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Gabe Gottes statt Schande

Schwarzach - Daniel* ist Priester und homosexuell. Er würde das nie ändern wollen. Im "VN"-Interview erzählt er über seine Veranlagung und sein Leben.

VN: Sie sind Priester in Vorarlberg und homosexuell?

Daniel: Das ist richtig. Ich arbeite in der Seelsorge in einer Vorarlberger Gemeinde.

VN: Die Gemeinde weiß nichts von Ihrer Veranlagung?

Daniel: Einzelne ja, die meisten aber nicht.

VN: Wann haben Sie entdeckt, dass Sie schwul sind?

Daniel: Richtig klar geworden ist es mir zur Zeit der Priesterausbildung. Ich habe es einfach gemerkt, indem ich mich in Studienkollegen verliebt habe. Ich hatte keinerlei sexuelle Kontakte. Die Verliebtheit war stattdessen ein großes Leiden, weil ich meine Liebe nicht ausdrücken durfte. Nicht einmal verbal. Ich hatte damals das Gefühl, ich bin der Einzige im ganzen Priesterseminar. Das Thema war so tabu und angstbesetzt.

VN: Haben Sie sich nie einem Priester anvertraut?

Daniel: Das hätte ich mich nie getraut. Später habe ich im Ausland einen Jesuiten kennengelernt, der auch Psychotherapeut war. Er hat die Priesterstudenten geistlich begleitet. Als Spiritual hat er ihnen damals ein Papier über Selbstbefriedigung in die Hand gedrückt, das auch zu mir gelangt ist. Das war ja genauso tabu. Mir hat das sehr imponiert, weil es so positiv war. Also habe ich mit ihm gesprochen.

VN: Sie haben sich damals das erste Mal geoutet?

Daniel: Ich hatte zum ersten Mal genug Vertrauen. Selbst meine Mutter hat es viel später erfahren, mein Vater dagegen nie.

VN: Wie hat der Jesuit reagiert?

Daniel: Völlig normal. Ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger. Für mich ist die Sonne aufgegangen, weil ich mit dieser „Schande” nicht verurteilt wurde! Auch meiner Berufung als Priester stand nichts im Weg: Sexuell enthaltsam leben muss ich sowieso, egal ob hetero- oder homosexuell.

VN: Wie geht es Ihnen heute?

Daniel: Ich bin mit zölibatärem Idealismus auf die Priesterweihe zugegangen. Mein Leben macht mir viel Freude. Doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass beziehungslos zu leben verdammt schwierig ist. Selbst wenn heterosexuelle Priester eine Liebesbeziehung mit einer Frau in der Öffentlichkeit leben, erfahren sie mehr Akzeptanz.

VN: Haben Sie Menschen, mit denen Sie reden können?

Daniel: Ich habe viele Leute, mit denen ich reden kann. Ich bin gern schwul. Ich wollte es nicht einmal ändern. Ich empfinde es als eine Begabung, eine Gabe Gottes. Im Ballett oder insgesamt in der Künstlerszene machen Schwule kein Hehl daraus. Dort ist das ganz normal. Ihre Sensibilität für Ästhetik und Dramaturgie wird bewundert. In der Seelsorge braucht man doch auch Sensibilität für die Menschen und Sinn für Dramaturgie.

VN: Haben Sie schwule Kollegen in Priesterkreisen in Vorarlberg?

Daniel: Ja, genug. Wenigstens fünf, mit denen ich mich ganz offen und auch humorvoll austauschen kann.

VN: Leben Sie eine Partnerschaft?

Daniel: Nein. Ich würde mir eine wünschen, aber ich gehe nicht aktiv auf Suche.

VN: Was macht Sie in der gegenwärtigen Situation am meisten betroffen?

Daniel: Diese fatale Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie, und dass die Leute das nicht unterscheiden können, das ist mir wirklich ein Gräuel. Außerdem hat der Vatikan 2005 ein Dokument veröffentlicht, wonach Schwule nicht mehr Priester werden dürfen. Wissen Sie, was das für diejenigen bedeutet, die schon seit Jahrzehnten als schwule Priester ihre ganze Energie investieren? Die Kirche sagt ihnen einfach: Du bist ein Irrtum. Dabei lebt die Kirche seit Jahrhunderten auch von den besonderen Fähigkeiten von homosexuell veranlagten Männern und Frauen. Die Kirchenleitung sollte das doch dankbar anerkennen.

* Name der Redaktion bekannt

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