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Gebilde zum Besiedeln

Ein Wohnraum zu ebener Erde, beschützt von der kräftigen Geste des auskragenden Daches.
Ein Wohnraum zu ebener Erde, beschützt von der kräftigen Geste des auskragenden Daches. ©Katja Berger
Feldkirch - Ein Organismus. Ein Haus als Antithese zum sorgsam Angepassten, zum „G’hörigen“ und unauffällig stilvollem Wohnen. Dabei ist es doch vor allem für Bewohner und Architekt das Resultat einer Befragung des Ortes, der eigenen Lebensgewohnheiten und ein ungerührtes „Why not?“.
Leben & Wohnen in Feldkirch: Haus Jirku

Schon bei der ersten Besichtigung war da eine seltsame Anziehung zu einem bestimmten Punkt auf dem Grundstück entstanden. Ein stimmiges Gefühl, das von mehreren Anwesenden bestätigt wurde. Ja, dort sollten die Küche und der Essraum sein. Auch der Wunsch nach dem Kontakt zur Erde, zum Garten und die Idee „im Wald zu wohnen“, waren solche Festpunkte, auf der damals noch imaginären Entwurfslandkarte, die Bauherr und Planer zum heutigen Resultat führte. Es war durchaus ein gutes Stück Weg, das die Bauherrn zurückzulegen hatten, denn ganz zu Beginn stand ein verträumtes Landhaus vor deren inneren Auge. Wenn man heute, fünf Jahre später, das Ergebnis erlebt, zeigen sich viele Merkmale dieses „Landhauses“ auf unerwartete, aber eindrucksvolle Weise verwirklicht.

Astrid und Alexander Jirku hatten Kontakt mit verschiedenen Architekten aufgenommen. Bauten und Persönlichkeit von Arno Bereiter haben dann am besten zu den eigenen Vorstellungen vom Planen und Bauen gepasst.

Eine Vielzahl von inneren Bildern und Ideen beschreibt der Planer dann beim Rundgang um das Haus, das mehr und mehr als Gebilde, als Organismus verstanden werden kann, der reagiert, sich ausdehnt, sich richtet und seine Bewohner schützt, Raum und Sicherheit gewährt. Der warme, beheizte Baukörper ist 50 cm massiver Ziegel ohne weitere Dämmung, verputzt und rot gemalt. Eine Wetterhaut aus dunkelbraunem Welleternit gleicht sich den senkrechten, schattig braunen Linien des Waldes an. Sie überragt den Eingangsbereich, schafft Terrassendach und Windfang und schützt die Wetterseiten. Ganz oben, dort wo die Aussicht am schönsten ist, löst sie sich nochmals ab und schafft Raum für einen Balkon. Zwei voneinander entfernte Wohnbereiche sollten es sein, zwischen denen sich das Haus entwickelt. Der eine, ein Ankerpunkt am Boden, mit freiem, ebenem Ausgang liegt gleich beim Eingang. Eine Küche, ein Esstisch und eine Sitzecke mit Sofa und einem goldfarbenen Lichtkamin gruppieren sich um einen Eisenofen als Mitte. Ein langer Gang führt in die Tiefe, erschließt ein Bad, ein Schlafzimmer und Nebenräume und dreht sich im Licht eines kleinen Aussichtsfensters in einer Treppe nach oben. In diesem mittleren Geschoß ist Platz für ein Gästezimmer samt Terrasse und einem Arbeitsplatz. Die Treppe führt weiter in ein Turmgeschoß und endet im zweiten Wohnraum mit Aussicht auf die Schweizer Berge.

Das Innere ist ähnlich direkt in seiner Sprache. Farbige, oft kontrastierende Flächen und der Wechsel auf einer Palette von Materialien ergeben einen kräftigen Architekturdialekt. Grade heraus und eigentümlich, dabei sinnlich und direkt. Das Unkomplizierte, Raue und persönlich Individuelle formt für Arno Bereiter ein Gebäude, das aktiv bewohnt, gewohnt und besiedelt werden soll. Er steht zu den Ecken und Kanten, dem manchmal Groben und den Kontrasten, die Ausdruck von Persönlichkeit sind.

Dabei beschreibt er heute, nach 25 Jahren, seinen Zugang offener, freier und sieht seine eigenen Bilder mehr und mehr in den Hintergrund treten. Platz soll sein, nicht nur für die Funktionen der Bewohner, sondern auch für deren Ideen und Interpretationen. Die Bauherren danken es ihm und haben in diesem Umgang mit dem Haus viel Empathie und ein besonderes Wohngefühl entwickelt. Diese Verbundenheit zeigten sie auch, als sie nach drei Jahren aus beruflichen Gründen nach Liechtenstein ziehen mussten. Sie vermieten nun das Haus und sind sehr froh, ein Paar gefunden zu haben, das wiederum auf seine Weise das Haus einrichtet, auch verändert und damit neu interpretiert. Das Turmzimmer wurde zum Ruhepol für einen Texter und Schriftsteller, die Aussicht zur Quelle der Inspiration.

Daten & Fakten

Objekt: Haus Jirku, Feldkirch
Eigentümer: Astrid und Alexander Jirku, Liechtenstein
Architekt: Architekturwerkstatt – Arno Bereiter, Lustenau
Statiker: Ingo Gehrer, Höchst
Planung: 2010
Ausführung: 2010–2011
Grundstücksgröße: 2000 m², davon ca. 500 m² Bauland
Wohnnutzfläche: 152 m²
Keller: 30 m²

Bauweise: Stahlbetondecken und Stützen, südseitige Wand Ziegel massiv, Wetterseite: Ziegel mit Wärmedämmung und hinterlüftete Well-Eternitfassade; Dach und Wand als simple Massivholzkonstruktion; Keller: Teilunterkellerung, Carport für zwei Pkws; Fußböden: Massivdecken in Monofinish mit eingelegter Fußbodenheizung; Heizung: Luftwärmepumpe; Innenwände: Ziegel, Sichtbeton; Fenster: dreifach verglaste Holzfenster

Ausführung: Baumeister: Oberhauser & Schedler, Andelsbuch, Fassade und Dach: Kramser, Egg; Fenster: Feuerstein, Bizau; Zimmerer: Feuerstein, Au; Elektro: Conceptlicht, Götzis; Sanitär und Heizung: Gebrüder Amann, Götzis

Energiekennwert: 55 kWh/m² im Jahr

Baukosten: ca. 2250,- EUR/m² Nutzfläche

Quelle: Leben & Wohnen – die Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten.
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