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Grundwasservermessung aus dem Weltall zeigt Mangel in Europa

Satellitendaten belegen: Europa hat seit 2018 zu wenig Grundwasser
Satellitendaten belegen: Europa hat seit 2018 zu wenig Grundwasser ©APA/THEMENBILD
Ausgetrocknete Flussbetten, trockene Böden, Wasserkraftwerke ohne ausreichend Wasser - europaweit ist seit Jahren weniger Wasser vorhanden als nötig. Die Grundwasserspiegel sind auf dem gesamten Kontinent seit 2018 konstant niedrig. Das belegen nun auch Daten aus einem EU-Projekt, an dem Wissenschafter des Instituts für Geodäsie an der TU Graz mitgewirkt haben. Mithilfe von Satellitengravimetrie können sogenannte Geodäten Veränderungen im Grundwasser global erfassen.

Extremwettereignisse mit Starkregen und Überschwemmungen mögen oftmals einen anderen Eindruck hinterlassen, zwei Satelliten bestätigen hingegen, wie sich das Grundwasser in Europa auf niedrigem Niveau bewegt. Die Zwillingssatelliten, die die Erkenntnisse ermöglichen, umrunden seit 2002 den Erdball in knapp 490 Kilometern Höhe rund 15 Mal am Tag. An ihrer Datenauswertung sind im Rahmen des EU-Projekts "Global Gravity-based Groundwater Product" (G3P) Wissenschafter der TU Graz beteiligt, wie die Universität am Mittwoch mitteilte. "Wir kriegen hier tatsächlich Probleme mit der Wasserversorgung, da müssen wir uns Gedanken machen", fasste Torsten Mayer-Gürr vom Institut für Geodäsie an der TU Graz die bisherigen Auswertungen zusammen. Der Forscher leitet die Arbeitsgruppe Theoretische Geodäsie und Satellitengeodäsie an der TU und beschäftigt sich mit großräumigen Veränderungen auf der Erde, insbesondere im Rahmen des Klimawandels.

"Tom" und "Jerry" heißen die Satelliten der Mission "Grace", die von 2002 bis 2017 im Einsatz waren, mittlerweile ist bereits die zweite Generation an der Arbeit ("Grace-Follow-on"), damit die Grundwasservermessung aus dem Weltall mithilfe der sogenannten Satellitengravimetrie weitergehen kann. Sie jagen laut TU mit einer Geschwindigkeit von 30.000 km/h in einem Abstand von rund 200 Kilometern zueinander um den Globus. Aus der Veränderung ihres Abstandes können die Wissenschafter Rückschlüsse auf die globalen Grundwasservorkommen ziehen. Wichtig dabei ist, wie sich im Flug ihr Abstand ändert.

Überfliegt nämlich ein Satellit eine Region mit erhöhter Schwerkraft, wird er leicht angezogen und der Abstand zum anderen Satelliten vergrößert sich. Die Alpen üben beispielsweise eine höhere Anziehungskraft aus als die ungarische Tiefebene. Lässt der Satellit die massereiche Region hinter sich, verlangsamt er sich. Aus den gewonnenen Daten können globale Schwerefeldkarten erzeugt werden.

Räumliche und zeitliche Masseverlagerungen - wie sie beispielsweise durch den Verlust von Eismasse gegeben ist - manifestieren sich in räumlichen und zeitlichen Schwere-Schwankungen: So machen sich Eismassenveränderungen in Grönland und der Antarktis auch im Schwerefeld der Erde deutlich bemerkbar. Geodäsie-Experten und Hydrologen können mittels der sogenannten Satellitengravimetrie nicht nur Rückschlüsse auf das Wachsen und Schmelzen von Gletschern, Masseveränderungen von Flüssen und Seen, sondern auch das unterirdische Wasservorkommen ziehen. Wenn beispielsweise in Indien der Monsun einsetzt, steigt der Grundwasserspiegel an - und damit die Masse - wie sich an den Bewegungen der Satelliten erkennen lässt.

Auch bei den beiden Nachfolgersatelliten, die für das europäische Projekt herangezogen werden, erstellen die Experten der TU Graz monatlich eine aktuelle Karte des Schwerefelds der Erde. "Die Prozessierung und der Rechenaufwand sind hier ziemlich groß. Wir haben alle fünf Sekunden eine Abstandsmessung und damit eine halbe Million Messungen pro Monat. Daraus bestimmen wir dann die Schwerefeldkarten", verdeutlichte Mayer-Gürr.

Um die Schwere bzw. die Veränderungen der Schwere des Grundwassers über einer bestimmten Region zu ermitteln, arbeitet man mit Partnern wie etwa am Geoforschungszentrum in Potsdam, den Universitäten Bern und Zürich sowie französischen, spanischen und niederländischen Projektpartnern zusammen: Von der von den Grazer Experten gelieferten Grundmasse werden die Masseveränderungen in den Flüssen und Seen, die Bodenfeuchtedaten, Schnee und Eis abgezogen. Letztlich kann man auf die Grundwassermengen schließen. Eva Börgens vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam hat beispielsweise bereits 2020 auf diesem Weg belegt, dass es im Sommer 2018 und 2019 einen eklatanten Wassermangel in Europa gab. Seit damals sind die Grundwasserpegel konstant niedrig geblieben.

Dass die Wassersituation in Europa mittlerweile so heikel geworden ist, hat sich Mayer-Gürr nicht erwartet: "Ich hätte mir vor ein paar Jahren nicht gedacht, dass Wasser in Europa einmal ein Problem sein könnte, vor allem in Deutschland und Österreich." Laut TU soll die Forschung mithilfe einer geplanten ESA-NASA-Mission fortgesetzt werden. Bei der Datenauswertung wird die TU Graz wieder mit an Bord sein.

(APA)

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