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G8: Beim Klimaschutz hört sich Freundschaft auf

Meinungsverschiedenheiten zwischen George W. Bush und Tony Blair vor dem Start des G-8-Gipfels in Gleneagles (Schottland) von 06. bis 08. Juli. Uneinigkeit auch beim Thema Afrika.


ERNST HEINRICH: OFFEN GESAGT
G8 oder: Es geht eben nichts über echte Männer-Feindschaften.

“Ja, man hat mir von Haggis erzählt, aber probieren werde ich das sicher nicht – selbst wenn mich mein Freund Tony Blair inständig darum bittet!” Also sprach George W. Bush, als er von Reportern hörte, der britische Premier wolle seinen Gästen beim im schottischen Gleneagles beginnenden G-8-Gipfel eine Nationalspeise Schottlands servieren: Innereien vom Lamm mit Hafermehl und Zwiebel und das Ganze in Schafsmagen gekocht, eben Haggis.

Doch die Weigerung des amerikanischen Präsidenten, eine schottische Spezialität zu verkosten, dürfte wohl das kleinste Problem sein, das es beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Industrieländer in dem noblen Golfhotel etwa 70 Kilometer von Edinburgh entfernt gibt.

Denn nach dem „Live 8“-Konzertspektakel sind die Erwartungen, die in diesen Gipfel gesetzt werden, sehr hoch. Erhofft wird ein Durchbruch vor allem bei der Armutsbekämpfung in Afrika, die Gastgeber Tony Blair neben dem Klimaschutz zum Schwerpunkt der Beratungen erklärt hat.

Gastgeber Tony Blair steht bei diesem mittlerweile neunten G-8-Gipfel mächtig unter Druck. Die Demonstranten, die in Edinburgh am Dienstag bereits für heftige Krawalle sorgten – es gab mehr als 20 Leichtverletzte und an die hundert Festnahmen – wird er sich mittels einer doppelten Metallsperre rund um das Gipfelgelände wohl noch vom Halse halten können. Aber afrikanische Politiker, Nichtregierungsorganisationen und die heimische und internationale Öffentlichkeit erwarten viel von dem Treffen.

Auf seine Sonderbeziehungen zu den USA kann sich Blair diesmal nicht verlassen: Denn George W. Bushs Widerstand gegen die britischen Klimapläne dürfte eines der größten Gipfelprobleme werden. Der Beauftragte des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder zur Vorbereitung des G-8-Gipfels, Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach, beschreibt das Dilemma: So konkret wie möglich zu werden im Kampf gegen den Treibhauseffekt, ohne die USA „in die Ecke“ zu stellen. Bush, der das Klimaabkommen von Kyoto nicht ratifiziert hat, sperrt sich gegen jegliche konkrete Zusage.

Bush, der am Dienstag zum Auftakt seiner Europareise in Dänemark eintraf, hat im Vorfeld des Gipfels jedenfalls klargestellt, dass es von ihm keine verbindliche Zusage für eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen geben werde. „Wenn die Erklärung nach Kyoto aussieht, ist die Antwort Nein“, sagte er gestern unmissverständlich. Nicht auszuschließen daher, dass der Gipfel mit einem Eklat endet. Denn auch Tony Blair deutete Härte gegenüber seinem US-Kollegen an: Bush tue, was für die USA gut sei, und er, Blair, das, was für Großbritannien gut sei. Die britische Zeitung „The Guardian“ hatte darauf hin berichtet, dass Blair in Gleneagles den offenen Konflikt mit Bush riskieren könnte, indem er die Klima-Erklärung nur von sieben Staaten verabschieden und den Amerikaner „draußen“ lasse.

Um so beruhigender für Blair, dass er einen Erfolg bereits in der Tasche hat. Schon Anfang Juni hatten sich die G-8-Finanzminister darauf geeinigt, langfristig den rund 40 ärmsten Ländern der Welt ihre Schulden von rund 55 Milliarden Dollar bei internationalen Institutionen wie der Weltbank vollständig zu erlassen.

Doch beim zweiten Teil des britischen „Marshall-Plans für Afrika“ sieht es schon schwieriger aus. London will eine Verdopplung der Entwicklungshilfe von jährlich 50 Milliarden auf 100 Milliarden Dollar in zehn Jahren erreichen. Aber sowohl über das Ziel als auch die Wege dahin gehen die Meinungen weit auseinander.

Wie gesagt: Bushs Weigerung, am Mittwoch, an seinem 59. Geburtstag, Haggis zu essen, sollte die kleinste Hürde sein, die dieser Gipfel zu überwinden hat.

Polizei will hart durchgreifen

Die britische Polizei hat im Zuge des G-8-Gipfels in Schottland mit einer harten Vorgehensweise gegen gewaltbereite Demonstranten gedroht. Sollte es erneut zu Ausschreitungen kommen, werde die Polizei, die mit insgesamt 10.000 Mann im Einsatz ist, „robust vorgehen“, kündigte ein Polizeisprecher am Dienstag an.

Er reagierte damit auf erste Zusammenstöße mit Demonstranten in Edinburgh, bei denen etwa 20 Menschen verletzt und hundert festgenommen wurden. Die Ausschreitungen seien von einem „harten Kern überzeugter Aktivisten“ begonnen worden, hieß es bei der Polizei.

„Live 8“-Organisator Bob Geldof verurteilte die Gewalt, die von den Problemen in Afrika ablenke: „Das war dumm und unnötig!“ Geldof hat zu einem „Marsch zur Gerechtigkeit“ aufgerufen, bei dem heute eine Million Menschen erwartet wird.

AM RANDE

Gipfel im Luxus-Hotel

Das Golfhotel Gleneagles liegt etwa 70 Kilometer von Edinburgh entfernt. Die üppige, 1924 im Stil eines französischen Schlosses erbaute Hotelanlage in einem 353 Hektar großen Park verfügt über 256 Zimmer und 13 Suiten. Die Reichsten der Reichen zahlen hier bis zu 2400 Euro pro Nacht.

Sicherheit total

Sicherheit wird beim Gipfel groß geschrieben. Die Kosten: 150 Millionen Euro! Rund um das Hotelgelände in der Einsamkeit des schottischen Hochlandes wurde ein doppelter Metallzaun gespannt. Die Gipfel-Teilnehmer kommen per Hubschrauber. Der Landeplatz des Hotels wurde dafür ausgebaut.

Die Wogen gehen hoch

In der britischen Presse gehen die Wogen der Empörung hoch, seit Jacques Chirac über das britische Essen gelästert hat, man könne „Leuten nicht vertrauen, die ein derart schlechtes Essen haben“. Jetzt schrieb eine englische Zeitung empört: „Ungehobelte französische Schnecken-Fresser“.

Gipfel-Logo von Cherie Blair

Zum Gipfel in den Highlands gibt es ein offizielles G-8-Schottenmuster. Es wurde von Tony Blairs Gattin Cherie nach einem landesweiten Wettbewerb ausgewählt und enthält die Farben Grün und Lila, die auch das Gipfel-Logo enthält. Hinzu kommt Rot, weil es in allen Fahnen der G-8-Länder vorkommt.

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