„Die Stadt lebt wieder und die Menschen trauen sich auf die Straße“

Harald G. in Kiew - zu seiner Sicherheit haben wir sein Gesicht unkenntlich gemacht.
Harald G. in Kiew - zu seiner Sicherheit haben wir sein Gesicht unkenntlich gemacht. ©handout: privat
Harald G. aus Schruns (47) lebt seit einigen Jahren in Kiew und erlebt die dramatische Situation in der ukrainischen Hauptstadt hautnah mit. WANN & WO hat mit ihm über die aktuelle Lage und die Zukunft der Ukraine gesprochen.

WANN & WO: Wie hat sich die Lage in den letzten Tagen verändert?

Harald G.: Am Freitag war bereits ein ruhiger, sonniger Tag ohne Kämpfe. Die diplomatischen Bemühungen der vorangegangenen Stunden zeigten bereits eine positive Wirkung. Hoffentlich ist das auch nachhaltig und auf Dauer stabil! Der erste Schritt in die richtige Richtung war der Beschluss des Parlaments, die Anti-Terror-Einsätze zu beenden. Es geht hier um schließlich um „ein wenig mehr” Demokratie und Menschenrecht in einem europäischen Land, etwas mehr als zwei Flugstunden von Zürich entfernt. Ich war gestern auf dem Maidan. Die Stadt lebt wieder und die Menschen trauen sich auf die Straße. Die Hoffnung im Land ist wieder da. Einem feigen Präsidenten folgt keiner, auch die Spezialeinheiten nicht. Janukowitsch ist nun offiziell abgewählt, die Menschen jubeln und singen die Hymne!

WANN & WO: Wie lange leben Sie bereits in der Ukraine?

Harald G.: Ich war seit 2005 immer wieder in der Ukraine. Seit August 2008 habe ich hier meine Firma und lebe auch in Kiew.

WANN & WO: Wie nahmen Sie die brenzlige Situation in der ukrainischen Hauptstadt wahr?

Harald G.: Man bekam die Kämpfe recht gut mit, auch wenn man nicht direkt mit dabei war. Ich wohne etwa vier Kilometer Luftlinie vom „Kampfzentrum” entfernt. Ich hörte Schüsse, explodierende Granaten, sogar den Rauch der vielen Feuer roch man hier noch. Und natürlich sind ständig Rettungsfahrzeuge im Einsatz.

WANN & WO: Welche Stimmung herrschte allgemein in der Stadt?

Harald G.: Die Menschen waren entsetzt, ge­­schockt, eingeschüchtert und gerade deswegen kampfbereit – mehr denn je. Hier erinnert sich jeder noch an die Orange Revolution vor zehn Jahren. Viele glaubten, das es damals schon äußerst schlimm gewesen war. Aber dass, was nun vor sich ging, überstieg doch jegliche Vorstellungskraft. Man hatte Angst, auch ich, aber gegenseitige Hilfe ließ einen die Angst vergessen.

WANN & WO: Wie gefährlich war es in Kiew? Befand sich die ganze Stadt im Kriegszustand, oder verhielt es sich ähnlich wie in Kairo, wo sich die Ausschreitungen auf den Tahrir-Platz und Umgebung beschränkten?

Harald G.: In manchen Stadtvierteln war es sehr gefährlich, in anderen eher weniger. Heiß war es natürlich im Zentrum: Maidan, Khreshchatyk, Regierungsviertel, eine Fläche, die in etwa mit Dornbirn Stadt vergleichbar ist. Etwa 350.000 Menschen (was ungefähr der Bevölkerung Vorarlbergs entspricht) waren direkt betroffen. Indirekt traf es aber ganz Kiew und Umgebung (rund vier Millionen Menschen) aufgrund von Verkehrs-einschränkungen und dem über die Stadt verhängten Ausnahmezustand. Zudem gab es weiträumige Straßensperren, auch von und zu den Flughäfen, komplett stillgelegte U-Bahnen (Anm. d. Red.: zwischendurch wurde die Metro zum Teil wieder geöffnet), stark eingeschränkten Eisenbahnverkehr (eines der beliebtesten Verkehrsmittel) und die „Titushky” (von der Regierung bezahlte Schlägertruppen), denen man überall begegnen konnte, besonders in der Nacht. Im Zentrum selbst wurde der Strom abgeschaltet. Internet, Telefon und TV wurden so weit wie möglich gestört. Ein Vergleich mit dem arabischen Frühling hinkt in Bezug auf etwaige Beteiligung verschiedener Religionsrichtungen. Das war hier überhaupt kein Thema. Hier kämpfte auch nicht Ost gegen West, sondern mündige Bürger aller Alterstufen und Einkommensklassen gegen ein korruptes, verlogenes, geldgieriges, machtgeiles Terrorgeschwür, das den zweitgrößten Flächenstaat Europas nach Russland schon fast vollkommen wirtschaftlich ausgesogen und ruiniert hat.

WANN & WO: Wie schätzen Sie das Vorgehen der Regierung ein? War die extreme Gewalt ein Zeichen der Verzweiflung oder eher eiskaltes Kalkül?

Harald G.: Regierung war das keine, eher ein reines Terror-Regime. Die hatten von Regierungsarbeit für das Volk nicht den blassesten Schimmer. Für die Erhaltung ihrer Macht und für den Schutz ihres – auch mit westlicher Hilfe – erstohlenen Reichtums kalkulierten sie äußerst exakt und brutal.

WANN & WO: Glauben Sie, dass sich jetzt angesichts der neuesten Entwicklungen etwas verändern wird?

Harald G.: Das waren keine Ausschreitungen mehr, die Bevölkerung wehrte sich gegen den direkten Angriff der Spezialeinheiten. Vielleicht spielte Janukowitsch auf Zeit, aber spätestens seit den ersten Polizeiattacken Ende November war seine Zeit abgelaufen. Für ihn ist die Rente nach seiner Präsidialzeit schon längst gelaufen, was auch seine Flucht nach Charkiw belegt. Aber selbst für Putin wird der „kleine Yanuk” langsam untragbar, denn auch er braucht für die wirtschaftlichen Verflechtungen, die es nun einmal schon seit einer Ewigkeit gibt, friedliche Verhältnisse mit dem Nachbarn und keine auf gegenseitigen Hass ausgerichteten.

WANN & WO: Was erhoffen Sie sich jetzt für die Zukunft?

Harald G.: Ein Rücktritt von Janukowitsch alleine wird nicht mehr reichen. Die komplette Regierung müsste abdanken. Dann wird das Volk erwarten, dass diese Übeltäter vor Gericht kommen und verurteilt werden. Das dürfte aber nicht so leicht werden, weil die Justiz ebenfalls gesteuert wurde. Also muss man schon fast den ganzen Staatsapparat austauschen, damit überhaupt ein rechtsstaatlich korrekt funktionierendes System aufgebaut werden könnte.

WANN & WO: Wer könnte die Nachfolge antreten?

Harald G.: Geeignete Personen für eine Übergangsführung sind rar. Vielleicht wäre ein „Rat” der drei vorhergehenden Präsidenten sinnvoll, der den momentan vielleicht ehrlichsten und unabhängigsten, aber sehr erfahrenen Politiker Petro Poroschenko unterstützt (Anm. d. Red.: Poroschenko ist ehemaliger Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates sowie Vorsitzender der sozialpolitisch eher linksgerichteten Partei „Solidarität”). Die gestern freigelassene Julia Timoschenko hingegen müsste sich komplett aus der Politik heraus halten! Sie ist genauso korrupt und machtbesessen, wie Janukowitsch. Ich empfehle das Buch „Die Gauklerin – Der Fall Timoschenko” von Frank Schumann. Man fragt sich nach der Lektüre, warum sich die EU so intensiv für die Behandlung von Timoschenkos Bandscheibenvorfall eingesetzt hatte, im Speziellen die FDP in Deutschland (Westerwelle). Heute hat Julia Timoschenko keine gesundheitlichen Probleme mehr, auch ohne Sonderbehandlung. Schon komisch, als hätte es ihr Leiden nie gegeben. Die Menschen hier wissen das.

WANN & WO: Im Falle eines Rücktritts von Janukowitsch, welche Lager werden das politische Erbe antreten?

Harald G.: Da wäre zum Beispiel das Lager der „Swoboda”, die hier ganz und gar nicht als „extrem rechts” angesehen werden. Sind wir einmal ehrlich, wenn die „extrem rechts” sein sollen, dann müsste man die FPÖ in Österreich auch sofort verbieten. Zudem glaubt hier niemand, dass auch alle drei zusammen – „UDAR”/Klitschko, „Swoboda”/Tjahnybok und die „All­ukrainische Vereinigung Vaterland”/Jazenjuk (Timoschenko) – stark und gut genug sein werden, um das Land zu regieren. Was die Opposition auch bis jetzt generell nicht konnte, ist mögliche Wege und Pläne für die Zeit nach Janukowitsch wirklich öffentlichkeitswirksam darzulegen. Die haben keinen Plan für danach, nicht einmal für unmittelbar danach.

WANN & WO: Welche Verflechtungen bestehen zwischen der Ukraine und den westlichen EU-Staaten?

Harald G.: Die Regierungen der EU-Staaten verstecken sich hinter der „gemeinsamen Außenpolitik” von Brüssel. Der Janukowitsch-Clan hat schon recht lange starke wirtschaftliche Verflechtungen in den EU-Staaten aufgebaut, im Speziellen gerade auch in Österreich. Da haben einige österreichische Ex-Politiker extrem mitgeholfen, z.B. Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (ich brauche das nicht zu beweisen, man kann das über das Internet recht einfach heraus finden). Und das zu einer Zeit, wo jeder sich über das „Orange” in der Ukraine „gefreut” hatte. Diesen wirtschaftlichen Verflechtungen könnte man die Konten sperren mit Verdacht auf zweckentfremdete Verwendung von EU-Fördergeldern. Alleine der Sohn von Janukowitsch steigerte so seinen Reichtum von ursprünglich sieben Millionen US-Dollar auf nun etwa 510 Millionen, innerhalb von etwas mehr als drei Jahren. Diese Geldmenge war niemals in der Ukraine, sie stammt aus EU-geförderten Projekten (Projekte zur politischen Entwicklung, Energie-Projekte im Bereich Solar- und Wind-Energie). Wegen Verdachts auf Anstiftung zur gezielten Tötung von Demonstranten könnte man so ziemlich gegen jeden Regierungsparlamentarier der Ukraine mindestens eine Einreisesperre in die EU verhängen.

WANN & WO: Welche Rolle spielt Russ­land in der Ukraine?

Harald G.: Russland hat hier die Finger schon recht ordentlich drin. Viele Firmen haben ihren Hauptsitz in Moskau, selbst alle bekannten Fastfood-Ketten hier in der Ukraine werden von Moskau aus verwaltet. Der gesamte Osten der Ukraine hängt wirtschaftlich vollständig von Russland ab, deren Kunden sind ja meistens jenseits der Grenze. Politisch hat Russland die Ukraine auch im Würgegriff, es waren auch schon lange russische Spezialtruppen im Land, welche sich aktiv an der Niederschlagung der Demonstrationen beteiligten. Sie wechseln nicht einmal ihre Uniform. Putin hat es angesichts des Erfolges der ukrainischen Bevölkerung nicht leichter im eigenen Land.
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Protest-Video aus der Ukraine

We want to be free – wir wollen frei sein“, sagt die namenlose Demonstrantin zu Beginn des zweiminütigen Clips. Das Video, das in kürzester Zeit über fünf Millionen Mal angeklickt wurde, zeigt, wie ukrainische Sicherheitskräfte gnadenlos gegen die Demonstranten vorgehen, auf die Menschen schießen, sie verprügeln und zur eigenen Belustigung bloßstellen. „Wir haben Freiheit im Herzen und in unseren Köpfen und hiermit bitte ich euch, uns zu helfen, diese Freiheit auch in unserem Land herzustellen“, wünscht sich die Namenlose eine bessere Zukunft. Bild:

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