Eine Erinnerung an Lebenswege

Gunter Demnig bei Verlegung der Stolpersteine vor dem „Elkan-Haus“.
Gunter Demnig bei Verlegung der Stolpersteine vor dem „Elkan-Haus“. ©M. Hölblinger/Stadt
Kürzlich verlegte Gunter Demnig neun seiner „Stolpersteine“ in Hohenems.

Hohenems. Schüler der 4c-Klasse der MS Markt hatten gemeinsam mit dem Jüdischen Museum im Unterricht Biografien erarbeitet, die von den Jugendlichen selbst sowie von Bürgermeister Richard Amann, Kulturstadtrat Günter Linder und Museumsdirektor Hanno Loewy verlesen wurden: Neun teils denkbar unterschiedliche Biografien, deren letzte Einträge jedoch eines gemeinsam hatten: Den Tod in den „Judenhäusern“, Ghettos und Konzentrationslagern, welche die Nationalsozialisten errichtet hatten.

Sei es Frieda Nagelberg, die im Versorgungsheim lebte und dort als Wäscherin arbeitete: Zwölf Jahre vor ihrem Tod im polnischen Lager Izbica war sie zu den christlichen Adventisten konvertiert. Oder der promovierte Philosoph Hans David Elkan, ein Schüler Martin Heid-eggers, der zusammen mit seinen Eltern ins KZ-Theresienstadt deportiert wurde und sie beide nur kurze Zeit überleben sollte. Sein Wunschberuf als Lehrer war ihm bereits Mitte der Dreißigerjahre unmöglich gemacht worden. Alois Weil, Kaufmann und Bibliothekar des Hohenemser Bildungsklubs, war wiederum als Kommunist gleichermaßen wie Jude Ziel der systematischen Verfolgung.

Künstlerisches Lebenswerk

Amann betonte nicht nur den künstlerischen Aspekt und den wichtigen Beitrag, den Demnig zur Erinnerungsarbeit leistet, sondern auch die ungeheure Arbeit, welcher sich der 1947 geborene Künstler dabei unterzieht: Bald 50.000 seiner „Stolpersteine“ – in den Boden eingelassene 9,6 mal 9,6 Zentimeter große Messingtafeln – hat der 1947 geborene Kölner seit den 90er-Jahren verlegt. Die Aktion, die auf Einladung des Kulturreferates erfolgte, war die zweite in Vorarlberg: 2011 hatte Demnig erste Gedenksteine in Lingenau verlegt. Die „Stolpersteine“ enthalten je eine kurze Biografie und werden vor dem letzten selbstgewählten Wohnort in den Boden eingelassen. Zahlreiche Interessierte begleiteten die Verlegung, darunter auch Kulturlandesrat Harald Sonderegger und Landtagsabgeordnete Vahide Aydin.

Im Namen der Opfer

Eigens aus New York angereist war Sue Shimer-Rosenthal, die namens der Nachkommen vor dem Haus Schweizer Straße 5 zu den Menschen sprach: Hier, im heutigen Jüdischen Museum, hatte einst Clara Heimann-Rosenthal gelebt, an deren späte Jahre sich Shimer in ihrer Rede erinnerte: „Diese Geschichten zu erzählen, das kann Clara und die andere Menschen, für die wir hier heute diese Steine als Denkmal setzen, nicht zurück bringen. Doch hat es eine große Bedeutung für mich. Es zeigt, dass sich die Menschen hier nicht mit ihrer Vergangenheit verstecken, dass sie, so wie ich, sich zwanglos ausdrücken möchten, unser Bedauern und unsere große Traurigkeit, und dass wir uns besinnen und gedenken.“

Mit der Verlegung und Erinnerung an die Biografien jüdischer Hohenemser konnte für eine lokal bereits lückenlos dokumentierte Opfergruppe des Nationalsozialismus eine Erinnerung im öffentlichen Raum geschaffen werden. Ein Gedenken an weitere Tote, wie die „Euthanasie“-Opfer oder Widerstandskämpfer, ist, basierend auf fortschreitenden Forschungsergebnissen in Planung. Dabei können weitere „Stolpersteine“ oder auch andere Formen der Sichtbarmachung im öffentlichen Raum in Hohenems Anwendung finden.

Verlegte „Stolpersteine“ im Überblick
» Kaiserin-Elisabeth-Straße 2: Frieda Nagelberg (1889–1942)
» Kaiserin-Elisabeth-Straße 2: Gisela Figdor (1882–1942)
» Burgstraße 7: Markus Silberstein (1904–1942)
» Schweizer Straße 5: Clara Heimann (geb. Rosenthal) (1866–1942)
» Schweizer Straße 19 (heute Vorplatz Salomon-Sulzer-Saal): Alois (Louis) Weil (1878–1938)
» Schweizer Straße 35: Sophie Steingraber-Hauser (geb. Rosenthal) (1863–1942)
» Schweizer Straße 35: Theodor Elkan (1864–1942)
» Schweizer Straße 35: Helene Elkan (geb. Neuburger) (1879–1944)
» Schweizer Straße 35: Hans David Elkan (1900–1944)

Mehr Informationen zum Projekt: www.stolpersteine.eu

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