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Frank Castorf inszeniert Handke: Über den Balkan nach Prag

Frank Castorf inszeniert am Burgtheater
Frank Castorf inszeniert am Burgtheater ©APA/HERBERT PFARRHOFER
Frank Castorf ist derzeit auf österreichische Literaturnobelpreisträger abonniert. Nach Elfriede Jelineks "Lärm" im Akademietheater inszeniert er am Burgtheater Peter Handkes "Zdenĕk Adamec". "So unterschiedlich sie sind, finde ich beide Nobelpreise sehr berechtigt. Und einen dritten sollte es posthum geben." Nein, er meint nicht Thomas Bernhard. "Georg Danzer", grinst er. Dessen Liedgut habe er sogar seiner französischen Freundin nahe gebracht. "Nun ist sie ein totaler Fan."

Interviews mit dem 70-Jährigen, der ein Vierteljahrhundert die Berliner Volksbühne leitete und danach "von Berlin die Flucht nach Österreich angetreten" hat, sind ein eigenes Genre. Es sind Monologe, in die man versucht, mit gelegentlichen Einwürfen das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken. "Ich weiß, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Ich möchte das nicht redigieren müssen", grinst er. Doch einmal in Fahrt geraten, lässt er sich ungern von der Ausformulierung eines Gedankens abbringen. Was zugegebenermaßen ja wirklich interessant ist. Der deutsche Regisseur ist schließlich eine lebende Legende, hat viel erlebt, viel gelesen und viel inszeniert. Das alles schlägt sich in Theaterarbeiten nieder, die seit vielen Jahren "die obligaten Ingredienzien einer überflüssigen Castorf-Inszenierung" (O-Ton Castorf) beinhalten: viel Originaltext aus umfangreichem assoziativen Quellenstudium, eine möglichst von Aleksandar Denić stammende Bühnenlandschaft aus unterschiedlichsten Versatzstücken, Live-Video aus Hinterstübchen sowie groß projizierte Video-Einspielungen, viel Geschrei und viel Energieaufwand.

Die Handke-Rezeption an deutschsprachigen Bühnen ist dagegen von den vielen Uraufführungen durch Claus Peymann geprägt. "Peymann hat sich immer hinter dem Papier versteckt. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, am Theater wird das nur schnell langweilig." Während für Peymann das Dichterwort sakrosankt war und er auch stets die Nähe zum Autor suchte, sagt Castorf: "So kann ich nicht arbeiten." Lieber macht er sein eigenes Ding. Kontakt zu Handke, der zur zweiten Vorstellung kommen wolle, halte der Dramaturg. "Bei ihm hat sich Handke gestern mal vorsichtig erkundigt, wie lange es denn dauern wird. Dessen sehr konservative Schätzung lautete: vier Stunden. Und Handke: Oh!"

Castorfs Weg nach Tschechien, wo "Zdenĕk Adamec" eigentlich angesiedelt ist, führt über den Balkan. Über Handkes "Winterliche Reise" nach Serbien hat der Handke-Debütant Castorf, der ausführlich über dessen Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970) referieren kann, seinen Zugang zu dem Stück gefunden. Er erzählt im APA-Interview darüber, wie er und sein aus Serbien stammender Bühnenbildner Aleksandar Denić nach Titos Tod zu Titoisten geworden seien, in Bewunderung für den kommunistischen Sonderweg Jugoslawiens, mit dem Tito Stalin die Stirn geboten habe, und erkennt in Handkes Sehnsucht nach dem "Neunten Land" große Gemeinsamkeiten. "Darin lag einige Hoffnung für mich - und für Handke scheinbar auch." Die eigensinnige Parteinahme des Wanderers, der aufgebrochen war, seine eigenen Wahrheiten zu finden und sich dabei gegen den medialen und politischen Mainstream zu stellen, imponiere ihm.

Sei das nicht aber, mit Verlaub, aus Österreich gesehen die falsche Himmelsrichtung? Handkes Stück spiele doch nicht in Serbien, sondern in Prag und im südöstlich davon auf halbem Weg nach Brünn gelegenen Städtchen Humpolec? Es gehe um einen panslawischen Großraum, hält Castorf unbeirrt entgegen. Es gehe um eine allgemeine Provinzialität, die er im Osten so gut kenne. "Wir wollten ja nach Humpolec fahren, um dort zu drehen. Das hat aber die Pandemie vereitelt. Wenn Sie sich aber Fotos von dort anschauen: Genau diese Tristesse, diese Trostlosigkeit kenne ich nur zu gut aus Anklam." In diesem ostdeutschen Provinznest erregte Castorf Anfang der 80er-Jahre als Regisseur und Oberspielleiter erstmals Aufsehen und wurde auf Betreiben der SED entlassen.

Es gehe in dem Stück aber auch um Medienkritik, die Handke immer schon - und speziell im Fall der Balkankriege - sehr beschäftigt habe. Der Fall des Zdenek Adamec, der sich 18-jährig im Jahr 2003 am Prager Wenzelsplatz verbrannte und in seinem Abschiedsbrief gegen "Geld und Macht" wandte, die die Welt und sein Land nach der Wende uneingeschränkt regierten, sei von der Politik als Tat eines Verrückten abgetan und von den Medien weitgehend totgeschwiegen worden. "Und in Paris sitzt einer, dem das auffällt, und der was dagegen tun möchte."

Was der junge Tscheche damals getan habe, sei ein Aufschrei gewesen, der Versuch, das eigene Leiden als Fackel zum weithin sichtbaren Leuchten zu bringen. "Es hat ja auch ganz starke psychopathologische Züge, wenn sich jemand selbst verbrennt. Das ist die schlimmste Todesart, die man wählen kann. Damals haben im weiteren Verlauf 17 Menschen versucht, es dem Zdenek Adamec gleichzutun. Das muss man sich einmal vorstellen!"

Während Friederike Hellers Uraufführung des Stücks vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen an einem undefinierten Kunstort angesiedelt war, ließ Jossi Wieler das Stück am Deutschen Theater Berlin in einer Art Pilger-Raststätte mit Heiligen an den Wänden spielen. In Wien wird eine realistische Bushaltestelle der Schauplatz sein. "Handke liebt ja den Bus als Fortbewegungsmittel. In trostlosen Kleinstädten ist der Busbahnhof immer der Treffpunkt der Jugend. Doch es geht ihnen wie in 'Warten auf Godot': Der Bus kommt nie!" In Handkes Stück tritt die Hauptfigur selbst nie auf, ist nur in Erinnerungen präsent. Er werde die sieben Figuren wie Wiedergänger aus einer anderen Welt sprechen lassen, den eigenen Tod stets mitreflektierend, sagt der Regisseur. "Der Blick in die Zukunft ist wichtig. Es braucht Seher wie Kassandra oder Teresias, um uns aufzurütteln - auch, wenn sie sich gelegentlich irren."

Auch künftig wird der "Berlin-Flüchtling" Castorf Österreich erhalten bleiben. Seine zweite Corona-Impfung habe er kürzlich in St. Pölten erhalten, erzählt er stolz. Am dortigen Landestheater wird er Ende Jänner 2022 den Monolog "Schwarzes Meer" von Irina Kastrinidis zur Uraufführung bringen. Wie kommt es dazu? "So etwas entsteht immer privat. Ich bin ja jemand, den man zu seinem Glück zwingen muss. Meine frühere Lebensgefährtin hat ein Stück über ihre Familie und das Schicksal der Pontus-Griechen geschrieben, das weitgehend vergessen ist, obwohl von ihnen annähernd so viele wie die Armenier vertrieben oder getötet wurden. Ich hätte es ihr nie zugetraut - aber es ist ein tolles Stück geworden. Immer unterschätzt man die Frauen!" Der 12-jährige gemeinsame Sohn Mikis Kastrinidis wird mitspielen. "Ich hab ja einige Kinder, aber niemand von ihnen liebt das Theater so wie er!"

Mit Staatsoper, Burgtheater, Salzburger Festspielen, Wiener Festwochen und dem Landestheater Niederösterreich wird Frank Castorf dann schon einige Stationen in der österreichischen Bühnenlandschaft absolviert haben. Aber längst nicht alle. Könnte Castorf etwa demnächst auf den Spuren seines Kollegen Claus Peymann wandeln? "Ertappt", lacht der Regisseur: "Ich umkreise das Theater in der Josefstadt bereits in immer engeren Radien. Aber vor 2024 hab' ich ohnedies keine Zeit."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Peter Handke: "Zdenĕk Adamec", Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: William Minke, Mit Mehmet Atesci, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister. Burgtheater, Premiere: 18.9., 18 Uhr, Weitere Vorstellungen. 19.9., 26.10., 1.11., )

(APA)

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