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Frauen als Opfer von grausamen Stammestribunalen in Pakistan

Mukhtar Mai war selbst Opfer einer Vergewaltigung - sie leitet nun eine Organisation für weibliche Gewaltopfer.
Mukhtar Mai war selbst Opfer einer Vergewaltigung - sie leitet nun eine Organisation für weibliche Gewaltopfer. ©AP dapd
In Pakistan und dem Nachbarland Indien kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen, die von Stammesgerichten angeordnet werden. Oft werden dabei Frauen für die Vergehen ihrer Verwandten bestraft.
Indien: Dorfrat fordert Vergewaltigung an

Fazlan Bibi hatte keine Ahnung, was ihr bevorstand, als sie in den Hof gebracht wurde. Dort, in einem Dorf in Zentralpakistan, waren etwa ein Dutzend Männer eines Stammesgerichts versammelt. Ihr Bruder hatte angeblich eine Affäre mit einer verheirateten Frau, das müsse bestraft werden, hieß es. 

Kaum zehn Minuten dauerte der Prozess, ihr Bruder antwortete nicht auf die Vorwürfe. Es folgte eine Entscheidung, wie sie in Pakistan oft gefällt wird: Die Stammesrichter ordneten an, dass die Männer der Gegenpartei an Bibi ihre verletzte Ehre rächen dürften. Die Mittdreißigerin wurde von Verwandten der Geliebten ihres Bruders mehrfach vergewaltigt.

Vorfall wird verleugnet

So beschreiben Menschenrechtsorganisationen die Geschehnisse im Jänner. Die Polizei bestreitet das. Nichts dergleichen sei geschehen, sagt der örtliche Polizeichef, Shahid Ramzan. Die Frau sei in eine Hütte gebracht und nackt ausgezogen worden. Sonst sei nichts weiter passiert. “Wir haben detailliert ermittelt und konnten bisher keine Vergewaltigung beweisen. Sogar das Opfer streitet das ab.”

“Ich habe von mehreren Personen erfahren, dass Bibi vergewaltigt wurde”, sagte die bekannte Aktivistin Mukhtaran Mai. Sie hatte versucht, Bibi in ihrem Heimatdorf Radiwali zu besuchen. “Ich wurde in der Nähe ihres Hauses von etwa 30 Männern zur Umkehr gezwungen.” Mai selbst war im Jahr 2002 auf Befehl eines Stammesgerichts vergewaltigt worden. Nun leitet sie eine Organisation für weibliche Gewaltopfer.

Kein Einzelfall

Immer wieder dringen Berichte über angeordnete Vergewaltigungen aus Pakistan und dem Nachbarland Indien an die Öffentlichkeit. Im indischen Bundesstaat Westbengalen soll im Jänner eine junge Frau auf Befehl eines Dorfvorstehers vergewaltigt worden sein, weil sie eine Liebesbeziehung mit einem Mann außerhalb des Stammes hatte. Die Frauen würden Opfer traditioneller Moralvorstellungen, sagen Aktivisten.

Den Berichten zufolge wurde Bibi am 24. Jänner vergewaltigt, doch weder sie noch ihre Familie erstatteten Anzeige. Die Polizei begann zu ermitteln, nachdem Journalisten wie Tahseen Raza von dem Verbrechen berichtet hatten. Für Bibis Familie sei die Sache erledigt, sagte Raza. Alle hätten sich dem Urteil der Stammesältesten gefügt. “Ich habe das Dorf besucht und mit den Menschen gesprochen. Sie haben mir gesagt, ihre Familie will nicht, dass Bibi zu einer neue Mukhtaran Mai wird.”

Opfer sollen schweigen

Mai wird in Pakistan bewundert und gehasst. Bewundert, weil sie sich gegen ihre Vergewaltiger zur Wehr gesetzt hat. Gehasst, weil sie offen über Sex spricht: ein Tabu. Von Frauen wird traditionell erwartet, dass sie Gewalt – sogar Vergewaltigungen – still erdulden. Und falls sie sich doch zur Polizei wagen, dauert es oft Jahre, bis sie Gerechtigkeit erfahren – wenn überhaupt. In Mais Fall wurde nur einer von zehn Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt, acht Jahre nach der Tat.

Etwa 70 Prozent der Vergewaltigungen in Pakistan würden verschwiegen, aus Angst vor einem Stigma oder entwürdigenden Verhören, sagt Zaman. “Verurteilungen sind selten, nur etwa zwei Prozent.” Eine Bestrafung der Täter mache den Schmerz und die Erniedrigung zwar nicht wieder gut, meint Mai, doch sie könne abschreckend wirken. “Das Trauma bleibt ein Leben lang, aber eine Bestrafung gibt eine gewisse Genugtuung.”

(APA/dpa/red)

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