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Gestohlene Verlassenschaft

Lustenau – Die "VN" kamen in den Besitz von einem gefälschten Testament. Betroffen sind wieder die "Mutschler-Erben".
Übersicht: Der Fall Anna H.
Das gefälschte Testament
Kirche erbte, Gemeinde kaufte
"Es ist eine Fälschung"

Lustenau, 2002. Die 83-jährige Anna H.* stirbt und hinterlässt ein Vermögen im Wert von damals rund 25 Millionen Schilling (ca. 1,8 Mill. Euro). Insgesamt 18 Nichten und Neffen sind erbberechtigt. Doch in einem Testament, das plötzlich auftaucht, wird nicht ein einziges Mitglied der drei Großfamilien bedacht. Stattdessen geht das gesamte Vermögen an eine wildfremde Frau, ebenfalls über 80 und zu diesem Zeitpunkt bereits unter Sachwalterschaft stehend. Den Vorarlberger Nachrichten liegt das – nach Erkenntnissen der Kriminalpolizei – gefälschte Testament vor. Es zeigt schwarz auf weiß, wie ausgeklügelt und perfid das System der Fälscher ist. Erstaunlich dabei: Die betroffene Sippe ist exakt jene, die sich auch – mit Ausnahme der Familie Ratz/Holzer – um die Erbschaft von Willi Mutschler (die VN berichteten in der Montags-Ausgabe) gebracht sieht. Beim gefälschten Testament der Anna H. gehen allerdings auch die Angehörigen der Landesgerichts-Vizepräsidentin Kornelia Ratz leer aus. Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass alleine in Lustenau noch mehrere gefälschte Testamente existieren.

Keine Anfechtung

„Wir 18 Nichten und Neffen warteten nach dem Tod unserer Gota Anna im Mai 2002 lange auf ein Testament. Als es dann einige Monate später auftauchte, waren wir völlig baff. Wir konnten es nicht fassen, dass eine uns allen unbekannte alte, besachwalterte Frau alles erben sollte“, berichtet Kurt Bösch*. Verdacht schöpfte die gesamte Sippschaft, bestehend aus drei Großfamilien, sofort. „Wir übergaben das Testament einem Anwalt. Dann teilte uns eine unserer Cousinen, die Mutter von Juristin Kornelia Ratz mit: Ihre Tochter meine, das Testament sei hieb-und stichfest. Da könne man nichts machen. Also unterließen wir auch nach Absprache mit unserem Anwalt jegliche Anfechtung.“

Alarmglocken

Als die ersten Testamentsfälschungen vergangenen November an die Öffentlichkeit drangen, schrillten bei Familie Bösch sämtliche Alarmglocken. Sofort benachrichtigten sie ihren Anwalt Dr. Dieter Klien. Dieser brachte (siehe Interview) das Testament nun zur Anzeige. Vieles habe sich seit dem Auftauchen des offensichtlich gefälschten Testaments für die Familie geändert, meint Paula Groß*, die Schwester von Kurt Bösch. „Du verstehst die Welt nicht mehr. Wir alle haben uns natürlich immer wieder gefragt: Warum tut die Gota so etwas? Sie erscheint dir plötzlich in einem anderen Licht.“ „Das geht dann sogar so weit, dass du Phantasien spinnst. Hatte ihr Bruder, unser Onkel, vielleicht einen unehelichen Sohn, der mit Frau Peter* in Verbindung steht? Plagte sie deswegen ein schlechtes Gewissen, sodass sie dann alles einer uns unbekannten Person vermacht hat?“, schildert Kurt Bösch.

„Wussten nichts“

Natürlich ist auch das gefälschte Mutschler-Testament bei der Familie Bösch Thema. Kurt Bösch, Paula Groß und ihre fünf anderen Geschwister sind wie ihre elf Cousins, Großneffen- und Nichten von Willi Mutschler, dessen Testament ebenfalls gefälscht wurde. „Wir erfuhren aus den VN, dass Willi überhaupt etwas zu vererben hatte.“ Dass dabei Mutter und Tante von Landesgerichtspräsidentin Kornelia Ratz neben den offensichtlich betrügerisch eingesetzten Legataren als einzige Verwandte des 2004 verstorbenen Willi Mutschler in der Verlassenschaft bedacht wurden (u.a. mit Baugründen und Geld), sie selber jedoch nicht, stößt der Familie auf. Mathilde H., die Tante von Kornelia Ratz fungierte als Sachwalterin von Willi Mutschler. Bemerkenswert: Zum Zeitpunkt des angeblich von Mutschler verfertigten Testaments waren sie und Marlene R. erst drei bzw. zwei Jahre alt. Kornelia Ratz wollte gegenüber den VN zum Anna H.-Testament nicht Stellung nehmen. Auch die Staatsanwaltschaft gab zum Fall Anna H. keine Auskünfte. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Wer ist Frau Peter?

Die Liegenschaft samt Haus mit einer Fläche von insgesamt 1800 Quadratmeter im Staldenweg 4, der Wohnadresse von Frau Anna, wurde laut Testament von 1993 zur Verblüffung aller Verwandten an Frau Peter* aus Hohenems vermacht. Bei der heute 90-jährigen Frau Peter handelt es sich um eine seit über acht Jahren besachwalterte Person. Frau Peter wohnte bis zu ihrer Pflegebedürftigkeit in ihrem Wohnhaus in Hohenems. Sie ist ledig und hatte zwei ebenfalls, mittlerweise verstorbene, ledige Schwestern. Frau Peter lebt heute, schwer pflegebedürftig, im Pflegeheim Hohen­ems.

* Namen von der Redaktion geändert.

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