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Erster Jahrestag des Anschlags auf Djerba

Am 11. April 2002 raste ein mit Flüssiggas beladener Lieferwagen in die Mauer der Synagoge La Ghriba auf der beliebten Ferieninsel Djerba.

Vor einem Jahr erschütterte eine mächtige Explosion auf der beliebten Ferieninsel Djerba die heile Welt des Mittelmeer-Tourismus. Sieben Monate nach dem 11. September 2001 hatte sich der internationale Terrorismus ein neues Ziel gesucht. Am 11. April 2002 raste ein mit Flüssiggas beladener Lieferwagen in die Mauer der Synagoge La Ghriba. Fenster und kunstvolle Decken-Dekorationen des ältesten jüdischen Gotteshauses in Afrika zerbarsten.

Die schreckliche Bilanz: 19 Tote – 14 deutsche Touristen, vier Tunesier und ein Franzose. Der Attentäter Nizar Nawar war, wie sich bald herausstellte, ein El Kaida-Anhänger. Er hatte direkt vor der Bluttat mit dem mutmaßlichen Top-Terroristen Chalid Scheich Mohammed telefoniert. Es heißt, Nawar habe sich „grünes Licht“ geben lassen.

Doch all dies wollte die Regierung in Tunis zunächst nicht wahrhaben. Kurz nach dem Anschlag hatte der arabische Fernsehsender Al Jazeera aus Kairo berichtet, vor der Synagoge auf Djerba sei eine Autobombe explodiert. Eine Stunde später spielte die offizielle Mitteilung der tunesischen Nachrichtenagentur TAP den Vorfall jedoch herunter und wollte die Weltöffentlichkeit glauben machen, es handle sich um einen Unfall. Tagelang blieb Tunis bei der Unfall-Version.

An einer Aufklärung zeigten die Behörden kaum Interesse. Im Gegenteil: Der Tatort wurde schnell gesäubert, Spuren buchstäblich übertüncht. Rasch sollte wieder Ruhe einkehren ins Touristen-Idyll. Tunesien verdankt seinen relativen Wohlstand vor allem den Urlauber-Massen.

Auch ein Jahr nach dem Anschlag zeigt das eiserne Regime von Staatspräsident Zine el Abidine Ben Ali keinen Ehrgeiz, die Mauer des Schweigens einzureißen. Niemand in Tunis kennt eine offizielle Bilanz der Anschlagsopfer oder einen abschließenden Ermittlungsbericht.

Nach dem Attentat von Djerba gab es in Tunesien nur eine Verhaftung – der Onkel des Attentäters als angeblicher Komplize. Die Hauptstadt-Presse kündigte einen Prozess gegen ihn an, der dann aber verschoben wurde. Die Akte sei lückenhaft – es fehlten die Erkenntnisse der Franzosen. Diese hatten bei Lyon einige Familienmitglieder des Attentäters verhaftet. Die deutsche Regierung drängte auf Aufklärung. Kriminalbeamte wurden nach Tunesien entsandt, die Bundesanwaltschaft ermittelte.

Am 16. April berichtete die arabische Zeitung „Al-Quds Al-Arabi“ unter Berufung auf ein angebliches Bekennerschreiben, die Terror- Organisation Osama bin Ladens sei für die Tat verantwortlich. Am 23. Juni bekannte sich die islamistische Terror-Organisation El Kaida via Al Jazeera zu dem Attentat.

Mit dem Anschlag von Djerba eröffneten die islamistischen Terroristen ein weiteres Feld in ihrem Kampf gegen den Westen. Am 11. September 2001 hatte sich El Kaida noch die Symbole der wirtschaftlichen und der politischen Macht des Westen ausgesucht, jetzt gerieten „weiche“ Ziele ins Visier. Außerdem zeigte der Djerba-Anschlag der Weltöffentlichkeit, dass El Kaida auch in einem Land zuschlagen kann, das sich rühmt, die islamistischen Kräfte „im Griff“ zu haben.

Anders als die Entscheidungszentren in Politik und Wirtschaft sind diese „weichen“ Ziele kaum zu sichern und damit viel leichter zu treffen. Dies sollte sich am 12. Oktober 2002 auf der indonesischen Ferieninsel Bali zeigen und nur elf Tage später bei dem Anschlag tschetschenischer Terroristen auf ein Musical-Theater in Moskau.

Mit dem Irak-Krieg hat sich die Bedrohung nochmals verschärft. Tief getroffen ist auf jeden Fall der Tourismus. Nahezu alle Reiseveranstalter klagen inzwischen über eine sinkende Reiselust.

Katastrophal waren die Folgen für die tunesische Urlaubs-Idylle. Das autoritär geführte Reiseland, das mit malerischen Häusern und blühenden Zitronenbäumen am feinsten Mittelmeerstrand wirbt, verlor allein im vergangenen Jahr zwei Drittel seiner deutschen Urlauber – statt einer Million kamen nach offiziellen Zahlen nur 350.000.

Dabei ist diese Klientel wichtig: Jeder fünfte Tunesien-Urlauber war ein Deutscher. Als Tunis jetzt mit einer Werbekampagne in Deutschland Boden zurückgewinnen wollte, fielen Bomben auf Bagdad. Ein Jahr nach dem Attentat wird der Schatten über dem Touristenparadies nur länger.

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