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"Einen Freitod gibt es nicht!"

Dienstagnacht richtete sich ein 19-jähriger Tiroler selbst. Die Schauspielerin Jennifer Nitsch stirbt nach einem Sturz aus dem Fenster  – vieles deutet auf einen Selbstmord hin. TED

„Verkopf di net, es würd scho wieder, diese Worte wird Lisa* wohl ihr Leben lang nicht vergessen können. Es waren die letzten, die sie von ihrem Bruder hörte, bevor er sich am nächsten Tag umbrachte. „Heute meine ich, wir hätten viel früher reagieren müssen. Doch wir haben’s wirklich nicht kommen sehen. Ich hätte nie gedacht, dass mein Bruder so etwas tun könnte. Man kann das wohl nie richtig verarbeiten, lediglich akzeptieren”, weiß sie heute. „Vielen ist gar nicht bewusst, dass sich im Ländle jede Woche jemand umbringt. Wir hören nicht viel davon, auch nicht von den Angehörigen, die plötzlich das Hirn eines geliebten Menschen von der Wand kratzen müssen”, schildert Lisa die traurigen, aber wahren Tatsachen.

“Falsch eingeschätzt”

Erschreckend: 11 Prozent der Suizide werden von jungen Menschen unter 24 verübt. Für Dominik* wird der Selbstmord seines damals 18-jährigen Freundes für immer unerklärlich bleiben. „Wir haben die Situation völlig falsch eingeschätzt und die Anzeichen übersehen, bis es zu spät war.”

Der letzte Ausweg

Michael Chmela (Obmann Verein Omnibus mit der Beratungsstelle „Gleiche beraten Gleiche”) berichtet von vielen Suizid-Fällen auch in seinem Freundeskreis: „Viele meiner Freunde, die ich durch meine Krankheit kennengelernt hatte, haben sich suizidiert – im Laufe der Jahre weit über 30 in meinem Bekanntenkreis.” Dabei weist er darauf hin, dass viele Suizide nicht in der akuten Psychose passieren, sondern leider auch während oder kurz nach einemKrankenhausaufenthalt. „Viele stehen da – im Glauben, dass sie über Jahre hinweg oder ihr Leben lang Neuroleptika einnehmen müssen. Hinzu kommt das Stigma und die Scham nach einem Anstalts-Aufenthalt. Durch die Erschöpfung und die Aussichtslosigkeit kommt dann der Entschluss ,So will ich nicht weiterleben‘. Eines ist sicher, ein Freitod ist es nie – dieser letzte Ausweg ist immer ein erzwungener. Auffallend ist, dass Suizide in allen Gesellschaftsschichten vorkommen. Aussagen wie ,Jaja, die Dummen, Blöden und Naiven sind halt selbstmordgefährdet‘ sind falsch und gefährlich. Bei uns ist man sich gar nicht bewusst, wieviele Suizidfälle es gibt, da über Suizide nicht berichtet wird aus Angst vor Nachahmungstätern”, so Chmela abschließend. <P>Insider: Von Prim. Dr. Albert Lingg, Chefarzt, Landeskrankenhaus: Nicht wegschauen, Hilfe vermitteln! In Vorarlberg muss man von etwa 1000 Suizidversuchen im Jahr ausgehen. Hauptgründe für Suizidversuche sind ungelöste Konflikte, depressive Suchtkrankheiten, Psychosen, die zur sozialen Isolierung führen usw. <P>Der Mensch in einer suizidalen Krise will nicht sterben, sondern kann so nicht mehr leben. Zu beachten sind Einengung von Denken und Fühlen, Rückzug, Aggressionsstau und sich immer stärker aufdrängende Suizidgedanken.

Durch Beratungs- und Behandlungsstellen (IfS, Praxisgruppen, aks) sowie niedergelassene Psychiater und die Ambulanz am LKH Rankweil ist ein dichtes Netz an Hilfestellen geknüpft. Auch kommt es immer auf den Einzelnen an: Nicht wegschauen, wenn neben einem ein Mensch nicht weiter weiß, wissen, wo seine Grenzen liegen und dann Hilfe vermitteln!

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