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Für einen Kopfschuss 100 Punkte

©VOL.at/Klaus Hartinger
Lindau - Computer-Killerspiele gehören verboten, fordert Gewalt-Experte und Psychologe Rudolf Hänsel.

Mehrere Männer betreten die Abflughalle am Moskauer Flughafen. Ohne Vorwarnung eröffnen sie das Feuer auf wartende Flugpassagiere. Sie gehen weiter, schießen auf alles, was sich bewegt. Drei Minuten lang dauert das Massaker. „Call of Duty – Modern Warfare 2“ nennt sich das Spiel, bei dem man virtuell mitschießen kann und erst dann richtig gut ist, wenn man möglichst viele Menschen getötet hat. Der Massenmörder von Norwegen, Anders Breivik, meinte in seinem „Manifest“ über das legal zu erwerbende Computer-Killerspiel: „Das Spiel ist der wahrscheinlich beste militärische Simulator, eines der heißesten Spiele in diesem Jahr. Du kannst mehr oder weniger wirkliche Operationen komplett simulieren.“

Weg mit Hemmungen

Dr. Rudolf Hänsel, Psychologe, ehemaliger Rektor und Leiter der Schulberatungsstelle in München sowie ausgewiesener Gewaltexperte, schweigt für ein paar Sekunden. Dann fährt er fort: „Breivik hat sich ein Jahr zurückgezogen und nur dieses Spiel gespielt und dabei trainiert.“ Er wolle damit nicht behaupten, dass die Benützer derartiger Killerspiele auch Killer würden. „Aber es ist klar, dass vor allem jugendliche Spieler viele Hemmungen abbauen. Und es ist erwiesen, dass in fast allen Fällen von Schulmassakern seit 1995 exzessiver Gewaltkonsum eine wesentliche Rolle spielte.“ Narzisstische Störungen und tief empfundene Ungerechtigkeit seien andere Ingredienzen, die in Summe Massenmörder produzierten. „Wir kennen immer mehr Fälle von Jugendlichen, deren Spielesucht im Internet sie kurz vor ihrem Schulabschluss alles hinschmeißen lässt. Die wollen dann zur Bundeswehr. Und tätigen Äußerungen wie: ‚Ich will endlich scheiß Terroristen abknallen.‘“ Dr. Hänsel beschreibt die Zustände von Personen, die bei Gewaltspielen süchtig werden: „Sie schwitzen, haben höchste Erregungszustände, spielen oft Nächte durch. Handelt es sich um Jugendliche, sind sie am nächsten Tag in der Schule fix und fertig, interessieren sich für nichts mehr.“ Eltern müssten Alarmsignale erkennen: „Wenn das Zimmer des Kindes völlig verwahrlost ausschaut, der Jugendliche sich nicht mehr in Gesellschaft begibt und sich womöglich auch noch das Essen in sein Zimmer bringen lässt“, beschreibt Hänsel.

Start in US-Armee

Begonnen hat das mit den Computer-Killerspielen Anfang der 90iger-Jahre. „Zuerst blieben sie auf die US-Armee beschränkt. Die Soldaten sollten ihre Hemmungen beim Schießen auf Menschen verlieren. Später wurden diese Spiele von der Armee freigegeben – der Beginn einer großen Industrie mit riesigen Gewinnmöglichkeiten“, so Hänsel. Das exzessive Spielen könne zum Abbau der letzten Hemmungen führen. „Von vorne ins Gesicht schießen war sogar bei der Mafia nicht üblich. Der Ausdruck einer letzten Hemmung. In den Brutalo-Spielen am Computer sind Kopfschüsse von vorne am effektivsten. Dann gibt es 100 Punkte und dazu Jubelmusik. Breivik ist genau nach diesem Muster vorgegangen, hat nach jedem Treffer gejubelt.“

Mächtige Industrie

Vehement fordert Hänsel ein Verbot solcher Killerspiele. „Doch das ist vielfach schwierig. Dahinter steckt eine mächtige Industrie, die den Politikern sofort mit dem Keulenargument Arbeitsplatzverlust droht.“ Der Experte weiß aber auch, dass der Kampf gegen die verschiedensten Formen der Mediengewalt an mehreren Fronten geführt werden muss. Der wichtigste Ort sei das Elternhaus. „Dort, wo durch Wertevermittlung Kinder gegen mediale Manipulation immunisiert werden können.“

Zur Person

Dr. Rudolf Hänsel
Der 66-jährige gelernte Grund- und Hauptschullehrer studierte nach mehreren praktischen Erfahrungen an verschiedensten Schulen Psychologie und wurde zum Experten für Gewaltprävention. Er war zwischen 2001 und 2007 Rektor und Leiter der Staatlichen Schulberatungsstelle für München und den Landkreis München. Er ist Buchautor und Autor von mehreren Fachartikeln. Sein jüngstes Werk: „Game Over! Wie Killerspiele unsere Jugend manipulieren“, erschienen im Kai Homilius Verlag. Dr. Rudolf Hänsel lebt seit Kurzem in Lindau, wo er eine Praxis für Psychotherapie und Psychologische Beratung führt.

(VN)

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