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Fasching wie früher gibt’s nimmer

Bianca Sellge, die Herrin über tausende Kostüme, ist hierzulande eine Institution.
Bianca Sellge, die Herrin über tausende Kostüme, ist hierzulande eine Institution. ©Andrea Fritz-Pinggera
Madame Pompadour oder Rockabilly-Outfit gefällig? Bei Bianca Sellge werden Kostümsuchende fündig.

Sie ist eine der renommiertesten Maskenbildnerinnen des Landes und seit Jahrzehnten betreibt Bianca Sellge einen Kostümverleih, der selbst Menschen aus der Schweiz und dem Oberland fündig werden lässt. Tausende – ab 6000 hat sie aufgehört zu zählen – Kostüme für groß und klein sind in dem geräumigen Ladenlokal in der Rheinstraße zu finden. „Mittlerweile geht der Trend zu Kaufkostümen, die ich ebenfalls anbiete“, so Sellge. Dabei findet man hier neben Fantasiekostümen authentische Gewänder, die sich gerade für Theateraufführungen bestens eignen.

Der kleine Noah (5) sieht sich derweilen staunend um. Er fährt immer noch auf Piratenhüte, Hemden und Schwerter ab, aber man könnte ja auch einmal versuchen, als König auf dem nächsten Kindergartenfest aufzutrumpfen? Derweilen sucht eine junge Dame ein Kostüm, um als Herr aufzutreten. Ihre Berater geben lautstark Kommentare dazu ab. Doch die beste Beratung erfolgt durch das Team von Bianca Sellge oder sie selbst: Kaum jemand geht wieder hinaus, ohne fündig geworden zu sein. Selbstbedienung gibt es keine, dicht an dicht hängen die Kostüme nach einem nur dem Team bekannten System an den Kleiderbügeln.

Fiftystyle und Hofdame
Obwohl der Fasching erst leise um die Ecke geschaut hat, hat der Kostümverleih – zwar noch eingeschränkt – aber dennoch geöffnet. Halloween war ein Thema, und für so manchen Ball wird eine gruselige Maske oder ein sexy Outfit gesucht. Wenn Mitglieder des Hörbranzer Theaters ein Fotoshooting für das neue Stück durchführen, schauen sie zuerst nach passender Gewandung hier im Kostümverleih vorbei. Oder wenn ein Lionsclub zum Fünfziger-Jahre-Fest lädt, werden auch diese Mitglieder bestens beraten und verlassen mit dem idealen Kostüm wieder das Geschäft. Einst hatten sich auch der Bürgermeister und die Stadträte einer Rheintalstadt höfisches Gewand zum Besuch des „Martinimarktes“ ausgeliehen. Solche „echten“ Kostüme, die mit schweren Stoffen noch aus einem Theaterfundus stammen, werden nach Gebrauch gereinigt und sorgfältig in Form gebracht. Aufgebügelt und wenn notwendig repariert – hier steckt viel Zeit und Detailarbeit drin.

Das Lebenswerk
Der Verleih rentiert sich immer weniger, wenn man um wenige Euro bereits ein dünnes Textilfähnchen für einen oder zwei Ballnächte erstehen kann. Dennoch führt Bianca Sellge ihr Geschäft noch weiter: „Mein Herzblut hängt hier drin. Es ist mein Lebenswerk. Jedes Kostüm hat eine Geschichte!“. Der Fasching bringt zwar Hochbetrieb, ist aber längst nicht mehr das Hauptgeschäft. Die Bedeutung der närrischen Zeit hat schon lange nachgelassen, weiß die Kostümexpertin. Früher ließ man im Fasching nach einem anstrengenden Arbeitsjahr und Winter die berühmte „Sau raus“, nun kann man ganzjährig tanzen gehen oder sich dem Amusement hingeben. Veranstalter von Themenpartys und Theateraufführungen schätzen die Existenz des Harder Kostümverleihes. Denn mit dem Kostüm allein ist es lange nicht getan. Die richtigen Accessoires – Hüte, Perücken, Ketten, Schals oder kostümtypisches „Werkzeug“ werden hier ebenfalls aus den Regalen gezaubert. Die junge Dame hat sich mittlerweile entschieden – sie wird bei dem Lehrlingsball als Bauarbeiter auftauchen. Denn die Zeit der Prinzessinnen schwand schon lange, bevor der Fasching seine Bedeutung verlor.

Zur Person:
Bianca Sellge,
Jg. 1949, ausgebildete Friseurin und Maskenbildnerin, tätig an Fernsehanstalten und Theatern.

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