"Für den Erfolg muss man Kunst als Business sehen"

Der international erfolgreiche Künstler Mario Dalpra aus Feldkirch im Sonntags-Talk über die Kunstszene, Privates und seinen Werdegang.


WANN & WO: In Wien wurde kürzlich der dritte Teil einer Filmreihe über Ihr Leben und Werk gezeigt. Ist es schon Zeit, Bilanz zu ziehen?

Mario Dalpra: Eigentlich nicht, hoffe ich. In Wien wurde ich immer gefragt: „Wie kannst du in Indien arbeiten?“ Der junge und sehr kompetente Filmemacher Matthias Hauer hat mich dann besucht und wir haben beschlossen, meine Lebensform zu dokumentieren. Wie ist die künstlerische Auseinandersetzung mit der Kultur und wie bringe ich meine Ideen ein?

WANN & WO: Wie kann man sich Ihr Leben in Indien vorstellen?

Mario Dalpra: Es ist nicht immer das Relaxte, mit Meer und Palmen. Da es immer mehrere Monate sind, muss ich auch intensiv arbeiten – ich lebe ja von meiner Kunst. Der zweite Film „City of Dalpra“ zeigt, wie es mir im Gegensatz dazu in Wien geht. Da kommt diese Hektik raus, weil man hier viel rumwetzen muss, Dinge mit Galerien checkt, Installationen macht usw. Der dritte Film zeigt meine Arbeitsweise und Lebenssituation in Indonesien, wo ich seit 20 Jahren ein Atelier mit 10 Mitarbeitern habe.

WANN & WO: Wie blicken Sie auf Ihren bisherigen Werdegang zurück?

Mario Dalpra: Wenn man liebt, was man tut, ziehen die Jahre schnell ins Land. Es ist aber noch sehr viel Energie da, mit der ich noch interessante Sachen machen kann. Der Kunstbetrieb ist eine ge­­waltige Auseinandersetzung.

WANN & WO: Wie meinen Sie das?

Mario Dalpra: Neid und Missgunst sind sehr präsent geworden, es geht nicht mehr um Kunst im eigentlichen Sinne. Nur noch darum, wer nach ganz vorne kommt.
Wer bekommt die Kunstförderungen, die Sammler und die Mäzene? Als Künstler muss man sich intensiv mit Menschen auseinandersetzen. Es wird sehr ökonomisch gedacht. Man schafft ein Produkt, das es zu vermarkten gilt.

WANN & WO: Kann man den Wert von Kunst in Zahlen ausdrücken?

Mario Dalpra: Ich habe in Indien am Strand mehr oder weniger zufällig den Graffiti-Künstler Banksy kennengelernt – nach einiger Zeit habe ich ihm auch geglaubt, dass er es ist. Banksy lebt anonym, ist aber weltweit berühmt und wird sogar gesucht. Es war interessant, wie er damit umgeht, dass seine Arbeiten Hunderttausende von Pfund kosten und er nichts davon hat, weil er die ja auf Wände malt.

WANN & WO: Wie war Ihre Kindheit in Vorarlberg?

Mario Dalpra: Aufgewachsen bin ich in Feldkirch Levis. Ich war ein Träumer. Im Kindergarten habe ich meinen ersten Zeichenwettbewerb gewonnen. Da lobten alle, wie ich den Christbaum gezeichnet hatte. Dieser Punkt war ausschlaggebend dafür, dass ich Künstler geworden bin. Das Lob der Menschen, dafür was ich konnte.

WANN & WO: Warum haben Sie dann eine Lehre als Koch gemacht?

Mario Dalpra: Die Schule hat mich nicht mehr interessiert. Nach dem Poly musste ich irgendwas tun und habe eine Koch-Lehre gemacht. Ich wusste bald, dass ich das nicht weiter machen würde. Nach dem Abschluss habe ich einen Job als Schiffskoch abgelehnt und in einer Fabrik in Tosters Fenster produziert.

WANN & WO: Und die Kunst?

Mario Dalpra: Ich hatte jede Woche einen Tag frei, weil ich sagte, dass ich nebenbei Theologie studiere. Da bin ich zur Tostner-Burg hinaufgegangen und den ganzen Tag da oben gesessen. Nach einem Jahr habe ich gesagt: Nein, jetzt gehe ich nach Wien! Dort wollte ich Jugendarbeiter werden.

WANN & WO: Was ist daraus geworden?

Mario Dalpra: Ich bei der Diozöse Ober St. Veit am Wolfrathplatz eine Stunde in der Woche als Gärtner gearbeitet und dafür dort wohnen dürfen. Irgendwann hat mich ein Priester gefragt, ob ich Interesse hätte, zu den Jesuiten ins Kloster zu gehen. Dort durfte ich dann als Portier mitarbeiten und habe fast zwei Jahre mit den Priestern gelebt.

WANN & WO: Wie kam es dazu, dass Sie doch Kunst studiert haben?

Mario Dalpra: Meine erste Ausstellung war im Kloster. Nebenbei habe ich in vier Jahren bei der Dr. Roland Abendschule meine Matura nachgeholt – ich hatte ja Zeit. Damals habe ich mich sehr intensiv mit Zeichnen auseinandergesetzt, mich für die Akademie beworben und wurde angenommen.

WANN & WO: Spiegelt sich in Ihrer Kunst ihr Charakter wider?

Mario Dalpra: Ich habe das Gefühl, dass sich meine Kunst mit mir als Person verändert. Ich will der Welt kein politisches Statement geben. Mir geht es um Ästhetik. Wenn man sieht, wie sich die Welt immer wieder im Negativen verändert, muss diese auch ihren Stellenwert wahren. Das Negative hat eine unglaubliche Macht, Menschen zu beängstigen. Hier versuche ich, einen Gegenpol zu entwickeln.

WANN & WO: Warum keine Politik in der Kunst?

Mario Dalpra: Ich schaffe ein Kunstwerk nicht, um etwas Kontroversielles oder einen Skandal zu schaffen. Ich verfolge einen ruhigen, ästhetischen Ansatz. Dabei geht es nicht darum, dass etwas gefällt. Eine Farbkomposition oder eine Figur, durch die beim Betrachter innerlich etwas passiert, gefällt nicht, sie berührt. Wenn ich mit jemandem über meine Arbeit rede, kommt es nicht vor, dass er sagt: „Mei, ist das schön.“ Bei mir heißt es eher: „Das hat etwas ganz Eigenes, es ist eine interessante Arbeit.“ Kritiker glauben meistens, erklären zu müssen, warum ich etwas wie gemacht habe. Eine Arbeit soll eine Präsenz haben, die für sich erkennbar ist. Dass man sieht, das ist eine Dalpra-Arbeit, die hat diese Aura.

WANN & WO: Nehmen oder haben Sie jemals Drogen genommen?

Mario Dalpra: Nie. Ich hätte Angst, dass ich dann durchdrehe. Mein Bruder (Anm. Arno Dalpra) war ja in dem Bereich tätig. Ich habe nie gesagt, ich muss mich wegpfeifen, damit ich das Leben aushalte. Ich bin aber ein Suchender.

WANN & WO: Vom angeblichen Theologiestudenten ins Kloster und dann nach Indien?

Mario Dalpra: Wenn man sich das vor Augen führt, könnte man meinen, dass ich Drogen doch nicht so abgeneigt bin (lacht). Nein, ich hatte ja nie den Anspruch, aus Indien als Guru zurückzukommen. Ich bin auch aus der Kirche ausgetreten – der Pfarrer in Levis hat das nie verkraftet. Religion spielt eine Rolle, aber Hauptthema ist sie nie. Das Spirituelle mag ich, aber ob das mit Religion zusammenhängt?

WANN & WO: War es immer schon Ihr Plan, die Welt zu bereisen?

Mario Dalpra: Das Interesse war immer da, unterwegs zu sein. Ich war in England, habe ganz Frankreich abgegrast, war 19 Sommer in Italien. Ich hatte eine einjährige Beziehung zu einer Pirelli, mit der ich heute noch gut befreundet bin. Die haben mir einen Palazzo in der Toskana zur Verfügung gestellt, in dem ich jedes Jahr ein paar Monate sein konnte. In Italien habe ich den Pantomimen Marcel Marceau kennen gelernt und war mit ihm in Frankreich auf einem Pantomimen-Festival. Marceau, der leider schon verstorben ist, hat Picasso und diese ganzen alten Meister noch gekannt. Für mich war die Berührung mit dieser Welt sehr schön. Heute ist vieles komplizierter.

WANN & WO: Hat sich die Kunst seit den alten Meistern so verändert?

Mario Dalpra: 20, 30 oder gar 50 Millionen Euro für eine Arbeit sind extrem! Es gibt aber auch Künstler, die hochbegabt sind, aber nie die Möglichkeit haben. Wenn man klug und dahinter ist, kann man etwas davon haben. Die meisten jammern die ganze Zeit und kritisieren die anderen, statt sich zusammenzureißen und Kunst als Business zu sehen. Es gibt heute keinen mehr, der dich entdeckt! Je schlechter es dir geht, desto mehr interessieren sie sich für dich. So ist Österreich. Erfolgreiche Künstler sind alle voll dahinter und wissen ganz genau, wie sie es machen, wie sie auftreten: Selbstbewusst und überzeugt von dem, was man macht.

WANN & WO: Und im Ländle?

Mario Dalpra: Hier muss mehr Pfiff rein! Ich habe wenig in Vorarlberg gemacht, weil man mich auch ab und an mal gefrotzelt hat – eingeladen und wieder ausgeladen. Dann kamen Sprüche wie: „Dalpra, du bist ja eh im Ausland.“ Manchmal fehlt der Weitblick gegenüber guten Leuten. Da schwingt ein bisschen Provinzkunst mit.

WANN & WO: Ist das der Neid?

Mario Dalpra: Wenn man Erfolg hat, wird es immer runtergemacht. Ich hatte einmal eine Ausstellung in der Arthaus-Galerie – meine erste in Vorarlberg. Das war schön, aber es sind auch Gäste gekommen, die komische Sprüche gemacht haben. „Das erinnert mich an Kaugummi. Blablabla.“ Das war komisch. Ich bin ja schon so lange weg, dass ich mich fast als Fremder gefühlt habe. Mittlerweile fahre ich gerne ins Ländle und bleibe meistens eine Woche. Ich bin bei meinen Geschwistern, die ja ihre Nichte sehen wollen. Jeden Tag Kaffee, Kuchen, im Garten sitzen – alles recht einfach, aber ich genieße es.

WANN & WO: Warum gönnt man anderen den Erfolg nicht?

Mario Dalpra: Das ist menschlich. Und nur weil man Anerkennung hat, lebt man nicht automatisch glücklich. Erwin Wurm tut mir manchmal leid, weil er oft nur Leute um sich hat, die ihn bewundern und anhimmeln. Lieber liege ich mit meiner Tochter im Bett und erzähle ihr eine Geschichte. Wenn einen die Leute kennen, kann man nirgends in Ruhe sitzen und entspannt private Dinge erleben. Man ist erkannt und wenn man etwas falsch macht, ist man erwischt.

WANN & WO: Vor 16 Jahren haben Sie in Indien geheiratet?

Mario Dalpra: Ich habe dort eine Künstlerin kennen gelernt, die ich aufgrund ihrer Natürlichkeit und Bodenständigkeit kompatibel fand. 2004 haben wir in Anjuna ein Haus und ein Atelier gebaut und ein Jahr später kam unsere Tochter zur Welt. Viele haben gesagt: „Um Gottes Willen, du fliegst mit einem Baby nach Indien? Bist du wahnsinnig?“ Ich hab nur gesagt, dass meine Frau sich auskennt – sie ist ja Inderin. Die Kleine isst heute Chili, da haut es dich aus dem Fenster!

WANN & WO: 2010 sei eine entscheidende Wende passiert. Welche?

Mario Dalpra: Ich habe begonnen, bei meinen Skulpturen ein neues Material zu verwenden. Außerdem haben wir uns entschieden, unseren Hauptwohnsitz doch wieder nach Österreich zu verlegen. Es ist aber gut zu wissen, dass wir das Haus in Indien immer noch haben. Die Welt verändert sich so schnell.

WANN & WO: Wie ist das Familienleben mit drei Wohnsitzen?

Mario Dalpra: Meine Frau ist super und lässt mich machen, den ganzen Tag. Seit wir verheiratet sind, verbringe ich 90 Prozent meiner Abende mit der Familie. Außer wenn ich meine Reisen mache, aber das haben wir von Anfang an so besprochen. Ich nehme viele Termine nicht wahr, weil ich lieber bei meiner Familie bin. Das ist mir sehr wichtig – ein Kind ist wirklich eine Aufgabe! Ich muss nicht der bedeutendste österreichische Bildhauer werden! Das ist vielleicht zu wenig egoistisch, aber ich glaube, so bin ich etwas freier. Glücklicherweise treffe ich immer wieder Menschen, die mich weiter tragen und zeigen, dass ich den richtigen Weg gehe.

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