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Kämpfe um Soledar im Osten der Ukraine dauern an

Ein Satellitenbild vom Süden der Stadt zeigt die massiven Zerstörungen
Ein Satellitenbild vom Süden der Stadt zeigt die massiven Zerstörungen APA/Satellite image ©2022 Maxar Technologies
Das ukrainische Militär hält nach eigenen Angaben dem Ansturm russischer Soldaten auf die heftig umkämpfte Stadt Soledar weiter stand. Beide Seiten sprachen von zahlreichen Toten. Die Straßen des Orts sollen mit Leichen gesät sein. "Russland treibt seine eigenen Leute zu Tausenden in den Tod, aber wir halten durch", sagte die stellvertretende Verteidigungsministerin Hanna Maljar am Donnerstag. Laut der russischen Agentur TASS soll der Westen der Stadt in russischer Hand sein.

Die Regierung in Kiew räumte Bodengewinne der Russen ein, dementierte aber, ihre eigene Garnison aus Soledar abgezogen zu haben. Sie widersprach damit dem Chef der russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, der am Mittwoch die gesamte Einnahme durch seine Kämpfer vermeldet hatte. Die Führung in Moskau wollte noch keinen Sieg im Kampf um den kleinen, von ihr als strategisch wichtig beschriebenen ostukrainischen Ort erklären. Der westliche Teil der Stadt stehe vollständig unter Kontrolle russischer Truppen, meldete TASS in Berufung auf russische Offizielle in der Region, es gäbe jedoch noch Widerstandsnester.

Wagner-Chef Prigoschin, ein enger Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin, sagte, seine Söldner hätten in der Schlacht um Soledar etwa 500 ukrainische Soldaten getötet. Pawlo Kyrylenko, der Gouverneur der Region Donezk, sagte dem ukrainischen Staatsfernsehen, dass sich in Soledar noch 559 Zivilisten aufhielten, darunter 15 Kinder. Sie könnten aber nicht evakuiert werden, weil die Kämpfe andauerten. Die Angaben zur Lage ließen sich unabhängig nicht überprüfen.

Die ukrainischen Truppen in den ostukrainischen Städten Bachmut und Soledar, die seit Tagen heftige russische Angriffe abwehren, erhalten Verstärkung und Nachschub. Auch werde den Soldaten dort jede benötigte Unterstützung gewährt, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj nach einer Sitzung des Generalstabs in Kiew am Donnerstag mit.

Das russische Militär versucht seit einigen Wochen, die ukrainischen Verteidigungslinien in diesem Teil der Ukraine zu durchbrechen. Der Auftrag lautet, die gesamte Region Donezk, die Moskau bereits völkerrechtswidrig annektiert hat, unter russische Kontrolle zu bringen.

"Die Kämpfe sind heftig", sagte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Maljar. Die Russen würden "über ihre eigenen Leichen" marschieren. Sie betonte, dass Russland seine Einheiten in der Ukraine binnen einer Woche von 250 auf 280 aufgestockt habe. Der ukrainische Generalstab teilte in seinem morgendlichem Lagebericht mit, man habe bei jüngsten Angriffen über 100 russische Soldaten getötet.

Soledar heißt - sowohl auf Ukrainisch als auch auf Russisch - "Salzgabe". Die vor dem Konflikt etwa 10.000 Einwohner zählende Stadt ist für ihre Salzminen bekannt - die größten ihrer Art in Europa. Die Minen verfügen über ein Netz von insgesamt rund 200 Kilometern unterirdischer Gänge, die in Kriegszeiten Vorteile bieten könnten.

Außerdem liegt Soledar nur etwa 15 Kilometer nordöstlich der größeren Stadt Bachmut, die Russland bereits seit mehreren Monaten im Visier hat. Russland könnte mit der Eroberung Soledars seinem Ziel, die gesamte Region Donezk einzunehmen, also näher kommen. 2014 hatten von Russland unterstützte Separatisten bereits kurzzeitig die Kontrolle über Soledar.

Zudem könnte Russland mit der Einnahme von Soledar nach Monaten demütigender Rückschläge mal wieder einen Sieg verkünden. "Jeder Sieg ist wichtig, erst recht, weil es schon lange keinen Sieg mehr gegeben hat", sagte der russische Militärexperte Anatoli Chramtschichin der Nachrichtenagentur AFP.

Für die Ukraine könnte die Kontrolle über Bachmut - und auch über Soledar - ausschlaggebend für die Rückeroberung der Stadt Donezk sein, die seit 2014 unter russischer Kontrolle ist, wie der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak der Nachrichtenagentur AFP sagte.

Im Zuge des Rückschläge hatte Russland zuletzt einige Führungsposten im Militär neubesetzt. Am Mittwoch wurde der Oberbefehlshaber der Truppen im Ukraine-Krieg binnen weniger Monate erneut ausgetauscht. Das Verteidigungsministerium in Moskau gab die Ernennung von Generalstabschef Waleri Gerassimow bekannt. Er ersetzt Luftwaffengeneral Sergej Surowikin, der erst Anfang Oktober den Posten erhalten hatte. Surowikin ist künftig einer der drei Stellvertreter Gerassimows, was faktisch einer Herabstufung gleichkommt. Zur Begründung hieß es, mit dem Schritt solle die Effektivität des Militäreinsatzes in der Ukraine gesteigert werden.

Eine Kommission des russischen Verteidigungsministeriums, angeführt vom Chef der Bodentruppen Oleg Saljukow, inspizierte am Donnerstag in Belarus die Kampfbereitschaft der russisch-belarussischen Verbände. Das teilte das Verteidigungsministerium in Minsk mit. Die Ukraine warnt seit Tagen, Russland könnte eine zweite Front durch einen Angriff von Belarus aus öffnen. Russland und Belarus haben ihre militärische Zusammenarbeit zuletzt verstärkt und planen für nächste Woche ein gemeinsames Luftwaffen-Manöver.

Insgesamt gab es an der Front seit Russlands letztem Rückzug im Süden vor zwei Monaten kaum Bewegung. Die Regierung in Kiew hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr alle russischen Soldaten aus ihrem Land zu vertreiben. Sie hofft dabei auf weitere Unterstützung des Westens und drängt auf die Lieferung schwerer Waffen. In Europa ist deswegen eine Debatte über die Lieferung des Kampfpanzers Leopard 2 aus deutscher Produktion entbrannt. Diese Frage wird auch eines der Themen beim Treffen der sogenannten Ukraine-Kontaktgruppe am 20. Jänner auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland sein. Dabei soll es um die weitere Waffenhilfe gehen.

(APA/AFP/Reuters/dpa)

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