AA

"Es bleibt immer ein Trauma"

Schwarzach - Das Opfer des Vergewaltigers schildern im "VN"-Interview ihre Ängste. Regina M.* möchte nicht erkannt werden. Sie wurde von Ralf L. hochschwanger vergewaltigt und misshandelt.

“Die jetzigen Geschehnisse wühlen alles wieder auf. Die Misshandlungen sind zwar Jahre her aber man kann so etwas nicht vergessen”, schildert Regina M.* Sie ist eines der Opfer des flüchtigen Vergewaltigers, verlor durch die Misshandlungen durch ihren damaligen Partner ihren neugeborenen Sohn Kevin. “Ich konnte erst Jahre später an sein Grab gehen, nachdem ich begonnen habe, alles aufzuarbeiten”, sagt sie leise. Jahrelang war die 37-Jährige in psychologischer Behandlung – ihr Mann und ihre Kinder helfen ihr, mit dem Erlebten umzugehen.

Ralf L. ist nach wie vor auf der Flucht. Er hatte sich Mitte Jänner dem Haftantritt entzogen – die “VN” berichteten in der gestrigen Ausgabe exklusiv über den Fall. Der 20-fach Vorbestrafte Schläger und Vergewaltiger wurde nach seiner Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis nicht in Untersuchungshaft genommen, die Richterin sah keine ausreichenden Haftgründe. Eine Tatsache, die die beiden Vergewaltigungsopfer Regina und Simone* nicht verstehen können. “Simone hat damals bei der Verhandlung sogar das Gericht darauf hingewiesen, dass er garantiert flüchtet, wenn er verurteilt wird”, sagt Regina.

Dass der Mann, dem sie die fünf Jahre Haft eingebrockt hat, derzeit auf der Flucht ist, sei nicht gerade ein gutes Gefühl. “Ich hätte mir gewünscht, dass ich offiziell informiert werde, dass er geflüchtet ist. Ich habe das nur durch Zufall von Bekannten erfahren”, zeigt Regina sich enttäuscht.

Ein Leben in Angst und Panik will sie dennoch nicht leben. “Er wäre ja auch dumm, wenn er bei mir vorbeischauen würde, das traut er sich nicht”, ist die 37-Jährige zweifache Mutter überzeugt. “Man muss es solchen Tätern so schwer wie möglich machen”, will sie sich auch künftig nicht verstecken.

Vor einigen Jahren entschied sie sich deshalb wie auch Simone, im Verfahren gegen ihren Peiniger nochmals auszusagen. Heute möchte sie das alles nur noch hinter sich lassen und nichts mehr von Ralf L. hören.

Trotzdem hat sie sich vorbereitet. “Wir haben Sicherheitsmaßnahmen getroffen, auch die Nachbarn wissen Bescheid und haben ein Auge auf die Umgebung. Ich hoffe, dass er den Rest seiner Vernunft einschaltet und sich selbst stellt oder dass die Polizei ihn bald findet”. Auch Simone ist gerüstet. “Ich bin in Panik, gehe nur aus dem Haus, wenn ich muss. Die Lehrer meiner Kinder sind informiert, falls er bei der Schule auftaucht. Ich weiß aus langer Erfahrung:, dass er unberechenbar ist.” *Namen von der Redaktion geändert

“VN”-Interview:

Landesgericht verteidigt Entscheidung über U-Haft: “kein gemeingefährlicher Täter”

VN: Ist dem Gericht in dem Fall des geflohenen Vergewaltigers ein Versagen vorzuwerfen?

Flatz: Nein, definitiv nicht. Die Richterin hat gemäß der Kriterien entschieden, den Mann nicht in Untersuchungshaft zu nehmen. Er hatte einen festen Wohnsitz und war sozial integriert. Von einer Fluchtgefahr war nicht auszugehen.

VN: Hätte man nicht schon aufgrund der Strafhöhe und der Vorstrafen die U-Haft verhängen müssen?

Flatz: Die Strafhöhe ist eben nur ein Kriterium. Der Verurteilte war im Verfahren kooperativ, es handelt sich außerdem um mehr als zehn Jahre zurückliegende Beziehungstaten. Man muss bedenken, dass man es hier nicht mit einem gemeingefährlichen Triebtäter zu tun hat. Außerdem hat ein Angeklagter bis zur Rechtskraft des Urteils als unschuldig zu gelten, für eine U-Haft müssen schwerwiegende Gründe vorliegen.

VN: Spielt die hohe Auslastung der Gefängnisse auch eine Rolle bei der Überlegung, jemanden nicht in U-Haft zu nehmen?

Flatz: Nein, das ist auszuschließen. Die Belegung der Justizanstalt ist absolut keine Entscheidungsgrundlage für die Richter.

VN: Warum wurden die beiden Opfer nicht verständigt?

Flatz: Wenn eine unmittelbare Gefahr von dem Täter ausgehen würde, hätten wir dies selbstverständlich getan. Das ist hier aber nicht der Fall gewesen.

Kommentar von Michael Gasser:

Mildes Urteil in eigener Sache

Unschuldig – Freispruch in allen Punkten. Die Berufsrichter kamen gestern zu einem schnellen und auch wenig überraschenden Urteil. Gerichtssprecher Flatz verkündet: Dem Gericht und der betroffenen Richterin ist kein Versagen vorzuwerfen. Ein mildes Urteil in eigener Sache. Dabei läuft noch immer ein 20-fach vorbestrafter Vergewaltiger und Schläger frei herum. Ein Mann der rechtskräftig zu fünf Jahren Haft verurteilt ist. Warum er auf freiem Fuß ist? Weil das Gericht eben doch falsch entschieden hat, und keine U-Haft gegen den brutalen Täter verhängt hat.

Der Freispruch in eigener Sache ist schon fast ein wenig zynisch. Er wird schon wieder auftauchen, der Vergewaltiger. Hoffentlich in der Justizhaftanstalt und nicht bei seinen beiden Opfern. Die wurden übrigens vom Gericht nicht über die Flucht ihres Peinigers informiert. Wer daran schuld ist? Auch hier wird das Urteil wohl ein mildes sein.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • "Es bleibt immer ein Trauma"
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.