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Für Demokratie in Stasi-Haft

(VN) Dornbirn - Ein Zeitzeuge aus der DDR bringt Vorarlberger Schülern demokratiepolitisches Engagement nahe.

Wenn Matthias Melster erzählt, staunen die Jugendlichen. Weil der ja noch gar nicht so alt aussieht. Richtig lässig kommt er daher in seinen schwarzen Klamotten. Könnte Musiker sein. Aber Matthias Melster ist nicht nach Vorarlberg gereist, um ein Konzert zu geben. Er erzählt von einem Staat, den es heute nicht mehr gibt. Die Schülerinnen und Schüler lesen die drei Buchstaben DDR in den Geschichtsbüchern. Als das selbst ernannte Arbeiter- und Bauernparadies 1989 zerbrach, waren sie noch gar nicht auf der Welt. Melster schon. Der wuchs in Ostberlin auf. Wollte raus, wurde geschnappt und saß in Stasi-Haft. Davon erzählt er.

Elmar Luger und Christian Weiskopf haben ihn nach Dornbirn geholt. Bis Mittwochabend wird er vor Gymnasiasten, Polytechnikern und Fachhochschülern sprechen. Er wird den jungen Menschen, die sich einen möglichst sicheren Job wünschen, Einblick gewähren in seine eigene „hochpolitische“ Kindheit. In der Jobs garantiert, aber Reisen verboten waren. Wenn die Jugendlichen heute in den Nachrichten gleichaltrige Libyer sehen, die für das Recht auf freie Meinung gegen Panzer marschieren, haben sie Melsters Pendant vor Augen. Matthias Melster weiß, wie so was ausgehen kann. Seine Erfahrungen gründen früh.

„Vater war Parteimitglied“

Geboren wurde er 1966 in Ostberlin. Pankow liegt nahe der Mauer. „Als Kind hab‘ ich die Schüsse gehört.“ Matthias‘ Vater ist Eisenbahner und überzeugtes SED-Mitglied. „Der war nach dem Krieg fasziniert von dem Gedanken, genau das Gegenteil der Nazis aufzubauen.“ Aber gleichzeitig bringt er seinem Sohn bei, dass man sich seine eigene Meinung bilden und sie auch sagen soll. Das tut der. In der Schule. Mit 14 Jahren verklickert er seiner Lehrerin, dass die DDR keine Demokratie ist. „Ich wurde vom Schulhof weg verhaftet und verhört.“ Seine Schuldirektorin sagt ihm später, das mit der Matura habe sich somit erledigt. „Ich trug den Oppositionsstempel auf der Stirn.“

Anfang der 1980er-Jahre schloss er sich kleinen Gruppen an. „Wir wollten dieses Land verändern.“ Eine Wiedervereinigung mit der BRD war gar nicht das Ziel. „Wir wollten Grundrechte erkämpfen.“ Im Linolschnittverfahren haben sie Flugblätter hergestellt. Und irgendwann begriffen, dass die DDR  „sich nicht verändern wollte“. Drei Ausreiseanträge wurden abgelehnt. Da kam ihm der Gedanke zur Flucht.

Versucht haben es seine Freundin und Matthias an der tschechoslowakisch-deutschen Grenze. „Zwei Zäune haben wir überwunden, aber es gab eben drei.“ Sie wurden geschnappt, verhaftet und nach Ostberlin geflogen. Matthias Melster saß fünf Monate lang in Stasi-Haft. Wo, das erfuhr er erst neun Jahre später. Da war das berüchtigte Gefängnis der Staatssicherheit namens „Hohenschönhausen“ schon ein Museum. „Ich las davon in der Zeitung.“ Er ging hin. Und erkannte seine Zelle wieder im dritten Stock, den Hof, die Gänge. Fünf Monate war er hier eingesperrt gewesen in völliger Isolation. Hohenschönhausen hatte 103 Zellen. Aber ein Ampelsystem in den Gängen sorgte dafür, dass sich die Gefangenen nie begegnet sind. Körperlich gefoltert wurde er nie. Da muss er die Schüler „enttäuschen“. Aber die Folgen der Isolationshaft trägt Matthias Melster bis heute.

Demokratie braucht Pflege

Warum er solche Vorträge hält? „Wissen Sie“, antwortet er nach einer Weile, „wir haben damals für Demokratie gekämpft. Und jetzt haben wir sie. Aber Demokratie funktioniert nicht von allein. Sie muss gestaltet werden. Und es geht ganz schnell, dass man abends in einer Demokratie schlafen geht und morgens in einer Diktatur aufwacht.“ Deshalb sagt Melster den Schülerinnen und Schülern auch wieder und immer wieder: „Wenn Ihr die Möglichkeit habt, wählen zu gehen, dann geht auch hin.“ Es gibt Menschen, die wandern für so ein Recht ins Gefängnis. Matthias Melster ist so einer.

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