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Dorniger Weg nach oben

©VOL Live/ Hofmeister
(VN) - Wie schafft die Kirche den Weg aus der Vertrauenskrise? Heuer setzt sie erste Schritte.
Entwicklung der Kirchenaustritte

Die Kirchenaustrittszahlen explodierten im März förmlich und beruhigten sich erst im Juli wieder. Das zeigt eine starke Erschütterung.

Benno Elbs: Ja, das tut es. Die Phase, in der die Kirche in Vorarlberg steht, ist schwierig. Die Kirchenaustritte haben uns persönlich bewegt und fordern uns auf, zu überlegen, wie man mit der Situation konstruktiv umgeht. Ein geflügeltes Wort sagt ja: Jede Krise bietet Chancen.

Wie versucht die Kirche, aus dieser Vertrauenskrise rauszukommen?

Benno Elbs: Vertrauen hat immer mit menschlicher Begegnung zu tun. Zentraler Auftrag der Kirche ist es, den Menschen Gastfreundschaft zu bieten. Zentraler Ansatz aller Mitarbeiter muss also sein, diese Begegnung in aller Ernsthaftigkeit zu suchen. Wenn man davon ausgeht, dass der moderne Mensch ein Pilger ist, dann ist Kirche Gastgeberin und auch gleichzeitig selber Gast in der Welt.

Und die konkreten Schritte?

Benno Elbs: Die neue Dialogstelle für Austrittswillige ist ein konkreter Ansatz. Monika Eberharter versucht ab Herbst, mit diesen Menschen aktiv ins Gespräch zu kommen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die seriöse Umsetzung der Richtlinien zum Schutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch. Wir werden im Herbst eine Stabsstelle für Schutz vor Gewalt und Missbrauch einrichten. Eine Psychotherapeutin soll in kirchlichen Einrichtungen Bewusstsein schaffen. Die Planstelle ist bereits geschaffen. Wir wollen 1 : 1 umsetzen, was die Bischofskonferenz vorgab. Ende Juni haben wir in einer Expertenrunde in Vorarlberg das Papier der Bischöfe auf die Vorarlberger Situation adaptiert.

Wie geht die Kirche mit Priestermangel und Laienengagement um?

Benno Elbs: Wir werden im Herbst die Weichen für 15 Jahre stellen. Vergangene Woche haben Bischof Elmar, Pastoralamtsleiter Schmolly und ich aufgrund des eineinhalbjährigen Diskussionsprozesses mit Laien unsere Ideen formuliert. Die werden jetzt mit den einzelnen Berufsgruppen besprochen, nötigenfalls adaptiert und dann vom Priesterrat beschlossen.

Besonders schmerzlich trifft die Kirche, dass die Zahl der Taufen zurückgeht. Auch heiraten immer weniger Menschen kirchlich. Solche Feste waren bislang fixe Chancen der Begegnung mit den Menschen. Was ist, wenn das wegbricht?

Benno Elbs: Ich glaube, dass man das differenziert sehen muss. Die Veränderung der Taufzahlen ist auch darauf hinzuführen, dass es mehr Kinder muslimischer Familien gibt. Im Grunde genommen habe ich schon den Eindruck, dass doch 80 oder mehr Prozent der Christen getauft werden. Natürlich sind die Orte der Begegnung des Menschen mit der Kirche Taufe, Hochzeit, Firmung, Erstkommunion und die Begleitung in Krankheit und Tod. Und es stimmt, viele Leute heiraten heute gar nicht mehr. Gleichzeitig denke ich an die Hunderten Firmlinge heuer, an kurze, aber wunderschön gestaltete Begegnungen. Und ich glaube, dass jede gute Begegnung im Leben eines Menschen Spuren hinterlässt.

Vorarlbergs Katholische Kirche befasst sich kommende Woche im Herbstsymposium mit dem Religionsunterricht. Da gehen heuer Volksschulklassen an den Start, in denen nur mehr 6 von 13 Schülern katholisch sind.

Benno Elbs: Faktum ist, dass die Religionslehrer die gesellschaftlichen Entwicklungen als Erste spüren. Sie sind am Puls der Zeit. Wir wollen sie mit dem Symposium stärken. Für mich ist die Situation nicht nur ein Nachteil. In einer multireligiösen Umgebung wird es auch notwendiger, das eigene Profil bewusst zu machen.

Das setzt voraus, dass Religion überhaupt eine Rolle spielt. „Religionsbekenntnis – normal“ schrieb eine 14-Jährige ohne Bekenntnis in einem Fragebogen.

Benno Elbs: Es gibt Leute, die sind im Zentrum des kirchlichen Lebens sozialisiert, und andere kommen erst damit in Berührung. Diesen Sommer war ich in Ostdeutschland. Da sind nur drei Prozent Katholiken. Aber bei Priestern und Nonnen hört man keinen Jammer. Die haben eine missionarische Einstellung und freuen sich über jede Begegnung. Auch Religionslehrer sind ein Stück weit Missionare.

Die Katholische Kirche hat immer wieder durch Personalentscheidungen Unmut erregt. Als Nächstes erhält ab 8. September mit Basel die größte Diözese der Schweiz einen neuen Bischof. Da reden Domkapitel und Politiker kräftig mit. Wäre so eine breitere Entscheidungsbasis auch hierzulande wünschenswert?

Benno Elbs: Bei der Mitsprache der politischen Instanzen bin ich sehr zurückhaltend. Das sehe ich eher kritisch. So ist halt das Schweizer System. Im Grunde genommen denke ich, dass das Befragungssystem, das wir in Österreich haben, schon gut ist.

Im Herbst 2011 steht die Nachfolgefrage für Bischof Elmar an. Läuft die Befragung schon?

Benno Elbs: Nein, da ist mir überhaupt nichts bekannt. Im Oktober wird Bischof Elmar 75 Jahre alt. Dann wird das System anlaufen.

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