Eine große Bandbreite abdecken

Die Festspiele reichen unter Intendantin Elisabeth Sobotka von der großen Oper auf dem See bis zur Uraufführung bei Ausschöpfung neuer Möglichkeiten.

„Es ist diese unglaubliche Emotion in der ­Musik. Alles ist der Handlung oder dem Emotionszustand Cio-Cio-Sans zugeschrieben. Das auf diese Vergrößerung zu heben, ist das Spannende an diesem Konzept.“ Intendantin Elisabeth Sobotka hat erstmals Puccinis 1904 uraufgeführte Oper „Madame Butterfly“ auf das Festspielprogramm gesetzt. Andreas Homoki inszeniert das Werk, Michael Levine hat die Bühne entworfen, Antony McDonald, ein Künstler, der bereits vor rund 20 Jahren an der Umsetzung von „La Bohème“ beteiligt war, ist als Kostümbildner dabei. „Was eine besondere Rolle spielen wird oder was ich erwarte, ist zudem, dass die Magie des Bühnenbilds durch das Video verändert wird.“ Die Bühne entspricht einer feinen Zeichnung auf Papier, technisch besonders herausfordernd sei es gewesen, dass diese Optik entsteht und dass das riesige Blatt auch als Bühne funktioniert. Wer genau hinsieht, erkennt einen Serpentinenweg, an dem sich die Akteure orientieren können. „Es gibt einen Auftritt ganz oben, das ist dann schon wahnsinnig hoch, aber wir haben selten Sängerinnen und Sänger, die man überzeugen muss, es sagen fast alle, dass sie Bregenz kennen und gerne kommen.“

Im Erzählen jener Geschichte einer Geisha, die beim Wunsch, aus einem starren Geschlechterkorsett auszubrechen, an den falschen Mann gerät, und ihrem erklärten Willen, den eurozentrischen männlichen Blick zu hinterfragen, sieht Elisabeth Sobotka keinen Widerspruch. „Homoki sagt es so schön, man will als Zuschauer auf die Bühne laufen und sagen, Mädel, nimm doch den Yamadori, es wird nicht besser.“

Frauenfiguren in der Oper

Einen wesentlichen Aspekt zum Thema Frauenfiguren in der Oper des 19. bzw. beginnenden 20. Jahrhunderts bietet auch Umberto Giordano mit dem 1903 uraufgeführten, selten gespielten Werk „Sibirien“. Stephana entscheidet sich, ihrem Geliebten in ein sibirisches Straflager zu folgen. Regisseur Vasily Barkhatov wendet dieses Frauenschicksal so, dass wir uns auch die Frage danach stellen, inwieweit Schicksale einer Generation bedeutend für spätere Generationen werden. „Es war mir wichtig, ein Straflager nicht folkloristisch auf die Bühne zu bringen, Barkhatov hat eine Idee gehabt, die sehr bedrängend und heutig ist. Ein Kind fragt, wo sein Vater ist, daraus macht er eine Rückschau. Hier sucht eine Frau nach der Geschichte ihrer Eltern.“  Überhaupt sei die Perspektive der Kinder ein Schwerpunkt in der heurigen Programmatik. Das zeigt sich auch in „Kapitän Nemos Bibliothek“ von Johannes Kalitzke und im Projekt „Fly Ganymed“ von Nikolaus Habjan.

Die Vielfalt des Programms von Elisabeth Sobotka verdeutlicht unter anderem die Uraufführung des Werks „Melencolia“ der deutschen Komponistin Brigitta Muntendorf, das man eher bei den Tagen zeitgenössischer Musik in Bludenz verorten würde. Das habe man wohl auch damals so gesehen, als ihr Vorvorgänger Alfred Wopmann Opern von Georg Friedrich Haas uraufgeführt hat, meint Sobotka, klassische Oper und Musiktheater entspreche der Bregenzer Dramaturgie: „Ich finde es schön, dass wir eine so große Bandbreite abdecken.“ Erzähle ich eine Geschichte oder mache ich ein Stück zu einem Thema und binde dabei alle heutigen Möglichkeiten ein – in diesem Feld bewege sich das neue Musiktheater.

Zu Ostern das Burgtheater

Das Deutsche Theater Berlin, das heuer mit einer Neuübersetzung von Shakespeares „Der Sturm“ nach Bregenz kommt, soll auch im kommenden Sommer wieder im Programm sein. Auch das Wiener Burgtheater. Heuer wurde zu Ostern Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ aufgeführt. Bei dem Termin wird es bleiben, weil man im Sommer ansonsten in Konkurrenz mit den Salzburger Festspielen geraten würde. Gibt es also bald einmal Osterfestspiele? Sobotka: „Die Vielfalt des Programms im Sommer ist durch eine erfolgreiche Seeaufführung möglich. Ich habe sehr viel rausgeholt, Osterfestspiele müsste man finanziell anders aufziehen.“

Mehr für die Jugend

Schon in ihrem ersten Sommer in Bregenz – das war 2015 – hat Elisabeth Sobotka ein Opernstudio gegründet. Sie hofft, dass es bleibt. „Es gibt viele Opernstudios, aber wenige, in denen das große Repertoire aufgeführt wird.“ Außerdem ist es ihr wichtig, Musikerinnen und Musiker der Region, das heißt, das Symphonieorchester Vorarlberg, einzubinden.  Etabliert werden soll eine große Oper für Kinder im Festspielhaus, und zwar vor dem traditionellen Festspielbeginn. Mit der Gründung einer Orchesterakademie, die mit Daniel Cohen ein Dirigent leitet, der auf Erfahrungen mit dem West-Eastern Divan Orchestra zurückblicken kann, und die es jeweils alternierend zum Blasmusikcamp gibt, hat Sobotka das Angebot für junge Menschen bereits ausgebaut. „Da möchte ich noch etwas schaffen, das ist relativ viel Arbeit, aber es bringt auch etwas.“ Im Herbst 2024 wird ­Elisabeth Sobotka Intendantin der Staatsoper Berlin. In Festspielformaten zu denken, das habe sie sehr gerne gemacht und mache sie gerne. Nach zehn Jahren runde sich das, deshalb folge sie der Verlockung, noch einmal ein eigenes Ensemble zu haben. CD

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Jetzt im Fokus 2
  • Eine große Bandbreite abdecken
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.