Experte: Vorsätzlicher Absturz löst höchste Traumastufe aus

Die Meldung ist für die Angehörigen ein weiterer Schock
Die Meldung ist für die Angehörigen ein weiterer Schock ©EPA
Angehörige zu verlieren traumatisiert die Menschen. Das Leid ist kaum zu begreifen. Noch dramatischer ist es aber, wenn das Unglück mit Absicht eingeleitet wurde, wie im Fall des verunglückten Germanwings-Fliegers. “Das stößt die Angehörigen in ein unglaubliches Gefühlsgewitter”, meint dementsprechend auch Traumaexpertin Isabella Heuser von der Berliner Charite.

Ein mit Vorsatz herbeigeführter Absturz wie die Germanwings-Katastrophe in Südfrankreich löst nach Ansicht eines Experten ein extremes Trauma bei den Angehörigen aus. “Das ist für sie die schlimmste Art von Katastrophe”, sagte der Psychologe Steffen Fliegel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Diese Information bedeute für die Betroffenen nochmals eine Steigerung.

Nach Einschätzung des Experten aus Münster werden die Folgen in verschiedene Kategorien eingeordnet: Demnach löst ein schweres Unglück zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe wie einer Lawine bei den Menschen ein Trauma aus. In Stufen verschlimmere sich dieses dann aber bei Unglücken mit technischer Ursache gefolgt vom menschlichem Versagen und Fahrlässigkeit. Werde eine Katastrophe mutwillig, also absichtlich – und damit geplant – ausgelöst, habe das die schlimmsten Folgen für die Psyche von Opfern und Angehörigen.

Ein Restrisiko für einen Suizid im Cockpit könne niemand ausschließen, auch wenn psychologische Vorsorgeuntersuchungen jetzt von den Fluglinien ausgeweitet würden, betont Fliegel. “Solche Handlungen sind im Vorfeld nicht zu erkennen”, meint der Experte.

“Die Angehörigen jedenfalls benötigen langfristig Unterstützung”, sagt Fliegel. Selbsthilfegruppen zum Beispiel seien besser geeignet, “die Erfahrungen des mutwillig herbeigeführten Todes ihrer Liebsten zu bewältigen als Psychotherapie und Medikamente”. Diese Erfahrung habe er zum Beispiel bei der Arbeit mit traumatisierten Lokführern gemacht, die nach Selbsttötungen auf den Schienen den Dienst aufgeben mussten.

Traumaexpertin: Angehörige erleben “Gefühlsgewitter”

“Das ist nochmal schlimmer als ein Unglück, das durch menschliches oder technisches Versagen verursacht wurde”, erklärt auch Traumaexpertin Isabella Heuser von der Berliner Charite, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit der Airbus am Dienstag auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abstürzte, stehen den Angehörigen Notfallseelsorger und Notfallpsychologen zur Seite. 150 Menschen sind tot, der Großteil von ihnen kam aus zwei Ländern – 72 aus Deutschland, 50 aus Spanien. “Das ist ein absolut traumatisches Erlebnis für die Angehörigen”, sagte Heuser. Eine “normale Trauerarbeit” ist ihrer Ansicht nach kaum möglich.

Zusätzlich belastend ist, dass die Angehörigen nicht richtig Abschied nehmen können. “Sie können ihre Liebsten nicht sehen und nochmal berühren und damit den Tod begreifen”, sagte die Notfallpsychologin Marion Menzel, die zum Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gehört. Unglücke wie Flugzeugabstürze seien für Menschen ohnehin schwerer zu begreifen als Naturkatastrophen wie etwa ein Tsunami, die ja erklärbar sind. Zudem werde bei Abstürzen die wahre Ursache vielleicht nie hundertprozentig aufgeklärt.

Für die Angehörigen der Opfer sei es immer erleichternd zu wissen, was passiert ist, meint Heuser. “Es ist immer noch besser, einen schrecklichen Grund zu haben als gar keinen Grund.” Für die Betroffenen könne es gut sein, wenn der erste Schock nach dem Absturz nun in Wut umschlage. “Wut richtet sich nach außen und nicht nach innen.”

“Stellvertretertrauma”

Auf jeden Fall haben die Angehörigen noch einen langen Weg vor sich. Sie fühlten sich hilflos und erlebten eine Art “Stellvertretertrauma”. Dass die Insassen des Airbus nach Angaben der französischen Ermittler den bevorstehenden Absturz vermutlich erst “im allerletzten Moment” bemerkt haben, ist für manche vielleicht ein kleiner Trost. (dpa/APA/red)

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