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Faßmann: Politik "oft unglaublich oberflächlich"

Insgesamt ist Faßmann mit dem letzten Jahr zufrieden.
Insgesamt ist Faßmann mit dem letzten Jahr zufrieden. ©APA/ROLAND SCHLAGER
Nach dem ersten Regierungsjahr fasst auch Bildungsminister Faßmann seine Arbeit zusammen und ist erstaunt, wie "unglaublich oberflächlich" politische Diskussionen oft verlaufen.

“Unglaublich schnell vergangen” ist für Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) das erste Jahr nach seinem Wechsel von der Wissenschaft in die türkis-blaue Regierung. Beeindruckenden Erlebnissen wie die Begegnung mit Zeitzeugen oder die Einigung beim EU-Forschungsprogramm Horizon Europe stünde manchmal der politische Diskurs gegenüber, “der oft unglaublich oberflächlich verläuft”, so Faßmann zur APA.

“Der Versuch, argumentativ zu polarisieren, aber auch die Kurzfristigkeit der Betrachtungsweise sind für mich überraschend – da vermisse ich die Tiefe des intellektuellen Diskurses, den ich an der Uni gehabt habe”, meinte der Minister. “Das muss man halt zur Kenntnis nehmen, so scheint es zu sein.” In der Politik angekommen sei er aber durchaus – wenn auch in anderer Art und Weise. “Seine sozialisierte Vergangenheit kann man nicht einfach ablegen. Ich bin kein Berufspolitiker und werde auch keiner mehr – auch wegen meines Alters.”

Faßmann mache eine Politik der Mitte

Im vergangenen Jahr habe man im Bildungsbereich viele Akzente gesetzt – von den Deutschförderklassen bis hin zur Leistungsbeurteilung in der Volksschule und der Reform der Neuen Mittelschule. “Natürlich sind wir auch kritisiert worden, aber wir haben es vernünftig umgesetzt in dem Sinne, dass wir eine leistungsfähige Schule haben wollen.” Richtschnur der Maßnahmen sei das Regierungsprogramm: “Dort steht aber oft nur ein kleines Sätzchen. Wie man das dann vernünftig realisiert, ist unsere Aufgabe. Und da machen wir eine Politik der Mitte.”

Lehrplan-Reform als nächstes Projekt

Als nächste Projekte stehen im kommenden Jahr die Reform der Lehrpläne, die Neugestaltung der Schnittstellen zwischen Kindergarten und Volksschule, Volksschule und Sekundarstufe 1 bzw. von der Sekundarstufe 1 in die weiterführenden Schulen sowie die Verbesserung der Grundkompetenzen am Programm. In den zum Teil 18 Jahre alten Lehrplänen soll Platz für Neues geschaffen werden. “Das muss dort geschehen”, so Faßmann. “Weil die Schulbücher richten sich nach den Lehrplänen und die Lehrer nach den Schulbüchern.” In die Lehrpläne integriert werden müssten Themen wie Digitalisierung, Europa, Gesundheitserziehung oder Finanzbildung. “Das ist ein Schlüsselprojekt, das wir auch nächstes Jahr nicht abhaken können. Das dauert länger.”

Die Schnittstellen will Faßmann für Schüler wie Eltern und Lehrer “stressfreier” gestalten. Durch “Kompetenz- und Potenzialmessungen” aller Schüler in der dritten und vierten Klassen Volksschule bzw. in der dritten und vierten Klasse AHS-Unterstufe bzw. Neue Mittelschule sollen neben der Note weitere Entscheidungsgrundlagen für die weitere Schullaufbahn zur Verfügung stehen. Die Messungen werden auch die bisherigen Bildungsstandard-Testungen ablösen.

Zeugnisnote entscheidend

Auf Grundlage der Ergebnisse und der anderen Schulleistungen sollen dann Gespräche zwischen Lehrern und Eltern über den weiteren Schulweg stattfinden. “Da erwarte ich mir einerseits eine bessere Erkenntnis der Eltern über die Potenziale ihrer Kinder, aber auch eine Validierung der Note, denn diese kann keine große Varianz zu den Messergebnissen aufweisen”, so Faßmann. Die Lehrer bekämen so eine verbesserte Entscheidungsgrundlage und würden außerdem gegen möglichen Druck der Eltern abgesichert. Endgültig entscheidend für die weiteren Berechtigungen etwa für die AHS bleibe aber “höchstwahrscheinlich” die Zeugnisnote.

Aus den Messungen sollen aber auch wie bisher Rückschlüsse für die Schulverwaltung gewonnen werden, inwieweit die Schüler die Bildungsstandards erfüllen. Dies soll in der Form passieren, dass ein Drittel der Stichprobe in der vierten bzw. achten Schulstufe zusätzliche Fragen zu beantwortet hat.

Bessere Grundkompetenzen forcieren

Schließlich will sich Faßmann der Grundkompetenzen widmen: “Sinnerfassendes Lesen, Rechnen, einigermaßen fehlerfreies Schreiben und Kompetenz in einer Fremdsprache. Da wissen wir, ein zu großer Prozentsatz weist diese nicht auf.” Die Neue Mittelschule (künftig Mittelschule) und AHS-Unterstufe müsse stärker darauf achten, sich auf diese Inhalte zu konzentrieren. Dies sei einerseits eine Frage der Lehrplangestaltung, aber auch eine Sache der unterschiedlichen Leistungsniveaus in der Mittelschule. “Ich erwarte mir, dass es durch unsere Maßnahmen wie die Ermöglichung dauerhafter Leistungsgruppen zu einer Verbesserung kommt, weil man in leistungshomogenen Gruppen leichter unterrichtet. Der Lehrer muss sich nicht gleichzeitig unterschiedlichen Niveaus widmen.”

Optimistisch ist der Minister für die Überführung des Schulversuchs zum Ethikunterricht in das Regelschulwesen. Vom Religionsunterricht abgemeldete Schüler haben derzeit ohne Schulversuch eine Freistunde – in Schulen mit Schulversuch müssen sie dagegen verpflichtend am Ethikunterricht teilnehmen. Eventuell gelinge eine Umsetzung noch für das nächste Schuljahr – für welche Schulstufen das gelten soll, sei aber noch nicht klar. “Ich möchte da keine halbfertigen Wahrheiten präsentieren. Persönlich glaube ich, dass es in der Volksschule noch nicht so zentral ist, ab der Sekundarstufe 1 (AHS-Unterstufe, Neue Mittelschule, Anm.) aber ganz wichtig.”

SPÖ: Kritik an “Kompetenzmessungen” in Volksschule

Die SPÖ kritisiert Überlegungen von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), wonach für Schüler in der dritten und vierten Klasse Volksschule Kompetenz- und Potenzialmessungen kommen sollen, die neben den Noten Entscheidungsgrundlage für die weitere Schullaufbahn sein könnten. SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid warnte davor, die Entscheidung über den Bildungsweg noch weiter vorzuverlegen.

“Wenn Minister Faßmann davon spricht, durch ‘Kompetenzmessungen’ in der dritten Klasse Volksschule ‘weitere Entscheidungsgrundlagen’ für die Schullaufbahn einführen zu wollen, dann heißt das in wohlgesetzten Worten nichts anderes als Tests für 8- und 9-Jährige, die dann über die AHS-Aufnahme (mit)entscheiden.” Jetzt schon würden Bildungsforscher kritisieren, dass die Trennung der Kinder mit 10 Jahren viel zu früh erfolgt und allen Erkenntnissen widerspricht. Eine weitere Vorverlegung bedeute zusätzlichen Druck für Eltern und Kinder. “De facto werden dadurch AHS-Aufnahmetests in der 3. Klasse eingeführt – obwohl wir wissen, dass die Prognosekraft in diesem Alter völlig unzureichend ist”, so Hammerschmid.

(APA/red)

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