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Gesellschaftlicher Wandel stellt Pflege vor neue Herausforderungen

Angehörige werden sich auch künftig in die Betreuung ihrer pflegebedürftigen Verwandten einbringen. Vermehrt aber mit Hilfsleistungen, die Pflege selbst übernehmen verstärkt professionelle Dienste.
Angehörige werden sich auch künftig in die Betreuung ihrer pflegebedürftigen Verwandten einbringen. Vermehrt aber mit Hilfsleistungen, die Pflege selbst übernehmen verstärkt professionelle Dienste. ©connexia

Symposium des Betreuungs- und Pflegenetzes „Vom Pflegeheim zum sozialen Zentrum”

Die Menschen werden älter. Frauen über 90 und Männer über 85 Jahren werden 2050 bereits keine Seltenheit mehr sein. Gleichzeitig kommen mit der Generation der Babyboomer Menschen ins Alter, die es gewohnt sind, ihr Leben selbst zu bestimmen. Damit steht auch die Pflege und Betreuung älterer Menschen vor neuen Herausforderungen. Wie die Gestaltung des Pflegealltags der Zukunft aussehen könnte, diskutierten rund 70 Interessierte beim dritten Symposium „Vom Pflegeheim zum sozialen Zentrum” in Schwarzach.

Die Zunahme der Lebenserwartung wurde in den vergangenen Jahren unterschätzt. Vor allem die Gruppe der 90-Jährigen wird in den nächsten Jahrzehnten immer stärker zunehmen. Dies berichtete der Schweizer Soziologe Prof. Dr. Francois Höpflinger in seinem Referat beim Symposium „Vom Pflegeheim zum sozialen Zentrum” am Donnerstagabend in Schwarzach.

Schon im Jahr 2050 wird die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei 85 Jahren, von Frauen bei 90 Jahren liegen. Damit werden die Menschen im Schnitt um sechs bis sieben Jahre älter als bisher. „Immer mehr Menschen erreichen ihre biologisch maximale Lebensspanne”, betonte der Altersforscher. Das bedeute aber auch, dass im hohen Alter hirnorganische Grenzen auftauchen, obwohl die Menschen körperlich oft noch sehr rüstig sind. Anders als bisher angenommen leiden in der Gruppe der über 85-Jährigen bereits fast ein Drittel, bei den über 90-Jährigen beinahe die Hälfte der Menschen an Demenzerkrankungen.

Sehr unterschiedliche Pflegeverläufe bestimmen Pflegealltag
Gleichzeitig steigt die Anzahl der Lebensjahre ohne schwere Pflegebedürftigkeit, Menschen mit leichtem Pflegebedarf nehmen aber zu. „Das stellt neue Anforderungen sowohl an die ambulante als auch an die stationäre Pflege”, erklärt Höpflinger. Ein Ausbau ambulanter Dienste werde notwendig. Gleichzeitig müsse sich die stationäre Pflege fachlich auf schwerere und sehr unterschiedliche Pflegeverläufe einstellen. Mit der Zunahme sehr alter Menschen in stationärer Pflege kommt in Zukunft auch der Sterbekultur in Pflegeheimen eine große Bedeutung zu.

Immer wichtiger werden die Lebenshintergründe und die Werthaltungen der Menschen für die Pflege. „In den kommenden Jahren wird es eine Verschiebung bei der Lebenseinstellung älterer Menschen geben”, gab der deutsche Sozialwissenschafter Dr. Konrad Hummel in seinem Vortrag zu bedenken. „Menschen gruppieren sich schon heute stark nach ihren Lebensweisen, die sich stark von denen ihrer Eltern und Großeltern unterscheiden. Dieses Bedürfnis wird sich auch im Alter nicht ändern.” Dezentralisierte Angebote, wie Pflegewohngruppen, betreutes Wohnen, in denen Menschen mit gleicher Werthaltung oder Herkunft leben können, werden deshalb als Ergänzung zu größeren Pflegeeinheiten künftig immer wichtiger.

Trend zu professioneller Pflege
Werden heute noch viele Menschen von ihren Ehepartnern und nahen Angehörigen gepflegt, wird in Zukunft die Bereitschaft, professionelle Angebote anzunehmen, steigen. „Es gibt immer weniger Töchter und immer mehr erwerbstätige Töchter”, so Höpflinger. Das bedeute aber nicht, dass das Engagement der Menschen insgesamt sinke. „Im Gegenteil”, betont der Schweizer Wissenschafter, „selbst Söhne und auch Freunde der Betroffenen beteiligen sich immer stärker im Bereich der Pflege – nur anders als bisher.” Erkennbar sei ein Spezialisierungstrend: Angehörige übernehmen verstärkt Hilfeleistungen für den Pflegebedürftigen, die Pflege selbst wird von professionellen Diensten geleistet.

Die steigende Vielfalt an Pflegesituationen und -formen im Alter erfordert künftig eine noch bessere lokale und regionale Vernetzung und stärker zielgruppenspezifische Angebote. Darin waren sich beide Wissenschafter einig. Konrad Hummel betonte zudem, die Notwendigkeit, jungen Menschen Teilhabemöglichkeiten in Pflegeinstitutionen anzubieten. „Was wir künftig brauchen, ist nicht eine Dienstleistungsorientierung, sondern vielmehr ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir müssen jungen Menschen Platz bieten, mitzuwirken. Dienstleistungen erreichbar, transparent und mitwirkbar machen. Dann können diese Menschen die Pflege auch selbst mitgestalten, wenn sie selbst alt werden.

Veranstalter Betreuungs- und Pflegenetz Vorarlberg
Die Symposienreihe „Vom Pflegeheim zum sozialen Zentrum” wird organisiert vom Betreuungs- und Pflegenetz Vorarlberg. Ziel der Veranstaltungen ist es, den Wandel der Pflegealltags in all seinen Facetten zu beleuchten und damit gestaltbar zu machen. „Stationäre Pflege kann nur dann ein entsprechendes Maß an Lebensqualität bieten, wenn sie intensiv mit dem Umfeld und Alltagsleben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner verbunden ist”, betont der connexia-Geschäftsführer Mag. Martin Hebenstreit, dessen Unternehmen das Betreuungs- und Pflegenetz Vorarlberg koordiniert.

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