Drei Jahre nach Utøya-Attentat: Überlebender beantwortet Fragen

Auf Reddit beantwortete Jarl Riskjell Gjerde alias "Lordofseagulls" Fragen zum Attentat auf Utøya.
Auf Reddit beantwortete Jarl Riskjell Gjerde alias "Lordofseagulls" Fragen zum Attentat auf Utøya. ©IMGUR
Jarl Riskjell Gjerde war auf der norwegischen Insel Utøya als Anders Behring Breivik vor drei Jahren das Feuer eröffnete. Wie durch ein Wunder überlebte der damals 16-Jährige und nahm sich am Gedenktag des Attentats über zehn Stunden Zeit um die Fragen der Reddit-Community zu beantworten.
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Was ist genau passiert?
Ich ging in ein Gebäude mit vielen anderen Menschen. Dann hörte ich viele Schüsse außerhalb des Hauses, aber ich habe nichts gesehen, weil uns gesagt wurde, dass wir uns von den Fenstern fernhalten sollten (…) . Dann hörte ich Breivik im Nebenraum. Ich rannte durch den Speisesaal. Die Menschen kämpften und stießen sich zu den Fenstern, um zu flüchten. Ich sprang aus dem Fenster und rannte den Hügel hinunter. Mit meiner Hose blieb ich an einem Eisenhaken hängen und mein anderer Fuß steckte in einem Loch. Vielleicht war es das Adrenalin oder die Panik – aber ich konnte mich nicht befreien. Ich fragte die Menschen, die an mir vorbeirannten, ob sie mir helfen können, aber keiner blieb stehen. Verständlich, sie waren auch in Panik. Jeder rannte an mir vorbei, und ich hörte die Schüsse im Gebäude über mir. Plötzlich blieb ein Mädchen stehen und half mir. Wir hielten uns an den Händen und rannten durch den Wald. Wieder waren Schüsse und Schreie zu hören, aber nun in der Ferne. (…)

Breivik tötete 14 Menschen 10-20 Meter von uns entfernt (…). Ich erinnere mich an die Schreie und die Schüsse, die sie verstummen ließen. (…).

Ich machte mich so klein wie möglich, damit er mich nicht sehen konnte. Ich glaubte, dass es unmöglich ist, dass er mich nicht entdeckt, und so ging mir durch den Kopf „Okay, also das war’s. Bring mich schon um“. Ich wollte, dass er mich so schnell wie möglich umbringt, und ich wurde richtig ungeduldig. Aber er sah uns nicht, und ging wieder weg.

Ferdinand Ostrop/AP/dapd
Ferdinand Ostrop/AP/dapd ©Foto: Ferdinand Ostrop/AP/dapd

Was war dein erster Gedanke, als du realisiert hast, was gerade passiert?
„Oh Scheiße“. Ich glaube, dass ich das sogar laut ausgesprochen habe, als ich begriff, was los war. Zuerst dachte ich, dass ein paar Teenager mit einer AK47 herumspielen. Dann wurden die Menschen im Nebenraum plötzlich erschossen, und Panik breitete sich aus. Als ich hörte, dass die Schießerei so nahe war, begriff ich, dass das kein Witz und keine Übung war. Es wurden tatsächlich Menschen im Nebenraum erschossen.

Was hast du als erstes zu deinen Eltern gesagt, als du sie wiedergesehen hast?
„Hi :)“ und meine Mutter ist in Tränen ausgebrochen.

Fühlst du dich schuldig, weil du überlebt hast? Hast du noch Kontakt zu anderen Überlebenden?
Viele fühlen sich schuldig, dass sie überlebt haben, aber ich habe mich nie schuldig gefühlt. Ich war sehr froh, dass ich mithelfen konnte, Leben zu retten und ein Mann starb in meinen Armen, und ich bin froh, dass er nicht alleine sterben musste – das war eine Ehre für mich. Er war nicht alleine. Ich habe mir immer wieder gesagt, „Es hätte noch schlimmer sein können, wenn ich nicht dort gewesen wäre“.

Darko Bandic/AP/dapd
Darko Bandic/AP/dapd ©Foto: Darko Bandic/AP/dapd

Welches Erlebnis von diesem Tag wird dich ewig begleiten?
Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Am Tag vor der Attacke erzählte sie mir, dass ihre ältere Schwester kurz vor der Geburt verstarb. Sie erzählte mir, dass es ihr Lebensinhalt wäre, für ihre ältere Schwester zu leben. Das Mädchen starb am nächsten Tag.

Wie hat sich dein Leben seither verändert?
Mein Leben hat sich definitiv zum Positiven verändert. Ich konnte helfen, ein Leben zu retten (…). Aber ich fühle mich auch verunsicherter nach diesem Tag. Ich fühle, dass andere Menschen mich meiden, weil ich auf Utøya war, und ich habe Angst, dass meine Freunde mich verlassen. Ich habe Angst, dass ich möglicherweise seltsam und merkwürdig werde, und ich spreche selten über meine Probleme, weil ich Angst habe, dass ich dadurch andere Menschen abschrecke. Ich versuche meine Erlebnisse auf der Insel vor neuen Freunden zu verheimlichen – ansonsten denken sie vielleicht ich wäre gestört und sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben? Niemand will mit einem traumatisierten Typen abhängen?

Frank Augstein/AP/dapd
Frank Augstein/AP/dapd ©Foto: Frank Augstein/AP/dapd

Was hat dich an der Medienberichterstattung gestört?
Der News-Helikopter ist 45 Minuten vor der Polizei eingetroffen. Ich war stocksauer, als ich herausgefunden habe, dass da nur Kameras herumgeflogen sind – und keine Unterstützung von oben zu erwarten war. Und die Polizei auf dem Festland versteckte sich hinter Containern, weil sie Angst hatten erschossen zu werden. Die meisten Polizisten trauten sich nicht, etwas zu tun (…).

(red)

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