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"Hätte fast alles hingeschmissen!"

Roland Gozzi aus Lustenau war genau 40 Jahre lang im Freiwilligendienst beim Roten Kreuz. Den Posten des Geschäftsführers behält er aber weiterhin inne.
Roland Gozzi aus Lustenau war genau 40 Jahre lang im Freiwilligendienst beim Roten Kreuz. Den Posten des Geschäftsführers behält er aber weiterhin inne. ©MiK
Schwarzach - Roland Gozzi, GF vom Roten Kreuz Vorarlberg, war 40 Jahre lang im Freiwilligendienst. Im W&W Sonntags-Talk blickt er zurück und spricht über Licht und Schatten, privat und im Job.

WANN & WO: Was für eine Bilanz ziehen Sie nach 40 Jahren im Freiwilligendienst?

Roland Gozzi: Ich bin durch ein Unfallerlebnis dazu gekommen. Offiziell Dienst machen durfte ich erst mit 18 – darauf habe ich hingefiebert. An meinem Geburtstag war Samstag und am Wochenende war gerade Vereinsausflug. Da habe ich meinen ersten Nachtdienst gemacht. Auf den Tag nach 40 Jahren hatte ich meinen letzten Dienst. Ich bin auf rund 2000 Dienste, das sind 24.000 Stunden, gekommen. Hochgerechnet habe ich fünfeinhalb Jahre nicht daheim geschlafen.

WANN & WO: Was sagt Ihre Frau?

Roland Gozzi: Das sei der Grund warum wir immer noch verheiratet sind (lacht).

WANN & WO: Was hätten Sie gemacht, wenn Sie nicht beim Roten Kreuz angefangen hätten?

Roland Gozzi: Ich war noch mitten in der Ausbildung als Werkzeugmacher, habe aber rasch in den organisatorischen Bereich gewechselt. Der Verband hat mich dann gefragt, ob ich Interesse hätte, zu wechseln. Seit 1992 bin ich Geschäftsführer – die Aufgabe ist aber nicht, auf die Straße gehen und Patienten zu retten. Das mache ich freiwillig. Mein Job ist die Organisation dahinter.

WANN & WO: Wie sind dann 40 Jahre daraus geworden?

Roland Gozzi: Wenn ich etwas mache, dann „ghörig“. Ich hatte nicht fünf Hobbys, sondern nur dieses eine. Kurz nach meinem ersten Nachtdienst habe ich meine Frau kennengelernt. Ich habe gesagt, dass das Rote Kreuz ältere Rechte hat, was sie auch einsah. Das muss die Familie verstehen und das tut sie auch. Es ist definitiv ein besseres Hobby, als Bier stemmen.

WANN & WO: Empfindet man es als Niederlage, wenn z.B. eine  Reanimation nicht gelingt?

Roland Gozzi: Ich würde eher sagen, man ist enttäuscht. Es gibt Situationen, in denen man denkt, dass es noch gut aussieht. Man merkt, ob es noch eine Chance gibt, oder nicht. Die Vorgeschichte und wie die Ersthelfer reagieren, ist hier wichtig. Wenn er davor noch geatmet hat, geht man mit Hoffnung an die Reanimation und ist enttäuscht, wenn man es nicht schafft. Es gibt einfach Fälle, bei denen man keine Chance hat.

WANN & WO: Was würden Sie privat als Niederlage verbuchen?

Roland Gozzi: Es gab schon Dinge, die mich geärgert haben, oder die ich als ungerecht empfunden habe. Im Jahr 2000 wurde ich gefragt, ob ich als Lustenauer Bürgermeister kandidieren möchte. Ich sagte, dass ich den Job nur mache, wenn ich die Wahl gewinne – Vize wollte ich nicht sein. Wenn, dann ganz, aber auf zwei Hochzeiten kann man nicht tanzen. Die Absolute Mehrheit der gegnerischen Partei fiel bei der Wahl, aber Bürgermeister wurde ich nicht.

WANN & WO: War das für Sie eine Niederlage?

Roland Gozzi: Nein, die kommt noch: Wochen später wurde ich zu einem Einsatz zu einer Tankstelle gerufen – Alkoholfehlverhalten. In einer Runde angetrunkener Männer war einer umgekippt. Wir haben ihn gecheckt, alle Vitalfunktionen waren da. Der Tankstellenbesitzer wollte, dass wir ihn nach Hause bringen und ich sagte: „Wir sind kein Taxiunternehmen, das müsst ihr selbst machen.“ Schon da schnauzten mich ein paar von denen an, weil sie aus dem anderen politischen Lager waren. Wir sind dann wieder gefahren.

WANN & WO: In dem Fall war es das aber noch nicht?

Roland Gozzi: Am nächsten Vormittag bekam ich einen Anruf vom Dienststellenleiter, der sagte, mein Patient vom Vorabend sei tot. Seine Kumpels hätten ihn in einer Schubkarre nach Hause gebracht und ihn quasi im Zimmer auf den Boden geleert. Im Schlaf hat er erbrochen und ist auf dem Rücken liegend erstickt. Am Abend bekam ich eine Warnung: Es werde gesagt, man hätte ihn schon am Abend ins Krankenhaus bringen müssen. Dann musste ich bei der Polizei eine Aussage machen. Nachdem ich den Sachverhalt erklärt hatte, hieß es, alles sei klar. Dann hörte ich ein paar Monate lang nichts. Dann, an einem Samstag, wurde an der Haustüre sturmgeklingelt. Meine Kinder sind von der Schule zurückgekommen, weinend: „Papa, in der Zeitung steht, du musst ins Gefängnis!“ Ich holte sie und tatsächlich war die Titel-Headline: „Anklage gegen Gozzi wegen fahrlässiger Tötung!“ Mich hatte nie jemand kontaktiert, weder Staatsanwalt noch Polizei. Im Prozess wurde ich freigesprochen.

WANN & WO: Was waren die Hintergründe?

Roland Gozzi: Der Totenschein und alles Weitere war schon ausgestellt. Dann sagte jemand, ich hätte den Patienten am Abend davor gesehen und der Totenschein wurde wieder zurückgenommen – der ausstellende Arzt war der Gatte einer Gemeinderätin aus dem anderen politischen Lager. Der untersuchende Polizist von der PI Dornbirn war ebenfalls Gemeindevertreter dieser Partei. Plötzlich war der Fall anders. Auf einmal hieß es, ich hätte fahrlässig gehandelt. Da hätte ich fast alles hingeschmissen. Die Sachverständigen haben uns aber ganz klar bescheinigt, dass wir ordnungsgemäß gehandelt hatten.

WANN & WO: War das der Grund, für den Rückzug aus der Politik?

Roland Gozzi: Schon, ja. Das war ein Rachefeldzug gegen mich, mein Anwalt riet mir zu einer Gegenklage. Ich wollte aber nicht deshalb freigesprochen werden, sondern weil ich das Richtige getan habe.

WANN & WO: Gibt es einen schönsten Moment, den Sie als Rettungssanitäter erlebt haben?

Roland Gozzi: Mancher würde sagen, eine Geburt ist das Schönste, weil man die glückliche Mutter sieht und alles. Sanitätstechnisch ist das eine einfache Geschichte. Wenn das Kind schon im Rettungswagen kommt, ist in der Regel alles in Ordnung. Es gibt aber auch andere Momente, die schön sind. Wenn man z.B. jemanden mit einem Herzstillstand erfolgreich reanimiert hat und schon im Spital mit ihm reden kann. Oft sieht man diesen ungläubigen Blick. Viele realisieren überhaupt nicht, dass sie sozusagen schon auf der anderen Seite waren. Wenn jemand einen Stillstand überlebt, ist es meistens der Ersthelfer, dem das zu verdanken ist. Das sind tolle Erfolge, vor allem wenn die Patienten es ohne Folgeschäden überstehen. Es ist eines unserer größten Anliegen, die Bevölkerung hierfür zu sensibilisieren.

WANN & WO: Wie erlebt man dann die Geburt der eigenen Kinder?

Roland Gozzi: Ich war bei allen dabei – im Entbindungsheim in Lustenau. Die Hebamme hat mich auch selbst Hand anlegen lassen.

WANN & WO: Entwickelt man ein anderes Verhältnis zum Tod?

Roland Gozzi: Ich habe so viele Sachen gesehen, bei denen es unglaublich ist, dass jemand wegen so einer Lappalie zu Tode kommt. Ich bin schon zu einem Unfall gekommen, bei dem das Auto fast nichts hatte, der Fahrer aber einen Genickbruch. Dann gab es aber auch einen Unfall, bei dem ein Auto total zerfetzt wurde – alle fünf Insassen haben es mittelschwer verletzt überlebt. Im Endeffekt ist eine andere Instanz dahinter, die den Hebel umlegt. Wenn meine Frau sagt, ich soll beim Motorradfahren aufpassen, sage ich: Ich passe für mich auf, alles andere ist Schicksal, das kann ich nicht ändern. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich mir sage, wenn es mich erwischt, okay. Ich hatte ein schönes Leben, habe eine tolle Familie. Wenn es so sein soll, dann ist es halt so.

WANN & WO: Was ist Ihnen richtig an die Nieren gegangen?

Roland Gozzi: Ein Kindstod ist extrem belastend. Oder wenn man merkt, dass man beim Reanimieren keine Chance mehr hat und weitermachen muss, bis der Notarzt kommt – nur der darf den Tod feststellen. Das verarbeitet jeder auf seine Weise. Ich habe das immer gut gekonnt. Das Einzige, das mich länger beschäftigt hat, war mein Auslandseinsatz in Ruanda. Dort haben wir Dinge gesehen und gerochen, die auch mir nahegegangen sind. Wenn man so ein Elend in Massen sieht, ist es etwas anderes.

WANN & WO: Ist es bei Einsätzen auch vorgekommen, dass Sie den Verletzten privat kannten?

Roland Gozzi: Ja, natürlich. Aber man hat ein Programm im Kopf, abhängig von der Erstinformation. Diese Checkliste arbeitet man ab – ob man den Patienten kennt oder nicht. Wenn ein Patient sehr jung wäre, oder ein ganz naher Verwandter, wäre es vielleicht anders – das hatte ich aber nie.

WANN & WO: Wie eng ist Ihr Privatleben mit dem Roten Kreuz verknüpft?

Roland Gozzi: Das ist eine besondere Situation, weil ich als Geschäftsführer immer erreichbar bin. Mein Job und mein größtes Hobby ist das Rote Kreuz.

WANN & WO: Wie ist das im Familienleben?

Roland Gozzi: Das Rote Kreuz ist omnipräsent, aber das war nie ein Thema. Jeder weiß, dass ich, wenn mal was Größeres ist, auf den Pager sehe, aufspringe und zum Einsatz fahre.

WANN & WO: Wird Ihnen jetzt nicht langweilig?

Roland Gozzi: Das zu sagen, wäre noch zu früh. Aber ich habe in den letzten Jahren fast immer sonntags Nachtdienst gemacht. Bei uns war es Standard, dass Geburtstagsfeste am Sonntag immer ein Brunch waren, bis am Nachmittag, weil der Roland um 18 Uhr in den Dienst ging. Sonntag war tabu für Abendtermine. Jetzt wird das anders und wir können auch mal ins Kino gehen. Außerdem habe ich jetzt auch am Sonntag mal Zeit für meine Enkel.

WANN & WO: Wohnt die Familie in der Nähe?

Roland Gozzi: Meine Tochter Janine lebt mit ihrer Familie gleich um die Ecke. Sie und ihr Mann sind berufstätig, darum sind die Enkel vier Tage in der Woche bei uns. Meine Frau ist eine begeisterte Oma!

WANN & WO: Lässt man als Opa auch mal Dinge durchgehen?

Roland Gozzi: Das kann ich nicht, eine gewisse Grundordnung muss sein. Man kann die Kinder nicht machen lassen und hoffen, dass alles gut geht. Kinder wollen, dass man sich mit ihnen abgibt. Auch fünf Eis am Tag können Spielzeit mit ihnen nicht ersetzen.

WANN & WO: Sie wohnen ja direkt beim Reichshofstadion in Lustenau. Gehen Sie noch auf die Spiele?

Roland Gozzi: Ich habe ein Austria-Herz. Leider schaffe ich es nicht auf die Hälfte der Spiele, weil ich oft Termine am Abend habe.

WANN & WO: Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie am Sonntagabend mal Zeit haben?

Roland Gozzi: Bisher war für mich klar, null Alkohol, und ich musste ja immer rechtzeitig im Dienst sein. Das kann ich jetzt lockerer nehmen und wenn ein Fest ist, kann ich auch mal später nach Hause kommen.

WANN & WO: Sind Sie sportlich?

Roland Gozzi: Ich gehe Skifahren, mache Skitouren, gehe Biken. Das kann ich aber nicht jeden Tag – heuer bin ich vielleicht fünf Mal mit dem Rad gefahren. Bewegung ist für mich Erholung. Da fängt man an, ganz anders über gewisse Dinge nachzudenken und es fallen einem gute Lösungen ein.

WANN & WO: Gehen Sie dann alleine zum Sport?

Roland Gozzi: Nein, zusammen mit meiner Frau. Ich bin viel unterwegs und die Freizeit, die wir haben, verbringen wir gemeinsam.

Wordrap

Rotes Kreuz: Beste humanitäre Organisation der Welt. Ehrenamt: Hoffe, dass sich jeder Bürger irgendwo engagiert. Blaulicht: Immer spannend. Ruhestand: Kann ich mir noch nicht vorstellen. Vorarlberg: Ich reise gerne, hier bin ich geerdet. Lustenau: Im Kleinen, was Vorarlberg im Großen ist. Ich könnte aber auch in Fußach, Dornbirn oder Feldkirch wohnen. Familie: Das Rückgrat von jedem Erfolg. Zukunft: Noch einiges vor.

Zur Person

  • Name: Roland Gozzi
  • Geboren: 11. September 1958
  • Herkunft/Wohnort: Lustenau
  • Familie: Verheiratet, drei Kinder, zwei Enkel
  • Beruf: Geschäftsführer Rotes Kreuz Vorarlberg

(WANN & WO)

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