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Etwas Farbe im grauen Knastalltag

Feldkirch - Der Malkurs in der Justizanstalt Feldkirch ist bei den Insassen sehr beliebt.
Bilder vom Malkurs in der Justizanstalt

Staffeleien, Acrylfarbe, aus dem Radio dröhnt U2. „It’s a beautiful day“. Ganz oben, unter dem Dach des grauen Gefängnisbaus, zwischen Bibliothek und Kraftkammer, merkt man an diesem Nachmittag nichts vom strengen Strafvollzug, der normalerweise in der Justizanstalt Feldkirch herrscht. Der Malkurs, der als Experiment begann, hat sich mittlerweile unter den Häftlingen herumgesprochen. Auch dieses Mal haben sich wieder acht Insassen für den vierstündigen Kurs angemeldet. Einige kommen bereits zum zweiten Mal, andere wiederum machen ihre ersten Malversuche in Acryl – unter der Anleitung von Kunsttherapeutin Maria Gabriel.

Erfolgserlebnisse

„Das wird ein Punker, der steht für Rebellion“, sagt Michael aus Fußach und spachtelt einen Batzen rote Farbe auf die Leinwand. Seit Michael einsitzt, malt er leidenschaftlich gern. „Es ist befreiend, man kann seine Gefühle ausdrücken, Freunden und Familie eine Freude machen.“ Der 27-Jährige hat eine lange Haft vor sich, erst kürzlich wurde er wegen Mordes zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. An einem Februar-Morgen im vergangenen Jahr, als er im Zuge einer Schlägerei einem Skinhead mit dem Messer in die Brust stach, hatte sich sein Leben „von einem Moment auf den anderen“ geändert. „Ich wollte ihn nicht töten, es war ein Schock“, sagt der Fußacher. Das Malen helfe ihm dabei, die ganze Sache zu verarbeiten. „Man muss einfach eine Lösung für sich finden. Sicher, man kann sich vor den Fernseher hinsetzen, die nächsten Jahre gar nichts tun. Ich will aber das Beste aus der Situation machen und schauen, dass ich was erreiche. Denn wenn du was erreichst, ist das Ganze nicht sinnlos.“ Michaels heutiges Erfolgserlebnis wird sein selbst gemaltes Bild sein, das er im Anschluss an den Kurs mit in seine Zelle nehmen darf. Die Idee für den Malkurs hatte Günter Albrecht. Der Justizwachebeamte, 31 Jahre im Geschäft und kein bisschen amtsmüde, ist für die Bibliothek, die Freizeitgestaltung sowie für die Aus- und Weiterbildung der Insassen zuständig. „Menschlichkeit“, so der 53-Jährige, das sei im Umfang mit den Insassen das Wichtigste. „Über Verurteilungen liest jeder gern in der Zeitung. Was anschließend mit den Menschen passiert, interessiert niemanden. Der Häftling soll am besten am Tag X rauskommen und einfach ein braves Bübchen sein. Sperrt man einen Hund ein und gibt sich nicht mit ihm ab, wird er böse und unberechenbar. Das gilt auch für die Leute hier drinnen. Man muss sich mit ihnen abgeben und sinnvolle Beschäftigung anbieten.“ Bei den Freizeitgruppen – egal ob Sport, Gesprächsgruppen oder Malkurs – gehe es nicht um Leistung, wichtig sei das Erfolgserlebnis.

Engel und Indianer

Gigi, 44, hat 19 Monate wegen Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt ausgefasst. Acht Wochen hat er noch vor sich. Der Bregenzer hatte bereits in den 80er- und 90er-Jahren Haftstrafen verbüßt. Er war ganz tief unten und hat letztlich auch wegen der Malerei neuen Mut fassen können. Am liebsten malt Gigi Indianerköpfe. Heute versucht er sich an einem Engel. Kursleiterin Maria Gabriel geht ihm freundlich zur Hand, zeichnet die Umrisse der Flügel, während Gigi die Spachtel in die Farbe taucht. „Tief da drinnen bin ich ein Engel“, sagt der 25-fach Vorbestrafte und zeigt dabei auf sein Herz. Gigi hat sichtlich Freude mit seinem Kunstwerk. Sein letztes Bild, ein großer Indianerkopf in Acryl, habe zu Hause einen Ehrenplatz bekommen. Beim nächsten Kurs will auch er wieder dabei sein. „Das muss man nützen, hier kann man sich einfach befreien.“ Gigi, so erzählt Kursleiterin Maria Gabriel, wäre ihr fast einmal um den Hals gefallen. „Er sagte, dass er 40 Jahre auf jemanden gewartet hat, der ihm so etwas zeigt.“ Die Kunsttherapeutin aus Nenzing schätzt „diese große Dankbarkeit, die sie hier erfährt.“

Bilder in der Zelle

Nach vier Stunden geht auch dieser Kurs wieder zu Ende. Michael, Gigi und die anderen Kursteilnehmer räumen die Farben weg und klemmen sich ihre Bilder unter den Arm. Für einen Unkostenbeitrag von fünf Euro dürfen die Insassen ihre Kunstwerke mit in die Zelle nehmen. Jene Bilder, die nicht mitgenommen werden, hängt Albrecht in den verschiedenen Abteilungen der Justizanstalt auf und bringt damit etwas Farbe in den grauen Gefängnisalltag

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