei den befürchteten Gefechten dürfte es vor allem um die strategisch wichtige Stadt Debalzewe (Debalzewo) gehen dürfte. Die Separatisten wollen diese nämlich bereits am Mittwoch durch die Blockade der letzten Straße, die den Verkehrsknotenpunkt mit ukrainisch kontrolliertem Territorium verband, eingekesselt haben.

Laut dem Kreml-nahen Journalisten Andrej Kolesnikow wurde bei den Minsker Verhandlungen nahezu die Hälfte der Zeit darüber diskutiert, ob es den “Kessel von Debalzewe” gebe oder nicht. Während der ukrainische Präsident Petro Poroschenko dies abstreitet, berief sich der russische Präsident Wladimir Putin auf Angaben von Separatisten, wonach 6.000 bis 8.000 Menschen eingekesselt worden seien. “Sie gehen davon aus, dass diese Gruppierung die Waffen niederlegt und den Widerstand aufgibt”, sagte Putin.

Große strategische Bedeutung

Für die Separatisten ist Debalzewe von strategischer Bedeutung – die seit Wochen heftig umkämpfte Stadt liegt auf der wichtigsten Straßen- und Eisenbahnverbindung von Donezk nach Luhansk.

Karte zeigt Kessel von Debalzewe

Der russische Militärexperte Wiktor Murachowski schätzt die Stärke der ukrainischen Verbände im Gebiet der entvölkerten Stadt auf 2.500 bis 3.000 Mann, die 1.500 Angehörige der separatistischen Volkswehr gegenüber stehen. Die Einkesselung sei eine Tatsache, betont der Oberst der Reserve im APA-Gespräch. Die Straße nach Artemiwsk sei vermint und könne von der Volkswehr unter Beschuss genommen werden.

“Es wird eine Eskalation geben”

Heftige Gefechte um diese Straße prophezeit gegenüber der APA auch der auf Militärfragen spezialisierte Kiewer Journalist Jurij Butusow: “Es wird in den nächsten zwei Tagen eine Eskalation von Kampfhandlungen um das Dorf Lohwynowe geben.”

Schon allein die Tatsache, dass die Waffenruhe erst drei Tage nach der Minsker Vereinbarung in Kraft tritt, lässt Kämpfe befürchten. “Die Separatisten wünschten sich einen möglichst späten Waffenstillstand um ihre bösen Gedanken in die Tat umzusetzen”, schrieb Frankreichs Außenminister Laurant Fabius Donnerstagabend auf Twitter.

Fällt Debalzewe bis Sonntag?

Der ukrainische Parlamentarier Wolodymyr Arjew sagt der APA, dass Putin einen früheren Termin nicht akzeptieren wollte. “Sie (die Separatisten, Anm.) hoffen, Debalzewe bis Sonntag erobern zu können”, sagte der Parteifreund von Präsident Poroschenko.

Hunderte Tote befürchtet

Experten befürchten, dass ein Gemetzel um Debalzewe die Waffenruhe noch vor ihrem Inkrafttreten vereiteln könnte. Sollte es 200 oder 300 Tote auf zumindest einer der beiden Seiten gebe, werde jener Prozess gesprengt, der gerade angefangen habe, zitierte die russische Nachrichtenagentur RBK den Politologen Arnaud Dubien vom l’Observatoire franco-russe. “Diese Entwicklung der Situation ist leider äußerst wahrscheinlich”, sagte Dubien.

Das Onlinemedium Ukrajinskaja Prawda verwies zudem auf jene Schwierigkeiten für die Implementierung des neuen Minsker Memorandums, die aus der militärischen Lage um Debalzewe resultiere: Dort sei unklar, von welcher Linie sich ukrainische Verbände 25 Kilometer zurückziehen sollen.

Die Auseinandersetzung um Debalzewe erinnert in der Ukraine an eine der verlustreichsten Episoden dieses Kriegs: Wenige Tage vor dem Inkrafttreten eines ersten Waffenstillstandes am 5. September 2014, fielen mehr als 200 ukrainische Soldaten in der Kesselschlacht von Ilowajsk. Diese Kleinstadt wird seit damals von der “Volksrepublik Donezk” kontrolliert.

(APA)

Heftige Kämpfe um Debalzewe

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