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Gut über Sex schreiben – das geht doch

Schwarzach – Dreißig Jahre Ehe, Treue, Untreue, Liebe, Alltag. Dass genau das und nicht viel Aufregenderes über 300 Seiten lang fesseln kann, zeigt der Vorarlberger Autor Arno Geiger in seinem neuen Roman "Alles über Sally".
Leseprobe: Arno Geigers "Alles über Sally" (*.pdf)

Was bringt ein Ehepaar auseinander, was hält es zusammen? Um Ersteres haben sich Autorinnen und Autoren in den letzten Jahrzehnten derart ausführlich gekümmert, dass man nichts mehr da­rüber zu lesen braucht. Auch dann nicht, wenn der zynische Blick einmal ausgeklammert bleibt. Dem zweiten Teil der Frage geht Geiger auf den Grund. Ökonomische und religiöse Aspekte bleiben selbstverständlich ausgeklammert – wir haben es bei „Alles über Sally“ nicht mit der Wiederbelebung jedweder feministischer Literatur zu tun. Dass Geiger dem Agieren der Frauen wesentlich mehr Bedeutung hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen im 20. Jahrhundert beimisst, wissen wir schon seit seinem preisgekrönten Roman „Es geht uns gut“.

Der Figur tut es gut

Bei der Geschichte von Sally und Alfred braucht er das nicht mehr zu unterstreichen und über das leicht Moralisierende, das in erwähntem Familienroman, der auch von Prototypen verschiedener Frauengenerationen erzählt, noch durchscheint, ist er hinausgewachsen. Und zwar absolut. Der Figur, dieser letztlich gut fünfzigjährigen Sally, die sich die Untreue nicht mehr als Experiment, sondern als Selbstverständlichkeit herausnimmt, tut das gut. Dabei stellt sich die Frage, ob der hingegen etwas zarter besaitete Alfred daneben uns nicht einfach auch dazu verführen könnte, die hier aufgezeigte Geschlechterkonstellation einmal anders zu denken. Mitunter drängt es sich auf, gegebenenfalls auch bei den Sexszenen, denen Geiger unvergleichbare Literaturfähigkeit angedeihen lässt. Von der Liebe erst gar nicht zu sprechen.

Geiger im “VN”-Interview

Sie sagten einmal, Ihr Schrei­ben gründe sich in einem grundsätzlichen Interesse an Menschen. Inwieweit kombinieren Sie dabei Ihre Beobachtungen mit großen Frauenfiguren der Weltliteratur?

Arno Geiger: Als Schriftsteller habe ich natürlich zwei Antennen. Die eine ist auf die aktuelle Welt gerichtet und die andere auf die Literatur, auf all das, was seit Homer über das Leben der Menschen geschrieben worden ist. „Alles über Sally“ steht natürlich auch in einer literarischen Tradition, die mich gereizt hat: Madame Bovary, Effi Briest, Anna Karenina. Und weil in der Liebe und in der Ehe und bei der Untreue heute so vollkommen andere Gesetze als vor hundert oder auch nur vor dreißig Jahren herrschen, lohnt es sich ganz besonders, diese Traditionen fortzusetzen. Denken funktioniert ja immer und vor allem über den Vergleich: Was war früher? Was ist heute?

Direkt gefragt, welchen Anteil hat die Person Arno Geiger an der Person Sally?

Arno Geiger: Meine Lebensgefährtin hat zu mir gesagt: „Du hast sehr viel von Alfred.“ Und ich habe ausgerufen: „Was?! Ich?! Ich habe viel von Sally!“ Und natürlich stimmt beides. Gut, bei Alfred leuchtet es eher ein. Bei Sally? Ich habe natürlich so meine weiblichen Aspekte an mir, wie jeder. Und Charakterzüge, in denen ich Sally ähnle. Neugier für die Welt. Das ganz besonders! Aber ich sitze auch gern zu Hause wie Alfred. Und Lebenshunger. Und die Angst, etwas zu versäumen. Und die Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Selbst die Angst vor dem Alter. Leibniz hat einmal behauptet, seine Philosophie sei das Ergebnis der beunruhigenden Erfahrung, dass ihm alles, was er gelesen habe, einleuchten wollte, wie sehr es auch in krassem Widerspruch zuei­nander gestanden habe. Sally cest moi! Leibniz, c‘est moi!

Die Sexualität bis hin zum Akt zwischen Mann und Frau nimmt auffallend breiten Raum in Ihrem Roman ein. Warum?

Arno Geiger: Weil Sex in unserer Gesellschaft extrem wichtig ist, und nicht nur für Zwanzigjährige, sondern auch für Fünfzigjährige. Und weil Schreiben für mich bedeutet, dass ich versuche herauszufinden, in welcher Welt ich lebe. Und weil Sexualität eine Macht über die Menschen besitzt, die ziemlich mysteriös ist. Sex gehört zu den wenigen Dingen, bei denen man – mittendrin – wünscht, dass es niemals aufhört.

Was war Ihnen dabei wichtig?

Arno Geiger: So weitverbreitet Sex ist, es wird meistens erstaunlich schlecht darüber geschrieben. Ich wollte so darüber schreiben, dass das Spannungsfeld zwischen Alltag und Besonderheit auch hier ganz selbstverständlich sichtbar wird. Wie im ganzen Roman zu zeigen, wie spannend und komplex Alltag ist trotz aller Beiläufigkeit, mit der er oft abläuft. Ich finde ja auch, dass Sex in langjährigen Beziehungen in der Literatur zu Unrecht oft negativ dargestellt wird. Vertrautheit und tiefe Intimität sind etwas ebenso Besonderes wie der Thrill des Neuen.

Sie messen Frauen in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen viel Bedeutung zu. In der Realität zeichnet sich das nicht unbedingt ab. Oder sind Sie da anderer Meinung?

Arno GEiger: Eigentlich haben es die Frauen doch weit gebracht, gemessen an den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts. Und bestimmt sind für diese Entwicklungsprozesse nicht allein die Männer verantwortlich, wenn es auch zum Glück Männer gibt, die das gemeinsame Inte­resse sehen. Aber natürlich sind viele Entwicklungen noch nicht abgeschlossenen, und es gibt im Moment eine Tendenz grad auch bei Frauen, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Das ist insofern gefährlich, als Entwicklungen die relativ schnell verlaufen sind, nicht sonderlich stabil sind. So oder so, ich bin zuversichtlich.

Wie kam der Titel „Alles über Sally“ zustande. Grob formuliert hat es den Anschein, dass da eine Frau seziert, durchleuchtet wird?

Arno Geiger: Im Vergleich zu „Es geht uns gut“ wollte ich mehr Konzentration auf weniger. Sally. Wie nahe kann ich ihr kommen? Der Titel ist natürlich nicht einlösbar, aber er hat sozusagen die Latte gelegt. Fast alles über Sally oder zumindest sehr, sehr viel – das wollte ich einlösen. Ich wollte es genau wissen. Literatur ermöglicht einen detaillierten Blick auf das menschliche Leben, der nahezu unschlagbar ist. Oft wissen wir über uns nahe stehende Menschen nicht die Hälfte von dem, was gut zu wissen wäre. Also her mit den Büchern! Dort, wo Literatur auf ihre ureigenen Stärken vertraut, öffnet sie Türen, die im Alltag oft verschlossen bleiben. Schriftsteller sind Kosmonauten des menschlichen Innenraums. Ich wollte Sally nicht durchleuchten, sondern verständlich machen. Und wenn man jemanden versteht, mag man ihn meistens auch.

 

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