Experten suchen nach dauerhafter Kennzeichnung für Atommüll

Wie wird "Achtung" in 5.000 Jahren geschrieben? Wie in 50.000 Jahren? Und werden die Menschen das schwarze dreiblättrige Symbol auf gelbem Grund dann noch als Warnung vor radioaktiven Strahlen verstehen?

Solche Fragen beschäftigen eine wachsende Zahl von Sprachforschern, Ethnologen und Historikern. Denn Wörter, Buchstaben und Zeichen verändern sich. Der Abfall aus Atomkraftwerken und aus militärischer Nutzung aber bleibt gefährlich – hunderttausende Jahre lang.

“Radioaktive Abfälle sind auf lange Sicht eine Gefahrenquelle”, sagt Tom Peake von der US-Umweltbehörde EPA. “Deshalb muss die Forschung sich auch um diese langen Zeiträume kümmern.” Dabei geht es nicht nur darum, geeignete Endlager zu finden und abgebrannte Brennelemente tief zu vergraben. “Es muss auch sichergestellt werden, dass solche Lagerstätten auch auf Jahrhunderte hin nicht in Vergessenheit geraten”, sagt Werner Nording, Sprecher des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter.

Denn angesichts von Halbwertszeiten, die tausende Jahre betragen können, verändert sich Sprache rasend schnell. Das Deutsch des Mittelalters hat mit unserer Umgangssprache nicht mehr allzu viel gemeinsam, und die Symbole mancher indianischer Hochkulturen sind den Forschern bis heute ein Rätsel. Gut möglich, dass unsere Nachfahren nicht viel anfangen können mit unseren Warnungen vor kontaminierten Geländen.

In den USA planen Forscher auf einem militärischen Atommülllager in der Wüste von New Mexico riesige Steinblöcke, in die sie Symbole eingravieren wollen, die tausende Jahre halten sollen. Sie werden ergänzt von “Informationen in verschiedenen Sprachen und auf verschiedenen Medien”, wie Peake erklärt.

Schacht Konrad in Salzgitter, ein mögliches Endlager für schwach und mittelstark strahlende Atomabfälle in Deutschland, sei auf eine Dauer von einer Million Jahre ausgelegt, sagt BfS-Sprecher Nording. Die richtige Kennzeichnung sei vor diesem Hintergrund ein “wichtiger Aspekt”. Hierzulande allerdings stünden die Überlegungen noch ganz am Anfang – noch ist nicht einmal die Entscheidung für die richtige Lagerstätte gefallen.

Dies scheitert bisher vor allem am Widerstand der Bevölkerung, denn niemand will den strahlenden Müll in seiner Nachbarschaft haben. Dabei halten viele Experten es für durchaus sinnvoll, künftige Endlager nicht abseits in der Wüste, sondern inmitten der Gesellschaft zu platzieren – damit die Gefahr im Gedächtnis bleibt und das Wissen darum von Generation zu Generation weitergegeben wird. “Wir dürfen keine Endlager einrichten, die völlig abgeschnitten sind von bewohnten Gebieten”, sagt Claude Pescatore, Atomexperte bei der OECD.

Die in Frankreich zuständige Behörde ANDRA experimentiert mit Papier, das – gespickt mit warnenden Symbolen – tausend Jahre halten soll. Bei der Gestaltung orientieren sich die Forscher an Manuskripten aus dem Mittelalter, die nur deswegen noch erhalten sind, weil das Pergament so lange hielt, bis es als bewahrenswerter Kunstschatz galt. “Wenn ein Dokument so lange halten soll, muss es attraktiv sein”, erklärt ANDRA-Experte Patrick Charton.

Atomkraftgegner, die wegen der Ölpreise eine Rückkehr zur Nuklearenergie fürchten, halten die Debatte über eine sichere Endlagerung für ein Ablenkungsmanöver. Doch Charton lässt das Argument nicht gelten. Selbst wenn sich die Welt heute für sicherere Energieträger entscheide, müsse eine Lösung für die Altlasten gefunden werden, sagt er.

Das Gefahrenzeichen für Radioaktivität hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) mittlerweile ergänzt. Das runde dreiblättrige Symbol mit dem schwarzen Punkt in der Mitte wird nun von wellenförmigen Strahlen, einem Totenkopf und einem rennenden Mann flankiert. Die Hintergrundfarbe des neuen Warndreiecks ist rot statt gelb. Untersuchungen hatten ergeben, dass viele Kinder das alte Zeichen für einen harmlosen schwarz-gelben Propeller hielten.

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