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Endlich Ferien!

Schwarzach - Fast 50.000 junge Leute in Vorarlberg erhalten heute ihre Schulzeugnisse. Damit brechen endlich die lang ersehnten großen Ferien an. Zeugnis-Tipps vom IfS | Interview

“Nur ja nicht zu Tode lernen”

Jolanda Bechter umflort so Sätze wie „Ich liebe Mathematik“ mit strahlendem Lachen. Und ob sich dem Zuhörer auch der Magen hebt, sie doppelt nach: „Mathe ist meine Leibspeise.“ Fast 50.000 Schülerinnen und Schüler tragen heute ihr Zeugnis nach Hause. Manche auf Umwegen. Für sie verkörpern gnadenlose Optimisten wie die Schwarzacher Legasthenietrainerin die letzte Hoffnung.

Zur Ruhe kommen

Bechter kümmert sich um schwache Schüler. Seit sechs Jahren in einer eigenen Praxis, mit einem Schrank voller Spiele, viel Leidenschaft und dem Schäferhund „Ares“. Der macht seinem Namen keine Ehre. Der griechische Kriegsgott kippte glatt vom Sockel, sähe er, wie sein vierbeiniger Namensvetter schlapp das linke Ohrwaschel hebt. Aber gerade das zeichnet ihn aus. Er ist von Berufs wegen „a Schloftabletta“. In seiner Gegenwart kommen Kinder zur Ruhe. Sie streichen ihm übers Fell und entspannen sich. Sie können loslassen. „Ein Glas muss man leeren, ehe man nachschenkt.“ Nichts anderes tut Bechter mit ihren Schülern.

Deren Probleme und ihre Ursachen tragen 100 Gesichter: Manche Schüler taten sich vom ersten Tag an schwer. Andere brachten glänzende Noten heim, dann brachen sie ein. Kindergartenkinder werden vom Arzt “überwiesen“. Erwachsene kommen von selber, „weil sie endlich richtig lesen lernen wollen“.

Manche müssen augenblickliche Schwächen übertauchen. „Weil die Oma starb, infolge Scheidung der Eltern oder weil ein Haustier verendet ist.“ Meist sprechen diese Kinder ihre Probleme nicht aus. „Sie tragen sie als großes Geheimnis mit sich herum.“ Nie würden sie Mama oder Papa davon erzählen. Therapeutinnen wie Jolanda Bechter dagegen suchen durch geduldiges Zuhören die kleinen Köpfe zu entrümpeln. Damit wieder etwas Mathe reinpasst, zum Beispiel.

Die Fälle von Rechenschwäche, sagt sie, haben zugenommen. „Vor fünf Jahren hatte ich fast gar keine, heute immer mehr.“ Auch Sprachstörungen verbreiten sich. Deshalb bietet sie ein Leseprogramm am PC an, das ihre kleinen Klienten nach Lust und Laune verwenden dürfen.

Das ersetzt natürlich keine Stunde. Die kostet bei Jolanda Bechter 35 Euro. Zu Beginn sieht sie ihre Klienten einmal pro Woche. Mit den Eltern hat sie dann Ziele formuliert. „In drei Jahren in die zweite Leistungsgruppe“, so was halt. Sie stellt keine Einsteins her. Aber sie öffnet spielerisch Wege zum Lernen. Und sagt auch laut, wenn sie glaubt, dass ein Kind die falsche Schule besucht.

Und jetzt, in den Ferien? Da warnt sie eindringlich: „Ein Kind darf nicht zu Tode geübt werden.“ Wie schlecht das Zeugnis auch war. „Das Üben in den Ferien muss minimalistisch gehalten werden.“ Denn auch weniger begabte Schüler brauchen Ferien. Vielleicht gerade sie besonders.

Verein Lega: Dornbirn, Höchster Straße 30, (Treffpunkt an der Ach), Tel. + Fax 0 55 72/ 39 40 60, Bürozeiten: Montag 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr, www.lega.at

ZUR PERSON: Jolanda-Rosa Bechter
Sie betreut monatlich in ihrer Schwarzacher Praxis im Schnitt 45 Klienten, Kinder und Erwachsene. Geboren: 1955 Ausbildung: beim Kärntner Legasthenieverband, ferner Ausbildungen nach Brigitte Sindelar, in den Bereichen Kybernetik und Kinesiologie und für Entwicklungsstörungen. Laufbahn: eigene Praxis seit sechs Jahren Familie: verheiratet, drei Kinder

STICHWORT: Dyskalkulie, Legasthenie

Manche Kinder sind seit früher Kindheit sprachlich geschickt und schreiben schon in der Volksschule schöne Aufsätze. Andere können sich nur mühsam Rechtschreibregeln merken und bringen manchmal Formulierungen zu Papier, die vermuten lassen, es handle sich um erste Versuche in einer fremden Sprache. Manchen Kindern bereitet das Rechnen großen Spaß. Andere stehen mit Zahlen eher auf „Kriegsfuߓ. Solche Unterschiede sind völlig normal. Neben Schwächen und Begabungen können bei manchen Kindern aber auch Störungen in einer Sparte vorliegen, die so tief greifend sind, dass auch zusätzliches Üben wenig Erfolg bringt. In diesen Fällen kann eine Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschwäche) oder Dyskalkulie (Rechenschwäche) vorliegen.

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