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Digitale Kluft zwischen Jung und Alt

Am BG Blumenstraße referierte Gert Burger über Chancen und Gefahren neuer Medien.
Am BG Blumenstraße referierte Gert Burger über Chancen und Gefahren neuer Medien. ©Harald Pfarrmaier
BGBB Neue Medien

Gert Burger von der Supro informierte am BG Blumenstraße über Chancen und Gefahren neuer Medien.

Obwohl nicht via Internet oder Handy zum Flashmob aufgerufen sondern per guter alter gedruckter Einladung angekündigt, fanden über 100 Eltern und Erziehungsberechtigte in den Festsaal des BG Bregenz-Blumenstraße. “World of Warcraft, Facebook & Co – Chancen und Gefahren neuer Medien” lautete der Vortrag von Gert Burger von der Supro (Werkstatt für Suchtprophylaxe im Krankenhaus Maria Ebene), zum dem die beiden Elternvereine des BG Blumenstraße und BG Gallusstraße geladen hatten.

“World of Warcraft” (WOW) oder “Die Kunst des Krieges”, so in der deutschen Übersetzung, ist ein Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel, das Spieler gleichzeitig zusammen über das Internet spielen. Derzeit zählt das Spiel, für das neben den Anschaffungskosten monatlich eine Gebühr zu entrichten ist, über 12 Millionen Abonnenten. WOW ist eines der lukrativsten Unterhaltungsmedien und erzielt einen jährlichen Umsatz von mehr als einer Milliarde Dollar.

Mit den anderen Spielern in der virtuellen Welt bestehen verschiedene Interaktionsmöglichkeiten. Es können Kämpfe ausgetragen, Kommunikation oder Handel betrieben werden. Der virtuelle Charakter des Spielers wird in World of Warcraft durch Erfahrungspunkte und neue Gegenstände immer stärker. Mit steigender Spieldauer wird die eigene Figur immer wertvoller, das Aufhören kann dadurch zunehmend schwerer fallen. Das Spiel ist so konzipiert, dass es nie endet. Bei bestimmten Persönlichkeitstypen kann dies durchaus zu einer Verhaltenssucht führen.

Zum kritischen Umgang erziehen

Kinder und Jugendliche nutzen heute ganz selbstverständlich Medien wie Handy, PC und Internet. Hier kam es mittlerweile zur Umkehrung der klassischen Vorbildfunktion der Erwachsenen. Die Jugend ist im Umgang und der Nutzung neuer Medien kompetenter, erklärt ihren Eltern, wie das läuft und funktioniert. Gert Burger von der Supro ist es deshalb wichtig, die Eltern fit zu machen für die neuen Medien. “Es herrscht heute eine digitale Kluft zwischen Alt und Jung. Die Jugend kennt sich in der Technik und deren Nutzung besser aus, hat aber ein unkritisches Verhältnis dazu, sagt Burger. Dem steht die Lebenserfahrung und Kritikfähigkeit der Eltern gegenüber. Hier setzt Burger an, informiert in seinen Vorträgen die Erwachsenenwelt über die neue Medien, deren Nutzung und weitreichende Möglichkeiten. Mit ihrer Lebenserfahrung sollten sie ihren Nachwuchs zur Reflexion über das Medienverhalten anregen, ihre Medienkritik fördern.

Weltweit 10 % der Jugend “computersüchtig”

Zahlen diverser Studien sprechen eine klare Sprache. Weltweit sind heute 10 Prozent aller Jugendlichen “Computersüchtig”. Im deutschsprachigen Raum verfügen 63% aller 12 bis 16-jährigen über einen eigenen Computer, 34 % haben einen eigenen Internetzugang. Die weibliche Jugend nützt diesen vornehmlich zur Kommunikation in Social Networks. Bei den Burschen überwiegen Computerspiele. Mindestens einmal täglich steigt ein Drittel der österreichischen Facebook-Community in ihr Lieblingsnetzwerk ein. 40% tun das sogar mehrmals am Tag.

Die Botschaft lautet: Kinder fragen, was sie mit ihrem Handy oder am PC machen. Oft wird etwa das Mobiltelefon nur als Musicplayer genutzt, der PC für Hausaufgaben und Recherchen für die Schule. Nur wenn sich Anzeichen wie das Nachlassen schulischer Leistungen, die Verminderung (echter) sozialer Kontakte, Verheimlichung der Computernutzung oder auffallende Gereiztheit bei Hinderung an der Nutzung mehren, sollten die Alarmglocken schrillen. Da sind Anzeichen für ein Suchtverhalten und hier ist professionelle Hilfe gefragt.

Wie bei Mobiltelefonen der neuen Generation stellen auch am PC Gewalt- und Pornovideos, vor allem aber manche Computerspiele klassische Gefahren dar. Besonders die Rollenspiele wie World of Warcraft können zu Suchtverhalten führen.

3 Milliarden Fotos monatlich

In sozialen Netzwerken wie Facebook wird von Jugendlichen vor allem die Gefahr unterschätzt, die durch Preisgabe persönlicher Daten gegeben ist. Immerhin werden monatlich 3 Milliarden Fotos auf Facebook gestellt und das Netzwerk hat weltweit 600 Millionen Nutzer. Wesentlich für die Jugend ist bei Facebook die Möglichkeit, schnell mit Freunden in Kontakt zu treten. Es bildet aber auch die ideale Plattform zur Selbstdarstellung und als Bühne zur Inszenierung des Privatlebens. Hier sollten die persönlichen Einstellungen überprüft werden und privateste Daten nur wirklichen Freunden zugänglich sein.

“Das größte Risiko ist allerdings, Kindern und Jugendlichen Handy und Internet zu verbieten”, sagt Burger. Der Experte plädiert dafür, die Jugendlichen zu einem mündigen Umgang mit den neuen Medien anzuhalten.
HAPF

Tipps für Eltern:
• Mit Kindern Regeln vereinbaren wann, wie lange und welche Inhalte im Internet besucht werden
• Medienfreie Tage vereinbaren
• Mit Kindern über mögliche Gefahren reden
• Kinder nicht alleine vor dem Computer lassen
• Computer nicht im Kinderzimmer zur Verfügung stellen, ihn in gemeinsamen Wohnräumen installieren
• Computerspiele erlauben, aber sich über Spiele informieren
• Bewusstsein schaffen, was ins Netz gestellte Daten für Auswirkungen haben können
• bei Facebook Privatsphäre-Einstellungen prüfen und Kindern Bedeutung erklären

Meinung: Was haben Sie vom Vortrag mitgenommen?

Mag. Klemens Voit, Direktor BG Blumenstraße:
Ich habe mehr als erwartet und das durchaus ambivalent mitgenommen. Für die Schule vor allem positive Aspekte. Etwa, wie wichtig es ist, unsere Schülerinnen und Schüler umfassend zu informieren. An unserer Schule arbeiten wir schon länger mit der Supro zusammen. Es ist einfach notwendig, die verschiedensten Probleme und Themen in unsere Klassenzimmer zu bringen.

Antje Metzler, Obfrau Elternverein BG Gallusstraße:
Der Vortrag hat viel gebracht, insbesondere die Bestätigung, dass sich unsere Kinder mit den neuen Medien besser auskennen. Wir Eltern haben dafür die Lebenserfahrung. Wir müssen mit unseren Kindern diskutieren, um sie in ihrem Medienverhalten in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings ist es wichtig, den Kindern auch Vertrauen entgegenzubringen.

Robert Sturn, Obmann Elternverein BG Blumenstraße:
Wir müssen die Thematik auf Ebene der Schüler transferieren und ein Bewusstsein dafür schaffen, was es bedeuten kann, persönliche Daten ins Netz zu stellen. In Workshops sollten wir unsere Kinder entsprechend informieren, eben auch über die Gefahren. Ich halte nichts davon, Seiten einfach zu sperren. Mit Verboten erreichen wir hier kaum etwas.

Interview: Gert Burger über den Umgang mit neuen Medien

Wie erkenne ich, ob ein Spiel für Kinder und Jugendliche geeignet ist?
BURGER: Bei Computerspielen befindet sich auf der Vorderseite links unten eine Kennzeichnung ab welchem Alter das Spiel geeignet ist. Leider achten viele Eltern nicht auf diese Kennzeichnungen. Auf der Rückseite befinden sich eventuell weitere Symbole die darauf hinweisen ob das Spiel z.B. Gewaltinhalte, sexuelle Inhalte, Schimpfwörter etc. aufweist. Mehr Infos dazu unter www.pegi.info

Wie äußert sich ein Suchtverhalten, auf was muss geachtet werden?
BURGER: Suchtverhalten ist dann zu vermuten wenn der Großteil der Tageszeit aus Computernutzung (außerhalb schulischer und beruflicher Notwendigkeiten) besteht. Die betroffene Person schafft es nicht mehr ihre Onlinezeit zu beschränken, die Zeiten weiten sich sogar immer weiter aus. Ist kein Internetzugang möglich reagieren Betroffene mit Unruhe, Nervosität und Gereiztheit. Und letztendlich können auch Probleme mit Familie oder Freunden sowie ein Nachlassen der schulischen oder beruflichen Leistungen auftreten.
Sind Gewaltspiele generell abzulehnen?
BURGER: Viele der beliebtesten Computerspiele sind Gewaltspiele, sogenannte Shooterspiele (Beispiele Counterstrike oder die Call of Duty Serie). Wichtig ist die Beachtung der Altersgrenzen für die Spiele (meistens Freigabe erst ab 18 Jahren). Die Spieler solcher Shooter sind aber nicht automatisch gewaltbereite oder gewalttätige Personen, oft geht es auch um das gemeinsame Spielen – meistens werden Shooter online gemeinsam mit vielen Personen in organisierten Gruppen gespielt.

Welche Gefahren bergen Facebook und ähnliche Social Networks?
BURGER: Die größte Gefahr der sozialen Netzwerke ist der Datenschutz: viele User stellen sehr viele Informationen über sich und andere z.B. ins Facebook, beachten aber nicht wer auf diese Daten Zugriff hat. Deshalb ist es wichtig die Privatsphäreeinstellungen im Facebook auf “nur Freunde” zu stellen.
Auch Arbeitgeber sind im Facebook und mit Fotos von Trinkaktionen am Wochenende kann man seinen Ruf in der Firma nachhaltig schädigen. Es gibt bereits Fälle wo solche Fotos zu Kündigungen bzw. Nichteinstellungen bei Bewerbern geführt haben.

Gibt es eine Faustregel zum Medienkonsum, die Eltern anwenden können?
BURGER: Eine Faustregel für die Onlinezeit kann ich nicht formulieren. Wichtig sind ganz einfache erzieherische Maßnahmen wie “Computerspielen erst nach Hausübung und Lernen”. Die Eltern sollten wissen was ihre Kinder am Computer machen, erst dann macht es Sinn sich über zeitliche Regeln zu unterhalten. Oder möchten Eltern wegen “Suchtgefahr” verhindern dass ihr Kind stundenlang im Internet für ein Referat recherchiert? Wichtig auch: neben der Computertätigkeit sollte das Kind auch andere medienfreie Alternativen in seinem Tagesablauf haben: Freunde real treffen und etwas unternehmen, Sport, Hobbies…
Was empfiehlt der Experte im Umgang mit den neuen Medien?
BURGER: Auf keinen Fall den Medienkonsum verbieten – das ist unrealistisch. Wenn Kinder mit dem Medienkonsum beginnen sollten die Erwachsenen sie dabei begleiten und den Kindern helfen einen mündigen Medienkonsum zu erlernen.

Wo ist bei Suchtverhalten Hilfe zu bekommen?
BURGER: Zuerst ist zu klären ob es sich überhaupt um Suchtverhalten handelt. Diese Klärung läuft momentan häufig über uns, die Supro, was aber unsere Kapazitäten teils überfordert. Bei Erziehungsfragen rund um den Medienkonsum vermitteln wir an die Erziehungsberatungsstellen im Land, bei Suchtfragen bemühen wir uns um Weitervermittlung an geeignete Stellen – eine spezialisierte Ansprechperson für genau dieses Thema gibt es im Beratungs- und Therapiebereich momentan noch nicht.
HAPF

Zur Person:
Gert Burger, Jhg. 1963. Seit 2005 als Fachkraft für Suchtprävention bei der Supro tätig. Schwerpunkt: Präventionsarbeit in Schulen und Betrieben und in der Elternarbeit. Drei Jahre in der therapeutischen Wohngemeinschaft Jupident tätig und fünf Jahre Arbeit mit Schwersüchtigen in der Suchtberatung Bludenz.

Mehr Infos:
Mehr Infos über das “Abenteuer Neue Medien”, Erfahrungsberichte Jugendlicher und Statements von Experten gibt es im Supro-Magazin “IMPULS”: Online unter www.supro.at/impuls, zu bestellen unter der Tel. 05523/54941 bzw. Mail info@supro.at

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