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"Freiwillig und ohne Konsumzwang"

Gemeinsames Kochen in der Tankstelle. Geteilt werden dort aber auch Bücher, Kleidung, Wissen, Engagement und Freude.
Gemeinsames Kochen in der Tankstelle. Geteilt werden dort aber auch Bücher, Kleidung, Wissen, Engagement und Freude. ©MIK
Eine aktuelle Studie beleuchtet, ob und warum junge Leute teilen. W&W hat mit Anna Schweighofer (30) von der Tankstelle Bregenz über Möglichkeiten und Motivation für Sharing gesprochen.

„Die Idee hinter der Tankstelle ist, ein offenes Wohnzimmer zur Belebung der Innenstadt in Bregenz, ohne Konsumzwang und nach den Prinzipien der Freiwilligkeit, Selbstorganisation und Begeisterung zu schaffen“, erklärt Anna. „Die Initiatoren hatten Sehnsucht nach einem Ort, an dem es möglich ist, seine Talente, die im Beruf womöglich zu kurz kommen, einzubringen: gute Gespräche führen, Musik machen, gemeinsam kochen, handwerklich tätig werden, gärtnern. Aber auch nach einem Ort, um sich mit anderen zu vernetzen und gemeinsam Ideen zu entwickeln und umzusetzen.“

Sharing on- und offline

Ein aktuelles Dossier des Instituts für Jugendkulturforschung beschreibt „Sharing in jugendlichen Lebenswelten“. Demnach wird „Sharing“ (Engl. „Teilen“) von Jugendlichen vorwiegend als Teilen von materiellen Gegenständen mit anderen Menschen sowie das Aus- und Verborgen von privatem Eigentum verstanden. Dazu komme der Weiterverkauf von gebrauchten Dingen und natürlich auch das Teilen von Inhalten im Internet. „Tankwärtin“ Anna ist da etwas anderer Meinung: „Neben den vielen Möglichkeiten des Sharings, die über das Internet möglich werden und die bereits fester Bestandteil der Jugendkultur sind, bietet die Tankstelle eine Chance, um mit anderen Menschen vor Ort eine Kultur des Teilens zu üben“, sagt sie.

Alternativen zum Konsum

Die Tankstelle versuche, Alternativen zur Konsumgesellschaft aufzuzeigen: „Uns geht es auch darum, den mit dem Konsum verbundenen Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Wir verstehen uns als konsumfreien Raum und versuchen stattdessen, alternative Modelle und Praktiken zu entwickeln und zu üben, um unsere Bedürfnisse nach Beziehungen, Resonanz, Gemeinschaft auf einer anderen Basis als der des Konsumierens zu befriedigen. Sei es nach dem Motto ,Teller statt Tonne‘, Second Hand statt neu, im Tauschkreis oder eben in Begegnungen mit anderen statt Anonymität“. In der Tankstelle gehe das aber auch über materielle Dinge hinaus: „Wir teilen von materiellen Gütern, wie Büchern und Kleidung etc. im Kost-Nix-Laden vor allem auch Zeit, Wissen, Engagement und Freude. Viele unserer Aktivitäten kommen ja nur dann zustande, wenn viele Menschen ihre verschiedenen Talente einbringen, wie z.B. bei der Nähwerkstatt, dem Mittagstisch oder der Veranstaltung ,Ich kenn wen, die kann was…‘ Wir geben den Freiraum und sehen, wie in offeneren Formaten viele Gespräche und dadurch oft weitere Ideen entstehen.“

Abweichungen akzeptieren

Im Dossier des Instituts für Jugendkulturforschung wird aber auch auf Probleme und Nachteile von Sharing eingegangen. Demnach werden einzelne Aspekte von Jugendlichen sehr kritisch betrachtet: Hauptkritikpunkte seien der Missbrauch der Sharing-Economy zu kommerziellen Zwecken, ein relativ hochschwelliger Zugang und ungewisse Qualitätsstandards. Anna kontert: „Wir haben enorm hohe Ansprüche an Dinge und Leistungen (Qualitätsstandards). Setzen wir diese Erwartungen niedriger an und akzeptieren auch Abweichungen der gängigen Normen, können wir gelassen teilen und auch annehmen“, erläutert die 30-Jährige und fügt hinzu: „Wenn jemand einseitig Profit aus dem Sharing schlägt, so ist das für mich kein Teilen mehr sondern Nutzen, wie z.B. mieten.“

4 Motive für Sharing

Flexibilität und Mobilität: Carsharing oder das gemeinsame Verwenden anderer Verkehrsmittel erfreuen sich großer Beliebtheit. Ein Beispiel, das bereits in vielen Großstädten zu finden ist, sind die Citybikes. Im weiteren Sinne kann auch Couchsurfing als Verbesserung der Mobilität gewertet werden. So kann man günstig für ein paar Nächte eine Unterkunft finden.

Nachhaltigkeit: Dinge weiterzugeben, wieder zu verwenden und/oder mit anderen zu teilen, wird durch Sharing ermöglicht. In diesem Zusammenhang wird es als eine sinnvolle und unterstützenswerte Alternative zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft erlebt. Konkret bezieht sich dies vor allem auf Autos, Kleidung und Lebensmittel.

Kostenersparnis: Dinge, welche nicht unbedingt besessen werden müssen, zurzeit unleistbar sind oder bei denen es ausreicht, sie temporär zu nutzen, werden gerne geshared. Wenn wenig Geld zur Verfügung steht und gewisse Dinge einfach nicht leistbar sind, bringt die temporäre Nutzung eine finanzielle Ersparnis.

Kurzzeitiger Konsum: Das Konzept des kurzzeitigen Konsums und der zeitlich begrenzten Nutzung gewisser Produkte oder Gegenstände ist der Idee des Sharing immanent. Insofern scheint es wichtig zu sein, dass es sich dabei um Dinge handelt, bei welchen eine zeitlich begrenzte oder einmalige Nutzung ausreicht. Dies macht Sharing insbesondere in Bereichen wie Filme, Games, Autos und teilweise bei Kleidung und Büchern interessant.

4 Beispiele für Sharing in Vorarlberg

carla Second Hand: Carla, ein Projekt der Caritas, beweist, dass Second-Hand-Ware nicht automatisch schmuddelig und in abgenutztem Zustand sein muss, genauso wenig wie die Shops, in denen sie verkauft wird. Außerdem gibt Carla langzeitarbeitslosen Menschen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten bei der Aufbereitung von Second-Hand-Ware unter Beweis zu stellen und ihre Chance zu nützen. www.carla-vorarlberg.at

Share & Care Vorarlberg: Zweck dieser Facebook-Gruppe ist es, Leistungen, Dienste, Güter etc. ohne die Erwartung einer Gegenleistung zu teilen. Der Austausch basiert auf reiner Nächstenliebe. Ziel sei es, zu zeigen, dass das Gefühl, jemandem etwas zu schenken und die Freude darüber zu sehen, mehr wert ist, als ein paar Euro. www.shareandcare.at

Food Share: Wem geht es ab und zu nicht so? Zuviel gekocht und wohin damit? Doch nicht in den Müll! Food Share ist für Freunde, die gerne ihre Kochkünste unter besonderen Umständen teilen möchten. tinyurl.com/foodsharevlbg

Tankstelle Bregenz: Die Tankstelle ist ein Ort, wo sich unterschiedliche Menschen, ohne Eingrenzung des Alters, treffen können un das ohne Konsumzwang. Ein Ort, an dem Sozialkapital entsteht. Leidenschaft, Begeisterung und die Bekenntnis, unperfekt zu sein, kennzeichnen nicht nur die Betreiber, auch die Benutzer. www.tankstellebregenz.org

“Junge Leute machen sich Gedanken über nachhaltigen Konsum”

Christine Erath, carla (Caritas Vorarlberg): “Mode-Sharing: tauschen, weitergeben, Second Hand shoppen usw. Viele junge Leute machen sich Gedanken über nachhaltigen Konsum. Das merken wir zum Beispiel bei unserer Second Hand Linie ‘carla Young Design’, die in allen carla Shops super ankommt. Was die jungen Menschen sehr schätzen: Cooles, individuelles Styling – und dabei Umwelt und Geldbörse schonen.”

“Sehnsucht des Menschen”

Harald Pirker, Food Share: “Ich stehe der Sharing Economy sehr positiv entgegen. Sharing beruht auch auf Vertrauen und liegt daher in der Sehnsucht des Menschen. Es ermöglicht, dass Wissen zwischen mehreren Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und Hintergründen ausgetauscht werden kann.”

 

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