Dr. Toni Russ-Preis 2014: Die Laudatio von Hanno Loewy im Wortlaut

Michael Köhlmeier war nach der Laudatio von Hanno Loewy sichtlich gerührt.
Michael Köhlmeier war nach der Laudatio von Hanno Loewy sichtlich gerührt. ©VOL.AT / Steurer
Bregenz - Der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, Dr. Hanno Loewy, hat bei der Verleihung des Dr. Toni Russ-Preis und -Ring eine bewegende und sehr persönliche Laudatio auf seinen Freund Michael Köhlmeier gehalten. Hier die Laudatio im Wortlaut.
Laudatio von Hanno Loewy

Im Anfang war das Wort. Unter dem Schlossberg hatte mir ein Freund ein Buch in die Hand gedrückt. Du ziehst doch jetzt zu uns. Überleg es Dir gut, lies erst einmal das da. Dann weißt Du wo es Dich hin verschlägt. Das Büchlein hatte kaum mehr als 200 Seiten, und doch enthielt es einen ganzen Kosmos. Von dem Autor hatte ich schon gehört – aber noch keine Zeile gelesen. Für diese Ignoranz habe ich mich lange geschämt.

Inzwischen habe ich fast jede Zeile von ihm gelesen und warte ungeduldig auf jede neue Zeile die er schreibt. Dass wir inzwischen Freunde geworden sind, macht aus dieser Neugier etwas Indiskretes. Und indiskret soll ich heute also auch sein.

Ich denke zurück an diesen Tag unter dem Hohenemser Schlossberg, als ich zu lesen begann, begann nicht nur mit Deinem Buch „Moderne Zeiten“, sondern mit einer unendlichen Lektüre, einem erzählerischen Strom, in den man an jeder Stelle eintauchen kann, aber aus dem man nie mehr herauskommt. So etwas ist mir mit keinem anderen Autor passiert.

Geehrt werden soll heute also einer der größten Erzähler unserer Zeit. Aber das ist kein literarischer Preis, von denen Michael Köhlmeier schon so viele erhalten hat, sondern ein Preis, mit dem sich ein Land schmückt, indem es jemanden dekoriert, der dieses Land schmückt. Auch das ist ein Abenteuer. Denn Michael Köhlmeier ist kein Schönredner. Er kann durchaus scharfzüngig werden, denn er nimmt die Menschen ernst.

Wie so viele Mythen beginnt auch „Moderne Zeiten“ mit einer Apokalypse. Freilich einer Köhlmeierschen Apokalypse:

„In unbenannter Zeit fuhr ein Bürgermeister mit seinem Moped über die Erde, als ihm eine Vision vom Untergang der Welt kam, so bilderreich, dass er am Trottoir anhielt.“

Da sind wir also, in einem Kosmos, der bei Bregenz beginnt und bei Feldkirch oder Bludenz endet, zwischen dem See und den Drei Schwestern. In einer mythischen Zeit, in der man gleichwohl mit seinem Moped am Trottoir anhalten kann. Man braucht nur diesen einen Satz zu lesen und ahnt, dass dieser Mensch einem alle Mythen dieser Welt, alle biblischen Geschichten und großen Dramen der Weltliteratur neu erzählen kann, so als seien die finsteren Intrigen im Hohenemser Schlosscafe ausgeheckt worden, die elegischen Momente hätten sich am Pfänderhang entsponnen und die epischen Katastrophen wären auf dem Gleisfeld des Güterbahnhofs in Wolfurt geschehen. Nun ja, dort nehmen auch die Ereignisse in „Moderne Zeiten“ ihren Ausgang, mit einem Selbstmord und einem Stromausfall. Und auf zweihundert Seiten erfährt man alles, fast alles, was man über Vorarlberg wissen muss, verwandelt in ein absurdes Welttheater: von Lustenauer Spitzen, die nach Nigeria exportiert werden und einem Judenfriedhof, auf dessen Grabsteinen die Einheimischen Geheimnisse vermuten, von futuristischen Tankstellen und alten Sagen am Kummenberg, von kleinen Diebstählen im Interspar und von türkischen Transportarbeitern, die für ihren Chef ein paar Schweine ins Ried entführen müssen. Und erzählt von einem Land, dass vor 30 Jahren noch etwas anders aussah als heute:

„Über außerordentliche Ereignisse wird in diesem Land erst gesprochen, wenn man die Erinnerungen an sie ordnen muss; über Unglück und Schande wird gar nicht gesprochen. Denn in diesem Land glaubt man, Unglück und Schande bedingen sich gegenseitig, das eine könne für das andere Ursache und Folge sein. So steht in den Gesichtern der Unglücklichen Starrsinn geschrieben, wo man Bitterkeit und Auflehnung erwartet; ihre Stille verbirgt nichts; es gibt kein Sichabfinden oder Umgewöhnen: Für die Unglücklichen in diesem Land ist ein Tag wie der andere. Die Welt ist für sie immer dort, wo sie gerade nicht sind.“

 

 

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Dass dieses Land, von dem Michael Köhlmeier immer wieder erzählt, auch dann, wenn er über die Weltgeschichte, oder über Wien, über Ost-Berlin oder über North Dakota schreibt, dass Vorarlberg sich verändert hat, dass diese Welt durchaus nicht mehr „too small“ sein muss, daran hat Michael Köhlmeier keinen geringen Anteil.

Dabei liegt ihm wohl nichts ferner, als ein politischer Aktivist zu sein. Und schon gar nicht möchte er als Autor zum politischen Aktivisten werden. Michael Köhlmeier ist ein Bürger, ein aufmerksamer Bürger. Als solcher lässt er sich nicht alles bieten. Und wenn ein Politiker, ein Spitzenkandidat zumal, in aller Öffentlichkeit rassistische Parolen schwingt, z.B. die Europäische Union als „Negerkonglomerat“ verhöhnt, dann kann es sein, dass dem Bürger Köhlmeier der Geduldsfaden reißt.

Dem Erzähler Köhlmeier hingegen ist viel Geduld eigen. Vielleicht wird er mir heute Abend noch vorwerfen, dass würde ich falsch sehen. Und mir von seiner Ungeduld beim Schreiben erzählen. Beim Lesen aber bezaubert mich seine Geduld. Nichts ist ihm zu gering, zu alltäglich, zu nah oder zu fern, um nicht einen Zauber daran zu finden.

Der Erzähler Michael Köhlmeier, der sich in den Erzähler seiner Prosa verwandelt, ist kein Erfinder, er folgt keinem Plan und keinem Programm, keinem literarischen und keinem moralischen, erst recht keinem politischen. Er entdeckt seine Figuren, in sich, in anderen, in den Menschen, die er ernst nimmt und die sich vor seinen Augen verwandeln. Er folgt seinen Figuren, mit einem neugierigen Blick, er lässt sich von ihnen entführen, nimmt die Spur ihrer Leidenschaften und Irrtümer auf. Er leidet mit seinen Figuren und jubiliert mit ihnen. Und er beantwortet die alte und bis zur Erschöpfung wiedergekäute Frage danach, ob nicht alles Schreiben autobiografisch sei, ob der Autor – wie es meine Frau so schön pointiert – nicht wieder „von zu Hause“ erzähle, mit entwaffnender Radikalität. Wenn Michael Köhlmeier von Jetti Lenobel erzählt, der verpassten großen Liebe seines fiktiven Erzählers in den mitternächtlichen Telefonaten, die er vor zehn Jahren aufs Papier geworfen hat, dann weiß ich genau, dass ich sie kenne (auch wenn ich ihr nie begegnet bin).

Gibt es noch eine andere Kurzprosa, die mit so wenigen Worten von Nähe und Ferne erzählt, von einer unmöglichen Beziehung. Ein Abend in Wien, und ein paar Erinnerungen, skizziert auf zwei Seiten Vorbereitung für diesen Dialog: „Ich wählte ihre Handynummer. ‚Jetti, wo bist du?’ ‚In Prag bin ich, im Hotel. Wo bist du?’ ‚Ich bin in München, auch im Hotel. Ich würde gern bei dir sein.’ ‚Es war eine große Liebe.’ ‚Es war eine große Liebe.’ Die Rettung fuhr draußen vorbei. Jetti und ich, keine hundert Meter voneinander entfernt, hörten das Martinshorn auf der Straße und im Hörer. ‚Wenn wir beide zu Hause wären’, sagte ich, ‚dann würde ich zu dir kommen.’ ‚Das wäre schön’, sagte Jetti.“

Erzählt also Michael Köhlmeier von „zu Hause“? Manchmal tut er so, dann sollte man erst Recht nicht in diese Falle tappen. Denn das Hohenems, das in seinen Texten so häufig der Spielplatz der Helden ist, seine eigene Familie, seine geliebte Monika, seine Eltern, ihre Kinder, sie verwandeln sich – in dem sie im Schreiben ihr eigenes Leben beginnen.

Und es bleibt ein nicht hintergehbarer Schmerz in diesem Schreiben. Auch davon muss geschwiegen werden. Vielleicht haben wir uns deswegen so behutsam, aufmerksam angenähert. Empfinden unsere Freundschaft jeden Tag als Geschenk.

Und als Geschenk betrachte ich es, wenn Michael Köhlmeier von dem todtraurigen Liebeskummer eines kaum vierzehnjährigen Mädchens erzählt, dessen Lebensweg sich zweimal mit seinem Erzähler Sebastian Lukasser berührt. Madalyn: wer kann schon von sich behaupten, seiner eigenen Tochter jemals so nahe zu kommen, wie diesem Mädchen. „’Ich bin sehr zornig’, sagte ich. Aber ich hätte sie gern an mich gedrückt und gesagt, es wird alles gut. Denn gar nichts war gut.“ Madalyn erzählt nicht nur von den Abgründen eines jungen Lebens, sondern auch von den Grenzen des Erfindens, des Lügens, des Vertrauens, der Frage, ob das Lügen helfen kann.

Und von einem grandiosen Lügner erzählt Michael Köhlmeier auch in seinem Roman über den Mörder „Joel Spazierer“. Von einem „zu Hause“ erzählen, heißt hier: von einem Albtraum. Und davon, dass man nichts davon glauben muss, was wir über diesen Albtraum zu wissen angeboten bekommen. Natürlich ist auch der jüdisch klingende Name des Helden eine Anmaßung, ein Spiel, eine selbstgewählte Camouflage, doch wie alles was dieser Held tut, betrügen, stehlen, morden steht außerhalb unseres moralischen Urteils, geboren aus der Urszene einer vollkommenen Verlassenheit, eines Bankrotts aller Moral. „Das Menschsein als solches war mir fremd geworden“, konstatiert der Held, der als Kind nach der Verhaftung der Eltern durch die Geheimpolizei in Budapest allein in der Wohnung zurückblieb, „weil ich mich nicht mehr als Mensch begriff.“ Wir folgen Joel Spazierer fast atemlos auf seinem Weg, durch den Untergang der kommunistischen Illusionen und durch den Stalinismus, durch Wiener Heuchelei und Vorarlberger Provinzalltag, durch einen Schelmenroman, der selbst das Projekt seines Helden ist, so wie die verschiedenen Figuren, als die sich das Andras Fülöp in seinem Leben neu erfinden wird, und in dem Köhlmeiers Erzähler Sebastian Lukasser nur noch eine Nebenfigur ist. Am Ende dieses Buches ist wenig übrig von unserem Vertrauen in die Autorschaft des Erzählers. Und zugleich unsere Neugier geweckt, auf alles Menschliche.

Was hat dieses Schreiben, diese Neugier auf das, was aus einem Menschen (im Guten wie im Schlechten) werden kann, mit meiner vollmundigen Behauptung zu tun, Michael Köhlmeier hätte dieses Land verändert. Er hat keine Partei gegründet, keine Politik gemacht. Er hat sich „nur“ für Menschen interessiert, tut es bis heute, für alle, ganz gleich ob für den Spross einer italienischen Einwanderfamilie, der für einen Tag berühmt wird, und sei es, weil es ihm gelingt einen Hochspannungsmast zu erklettern und nicht wieder hinunter zu kommen. Oder den unbekannten Türken, den er im Krankenhaus mit eben jenem Talisman antrifft, den er selbst auf dem Weg zur Hohen Kugel einmal gefunden und später wieder verloren hatte, nun froh darüber, dass dieses „liebe Ding“ wieder einen faszinierten Besitzer hat. Er interessiert sich für die Manien seiner Wiener Kaffeehausbekanntschaften und für die privaten Katastrophen der Menschen, denen er im Hohenemser ADEG an der Kasse begegnet. Er interessiert sich für das Kind in ihm selbst, dass sich am Schaufenster von Collini die Nase platt drückte, vor Sehnsucht nach einem Messer in der Auslage, oder für das nach Amerika ausgewanderte Nachbarskind Toni, dessen Bruder bei einem Bergunfall ums Leben kam als er zehn Jahre alt war und gerade mit Michael Holz stapelte. Und der mit dem Tod seines Bruders für seine Eltern, so schien es, gleich mit gestorben war, so unauffällig war sein Leben. „Er war ein langsamer Bub. Ich mochte das. Seine Langsamkeit war seine Zuverlässigkeit. Wer lügt, muss schnell sein. Der Langsame aber kommt der Wahrheit nicht aus. Ich schaute ihn unverhohlen an. Als er meinem Blick begegnete, schloss er den Mund. Noch nie war jemand gestorben, den ich kannte, und ich kannte niemanden, der einen Bruder verloren hatte. Er hob die Hand, drückte das Holzscheit an seine Brust, legte das Kinn darauf, hielt das Scheit nun mit beiden Händen. Dann sagte er: ‚Menschenskind’ Und das sagte ich auch.“

Michael Köhlmeiers Schreiben, diese Sinn für das Einfache, das einen ganzen Roman enthalten kann, zeugt von der Achtung gegenüber jedem Menschen. Und diese Achtung gegenüber jedem Menschen, die sich auch in Wut verwandeln kann, wenn es gilt diese Achtung zu verteidigen, ist vielleicht politischer, als alles das, was sich Parteien ausdenken können.

Michael Köhlmeiers Schreiben ist die Verteidigung der Langsamen gegen die Schnellen, aber auch die Verteidigung der phantasievollen oder aus Not gewitzten Lügner gegen die satten Heuchler, es ist die Verteidigung der Unzugehörigen gegen die „Immerschondagewesenen“, aber auch die der Ehrgeizlosen gegen die Gierigen. Als geborenem Erzähler ist Michael Köhlmeier nicht so sehr Erfindungsreichtum sondere eine andere Gabe zuteil geworden: sie hat etwas mit Empathie zu tun, mit einer produktiven Überempfindlichkeit, einem verletzlichen Gerechtigkeitssinn und einer Lust daran, die Welt auf die Probe zu stellen. Der geborene Erzähler kann die Genre wechseln, wie Schuhe, er schreibt Lieder und Märchen, Mythen und Kurzprosa, Novellen und Romane, und alles fließt in Fortsetzungen, wie eine überbordende Strömung ins Unendliche. Die Quelle dieses Stroms hat er, oho, ironisch besungen, und was wurde daraus, eine inoffizielle Nationalhymne einer nicht existierenden Nation, eines Zwergs, auf dessen Schultern es sich in alle Welt schauen lässt. Dahin, wo man zwar selbst glaubt nicht zu sein, aber eben doch längst, jenseits von Lindau, schon gewesen ist. Eine Welt, die längst in Vorarlberg angekommen ist, lange schon bevor ein Felder oder ein Köhlmeier dieses Geheimnis seinen Landsleuten verraten hat, in dem er zugleich der ganzen Welt von einer mythischen Landschaft namens Vorarlberg erzählt hat. Ein Land, in dem alle Dramen der Welt, alle Erzählungen von Wanderung und Sehnsucht, Aufbrüchen und Ankommen, Neid und vergrabenen Schätzen, von Ehrgeiz und Eifersucht begonnen haben könnten. Ein Land dessen Gravitationszentrum für Michael Köhlmeier natürlich in Hohenems liegt, wo sich das Rheintal zwischen Schlossberg und altem Rhein zusammenzwängt und naturgemäß alle immer ein wenig aufgeregter und streitlustiger sind.

Bei all der Streitlust um ihn, ist der Erzähler Michael Köhlmeier gelassen blieben, obwohl er wenn er gerade nicht schreibt, auch zornig dreinfahren kann oder die Rolle wechseln. Dann wird er zum Rockmusiker, der Geld für Krankenhäuser mobilisiert, zum Fernsehmoderator, der mit seiner Neugier die Studiogäste entwaffnet, zum streitbaren Bürger, der auch einmal vor Gericht zieht, wenn er den alltäglichen Rassismus nicht mehr aushält. Und immer wieder wechselt er in die Rolle, die dem Erzähler noch mehr auf den Leib geschrieben ist, als das Schreiben. Er erzählt.

Ganz gleich ob er von den Nibelungen oder von Hamlet erzählt, ob er aus seinen Büchern vorliest, oder beim Mittagessen von seinem Enkel berichtet. Er erzählt. Und solange er das tut, geschieht etwas Magisches.

Man kann das nur mit einem gewissen Stolz tun, der freilich auch nur ein anderer Name ist für Verletzbarkeit. Vor allem aber: so wie Michael Köhlmeier, kann man es nur, wenn man frei von Dünkel ist.

Michael, auch wenn das nun vielleicht Schönrednerei sein mag: Du repräsentierst damit mehr als jeder andere etwas sehr Kostbares, das man in diesem Lande noch immer finden kann. Einen gewissen Mangel an Dünkel, den schon Dein bescheidener Vorgänger, Michael Felder, ausgezeichnet hat. Du denkst nicht in Kategorien von gering und erhaben. Du kümmerst Dich um Euer Haus im Hohenemser Herrenried, das sich sanft, mal leise knarrend, mal etwas lauter protestierend, im unsicheren Grund zur Seite neigt. Und Du erzählst von Deinen Nachbarn und ihren Abenteuern in der Welt.

Der schmuddelige, armselige Zwilling des Dünkel, das Ressentiment gegen das Fremde, gegenüber denen, die sich noch weiter hinten anstellen sollen, davon hat es in diesem Land genug, wie überall auf dieser Welt. Doch ohne diesen auf den Seiten von Hochglanzmagazinen eingeübten Dünkel, ohne die Blasiertheit derer, die eh schon alles wissen, ohne die hochnäsige Attitüde, der man, sagen wir einmal in Frankfurt oder Wien, so oft begegnet, wo es an Dünkel mangelt, ist selbst das Ressentiment noch etwas leichter zu ertragen.

Dieses Land, das sich heute mit Dir schmücken möchte, ist und bleibt ein Geselle auf Wanderschaft. Es lebt von denen, die kommen und von denen die gehen, und es nicht vergessen. Davon gelassen zu erzählen, selbst dann wenn die Wellen höher schlagen, wenn Politik mit Ressentiments gemacht wird, wenn das Wort „Exil“ (also das Schicksal, sein Leben durch Flucht retten zu müssen) zum Kleingeld der Schmähung wird, wenn Minderheiten aus miesem Kalkül gegeneinander ausgespielt werden (und sei es die Aleviten gegen die sunnitischen Türken), wenn eben Wahlkampf ist und „Antisemitismus“ mal wieder nur darin besteht, die Juden noch mehr zu verachten, als sie es eh verdienen – und man noch stolz darauf ist, damit Erfolg an der Urne zu haben – da ist es gut zu wissen, dass man Abends bei Köhlmeiers einkehren kann und man erzählt bekommt, von den Menschen im Land, ihren allzubekannten Schwächen und ihren grandiosen Stärken, ihren knurrigen Schrullen und ihrer entwaffnenden Liebenswürdigkeit, ihren kleinen Katastrophen und Triumphen, und der Frage in welcher Bäckerei es den besten Kornspitz, und wo die besten Topfentaschen gibt.

Michael und Monika, und es ist ungerecht, dass ich heute Abend nicht von dieser großen Erzählerin sprechen konnte, tragen vielleicht mehr als jeder andere dazu bei, dass man sich in diesem Land heute „heymish“ fühlen kann. Übrigens: ein altes jiddisches Wort dafür, dass man sich dort „zu Hause“ fühlt, wo das Essen schmeckt, wo man gemeinsam darüber klagen kann, dass Bob Dylan oder Philip Roth noch immer keinen Literaturnobelpreis bekommen haben, und man jemanden trifft, der – noch so ein jiddischer Ausdruck – „a mensh“ ist. Michael Köhlmeier erzählt nicht von zu Hause. Wo Michael Köhlmeier erzählt, da ist „zu Hause“. 

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