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Fliegende Teppiche

Roswitha Natter
Roswitha Natter ©Tiefenwirkung: Recycelte Glasschuppen bringen Licht in die große Kubatur der Scheune des Bregenzerwälderhauses.
Schwarzenberg - Was lange währt, wird sicher gut. Eine Raumstruktur im Hinterhaus des sogenannten Angelika-Kauffmann-Hauses in Schwarzenberg lässt alle konventionellen Wohnvorstellungen vergessen.
Leben & Wohnen in Schwarzenberg

Eigentlich will man nur schauen und staunen, gar nicht beschreiben. Das Haus – ist das überhaupt ein Haus? – steckt voller Überraschungen. Ist der Vorspann wichtig? Dass der Kern des klassischen Bregenzerwälderhauses aus dem Jahr 1649 stammt und dass Thomas Mennel, Architekt und Bauherr, das Vorderhaus vor fünf Jahren für die Nachbarsfamilie sehr sorgfältig umgebaut und renoviert hat? Für die eigene Familie hatte man das Hinterhaus im Visier. Die alten Balken des Tragsystems der imposanten Scheune forderten Abstand, eine Situation mit Split-Level von Stall zu Tenn war angelegt, die große Herausforderung, wie Licht in die Raumtiefe dringen kann. Die Idee stand von den ersten Skizzen an fest: „Wir wollten in und mit der Scheune leben!“ Thomas Mennel konnte sich nur vorstellen, die bestehende Hülle als Wetterfassade sein zu lassen, großflächig aufzureißen und Licht über recycelte Einfachverglasungen einzufangen. Die Wohnebenen verschränken sich fliegenden Teppichen gleich, völlig freigestellt, mit dem umhüllenden Raum.

Die neue Raumstruktur hält sich also nirgends fest, es gibt nur die Wand zum Vorderhaus, ansonsten nichts als Glas und die Plateaus aus massivem Holz. Dass der Architekt immer schon ein Faible für Statik hatte, trifft sich gut. Er bringt die zart dimensionierten Stahlsäulen in statisch logische Stellungen, schräg, als Pendelstützen, nie in einer Ecke, bewusst ästhetisch angeordnet, sucht Bezüge zum Fachwerk der Scheune, nie parallel zu anderen Linien. Das Gesamte wird zu einer künstlerischen Abstrahierung der alten Strukturen, die Säulen verlieren sich im Blickfeld. Beim Zeichnen der Pläne für die präzise Lage der fünfundzwanzig Stützen scheiterte er jedoch und komponierte seinen Säulenwald vor Ort selbst. Thomas Mennel entwickelte dazu ein Befestigungssystem mit Kopf- und Fußteil, in welches die in Überlängen gelieferten Stützen nach dem individuellen Anpassen eingefädelt und verschraubt wurden.

Die hüllende Konstruktion wird von den Wohnebenen nicht berührt, die gestaffelte Raumabfolge lässt mittels Glasstreifen auch zwischen den Levels die Sonne durchscheinen und den blauen Himmel vom Dach, bis hinab, in den letzten Winkel der Bibliothek. Auch die eher niedrigen Raumhöhen relativieren sich in der Gesamtheit. Es gibt keine Fenster, die ein Panorama einrahmen, sondern nur interessante Ausschnitte, aus ungewohnten Perspektiven. „Wir sitzen beim Frühstück und schauen den Kühen aufs Maul“, scherzt der Bauherr.

Unkonventionell – „eher unkompliziert!“, sagt der Architekt – betritt man die Räumlichkeiten. Über die Stalltreppe gelangt der Besucher auf eine Art Vorplatz, oder Hof, innerhalb des umbauten Raums und steht nach der doppelflügeligen Glaseingangstür direkt vor dem Esstisch an. Die bemerkenswerte Küche mit Holzkochherd, Arbeitsfläche aus großgemusterten Zementfliesen, Fronten Email verkleidet, bildet ein Gegenüber zur Aufschließung der weiteren Ebenen.

Das Schlafzimmer mit Elternbad hält sich dezent im Hintergrund, der Durchblick reicht jedoch bis zur Haustüre. Wieder der Levelsprung. Über die Treppe mit den grauen MDF-Einbaumöbeln gelangt man zu einem offenen Arbeitsbereich, hier taucht am Boden Lila auf. Dieser orientiert sich zum Freiplätzchen, so wie die Waschküche. Separat erreichbar ist das Musikzimmer, über den Eingang vom Carport aus, außerdem das obere Niveau der Zonen für die Kinder, mit der alten Holztreppe im Kaltraum. Ein weiteres wichtiges Gestaltungselement sind die Vorhänge, die sich durchs Haus schlängeln. Wieder gibt es keine Berührung mit den Ecken und Wänden. Wie in einem Labyrinth kann zoniert, Intimität oder Öffentlichkeit geschaffen werden. Textil bringt Weichheit in die glasharten Räume und kann auch akustisch viel. Im Stoffmaterial wird unterschieden, dichtes Leinen im Wohnzimmer, pflegeleichter, transparenter Stoff der Küchenzeile entlang. Eine ähnliche Funktion haben auch die großen Holzlamellen-Schiebeläden, die beweglich ungefähr ein Drittel der Glashaut abdecken, genau dort, wo Geborgenheit gewünscht wird. Die Scheunentore zeigen ebenfalls mit großer Geste an, ob die Familie zu Hause ist; in der Nacht, wenn alle schlafen, ist immer zu. „Es war von vornherein klar, wie sich die Räume in dieser großen Kubatur der Scheune entwickeln sollten, aber es hat so lange gedauert, bis ich mit den Ausformulierungen der Interventionen und Details zufrieden war“, gibt der Architekt Thomas Mennel zu. Die Einstellung, dass die Zeit die Dinge reifen lässt, ist ja den Bregenzerwäldern nicht fremd.

Daten & Fakten

Objekt: Ausbau Hinterhaus, Schwarzenberg
Bauherrschaft: Evelyn Fink-Mennel, Thomas Mennel
Architektur: Thomas Mennel, Schwarzenberg,
Planung: 2001–2013
Ausführung: 01/2008–10/2013
Grundstück: 596 m²
Bebaute Fläche: 300 m² Bestand Scheune
Nutzfläche neu: 130 m² Wohnung, 27 m² Atelier
Umbauter Raum: 648 m³ beheizt, 523 m³ kalt
Energiebedarf: 63,6 kWh/m² im Jahr
Bauweise: Mischbauweise, Massivholz und Stahl;
Heizung: Pellets-Zentralheizung zusammen mit dem Vorderhaus, Zusatzherd

Ausführung: Baumeister: Oberhauser Schedler, Andelsbuch; Zimmermann: Holzhandwerk Fink, Au mit Martin Berchtold; Ausbau: Zimmerei Nenning, Hittisau; Isolierglas: MGT, Feldkirch; Tischler Innenausbau: Josef Düringer, Bezau; Tischler Möbel: Bereuter, Lingenau; Holzfußböden: Holzhandwerk Fink, Au; Schlosser und Stahlbau: Metall Eberle, Hittisau; Fliesenlegerarbeiten: Gerd Metzler, Egg; Vorhänge: Wohlgenannt, Dornbirn; Holzfenster und Holztüren: Bene Fenstertechnik, Schwarzenberg; Statik: gbd, Dornbirn

(Leben & Wohnen – die Immobilienbeilage der Vorarlberger Nachrichten)

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Auch dieser bemerkenswerte Ausbau wird in die Architektur vor Ort Kollektion 2014 aufgenommen und kann bei einer Kurzexkursion in den Bregenzerwald besichtigt werden. Die monatliche Architekturführungsreihe des vai Vorarlberger Architektur Instituts präsentiert aktuell fertiggestellte, qualitativ hochwertige Bauten in Vorarlberg. Das Programm 2014 ist online: v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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