AA
©Quelle: Vorarlberger Nachrichten

Die Vorarlberger Jugend, Antinatalismus und der Klimawandel

Klimawandel und Umweltschutz sind Themen die existentielle Relevanz angenommen haben. Für viele junge Menschen ist Nachhaltigkeit zur Lebensaufgabe geworden. Ihre unterschiedlichen Methoden polarisieren.

Im naturnahen Vorarlberg regt sich der Umweltaktivismus. Nicht nur Greta Thunbergs Klimaidealismus in Form der "Fridays for Future" Bewegung hat ins westlichste Bundesland Österreichs Einzug gefunden. Im Ländle wurde am 5. Juli dieses Jahres der Klimanotstand ausgerufen. Vorarlberg war hier österreichweit das erste aktiv handelnde Bundesland. Ein moderner, kontrovers diskutierter Ansatz, aufgrund von Klimaschutz- und den damit verbundenen moralischen Gründen, keine Kinder zu zeugen, wird von der Vorarlberger Jugend mit wenig Verständnis entgegengenommen. Dies zeigt die Mehrheitsmeinung, der von VOL.AT befragten, Jugendlichen am Dornbirner Marktplatz. Ein kritisches und aufgeschlossenes Bewusstsein gegenüber der derzeitigen und zukünftigen Situation unseres Planeten ist jedoch vorhanden.

Die Entscheidung, eine Familie zu gründen vom Klimaschutz abhängig zu machen empfinden viele Jugendliche aus Vorarlberg als zu radikal. Dabei handle es sich um eine zu private und individuelle Entscheidung, die jeder Mensch für sich selbst treffen sollte. Das weiß auch Théophile de Giraud, ist jedoch im Kontext Klimawandel anderer Meinung. Er gehört einer Gruppierung an, die der Philosophie des Antinatalismus folgt. Eine Überzeugung, die postuliert, dass die Bevölkerung keine weiteren Menschen zeugen sollte.

Der Antinatalismus

Sie meiden Menschenmassen. Sie scheuen die vom Homo Sapiens überflutete Öffentlichkeit. Sie bekämpfen Überbevölkerung und "Surpollupopulation" (aus Pollution für Verschmutzung und Surpopulation für Überbevölkerung). Die Rede ist von Antinatalisten. Sie sind Anhänger einer Philosophie, welche bereits im 18. Jahrhundert unter anderem den bekannten deutschen Philosophen Arthur Schoppenhauer fasziniert hat. Der Begriff Antinatalismus leitet sich vom lateinischen Wort natalis, was übersetzt "auf die Geburt bezogen" bedeutet, ab. Es handelt sich dabei um eine Denkrichtung in der Philosophie, die sich aus ethischen Gründen dafür ausspricht, keine Menschen mehr hervorzubringen. Im Antinatalismus gibt es mehrere unterschiedliche Strömungen. Sie reichen vom Religiösen Antinatalismus bis hin zum Egoistischen Antinatalismus. Auch ein Gegenpol existiert: der Pronatalismus

Der Antinatalismus spricht sich gegen Überbevölkerung aus.
© APA/DPA

Daseinsskepsis und ihre Gründe

Einer dieser Menschen, der die aus Frankreich stammende Philosophierichtung unterstützt, ist der Belgier Théophile de Giraud. Hager und friedlich gilt der Aktivist als einer der bekanntesten Vertreter des modernen Antinatalismus. "Es gehe natürlich nicht um all die Menschen, die schon leben, sondern um all jene, die noch gar nicht geboren wurden!" postuliert de Giraud in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Der belgische Philosoph und Schriftsteller ist kein Misanthrop, vertritt in diversen Gesprächen und Vorträgen auch keinen totalitaristischen Anspruch. Mutter Erde und all ihre Kinder, die sie beherbergt, sind für ihn Grund zum Handeln.

In der Historie gab es bereits viele Daseinsskeptiker, à la Théophile de Giraud. Bekannte Namen wie Buddha, Schoppenhauer oder Cioran reihen sich in die philosophische Gemeinschaft ein. Sie alle denken grundsätzlich ähnlich wie de Giraud und die Anhänger des Antinatalismus. Ihr Hauptargument liegt im Wissen um das Leid, das auf der Welt existiert und immer existieren wird. Das Leid, das zu groß ist, das mit der Geburt beginnt und beim Tod endet. Nach ihnen muss dieses lebenslange Elend allen noch nicht geborenen, zukünftigen Generationen erspart bleiben. Ein sehr melancholischer Gedanke. De Giraud fügt diesem Gedankenkonstrukt noch einen weiteren Baustein hinzu: der Klimawandel.

Ein Anblick der in Zukunft alljährlich werden könnte: Skilift Albeschwende am 29.12.2016
© VN

Der Mensch als größter Einflussfaktor

Die gesamte Weltbevölkerung umfasst heute, Ende Juli, mehr als 7,7 Milliarden Menschen. Jährlich kommen an die 82 Millionen Menschen hinzu. Laut UN-Bevölkerungsprojektion 2019 soll im Jahr 2050 die Bevölkerung auf 9,7 Milliarden Menschen anwachsen, im Jahr 2100 auf 10 bis 12 Milliarden. Innerhalb von drei Stunden kommen insgesamt 27 000 Menschen zur aktuellen globalen Bevölkerung dazu. "Wir sind zu viele und verbrauchen von allem zu viel", so de Giraud. Der Belgier erklärt, dass die Biomasse der Menschen mittlerweile zehn Mal so groß ist, wie die Biomasse aller wildlebenden Tiere zusammen.

Dass der Mensch aus vergangenem Verhalten wenig lernt und sein aktives Handeln nicht verändert zeigt der "Earth Overshoot Day". Dieser Welterschöpfungstag definiert den Tag im Jahr an welchem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen verbraucht hat, die der Planet Erde in einem Jahr reproduzieren und nachhaltig wieder zur Verfügung stellen kann. 2019 war vor wenigen Tagen, am 29. Juli, Stichtag. Im Vergleich fiel der "Earth Overshoot Day" vor knapp zwanzig Jahren, nämlich im Jahre 2000, auf den 1. November. 2010 wurden am 21. August alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht. "Wir Menschen nutzen die Natur 1,7-mal schneller, als sich die Ökosysteme regenerieren können. Marsfantasien hin oder her, aktuell ändert sich nichts", mahnt de Giraud.

Familie und Klimaschutz

Der belgische Aktivist befürwortet auf keinen Fall Ansätze der Bevölkerungsreduktion durch Krieg, Tötung oder Selbstmord. Vielmehr ist ihm wichtig, dass die Menschen vorausschauend an die Familienplanung denken. Nicht nur de Giraud ist der Meinung, dass die menschliche Fortpflanzung den Klimawandel vorantreibt. Laut einer schwedischen Studie, die 2017 publiziert wurde, gibt es mehrere Ansätze, die den individuellen CO2 Ausstoß eines Menschen verringern. Neben pflanzenbasierter Ernährung, einem Leben ohne Auto und geringer Mobilität via Flugzeug ist das Zeugen von Kindern für die größte Kohlendioxid Belastung verantwortlich. Zum Vergleich: Menschen, die kein Auto nutzen, verursachen eine bis 5,3 Tonnen weniger CO2, Menschen die Flüge vermeiden, produzieren 0,7 bis 2,8 Tonnen weniger CO2 und Vegetarier kommen auf eine Bilanz von 0,3 bis 1,6 Tonnen weniger Schadstoffe. Wer aber auf ein Kind verzichtet, spart 23,7 bis 117,7 Tonnen CO2, je nach Alter des Kindes. Die Ergebnisse der Studie werden mittlerweile kritisch betrachtet, was jedoch sitzt, sind die Vergleichswerte, die sich aus der Studie herauskristallisieren.

Eine neuere Gruppierung von Klimaaktivisten vertritt, basierend auf Ergebnissen von ähnlichen Studien, eine der bisher radikalsten Strategien im Kontext des Umweltschutzes: Gebärstreik (engl. Birthstrike). Das mag auf den ersten Blick übertrieben und albern klingen, jedoch befindet sich dahinter ein relevanter Gedanke. Das zeigen nicht nur wissenschaftliche Studien oder der Antinatalismus. Dieser Überzeugung haben sich auch mehrere Personen der Öffentlichkeit verschrieben. Die US-Amerikanische Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus befürwortet diesen Ansatz in einem Interview mit der Zeitschrift Elle: "Wir bekommen einen runtergerockten Planeten dargereicht - ich weigere mich, das meinen Kindern weiterzugeben". Auch die Royals wollen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Prinz Harry und seine Frau, Herzogin Meghan gaben öffentlich bekannt, dass sie nicht mehr als zwei Kinder haben wollen. Aus Umweltschutzgründen.

Auch die Fassade der Dornbirner Kirche St. Martin könnte bald noch heißer werden.
© VOL.AT/Zerlauth

Zukunft vs. Tradition

Die Entscheidung ein Kind zu zeugen ist eine höchst individuelle und private Angelegenheit. Jedoch ist vermehrt zu beobachten, dass immer mehr junge Menschen aus Sorge um den Planeten keine Familie gründen wollen. In einer Umfrage der New York Times aus dem Jahr 2018 gaben elf Prozent der befragen Amerikanerinnen und Amerikaner an, aufgrund von Ängsten rund um den Klimawandel, keine Kinder zeugen zu wollen. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer wolle wegen der Veränderungen der Umweltbedingungen weniger Kinder wie sie sich zu Beginn vorgestellt hatten. Für eine solche Entscheidung kann es unterschiedliche Gründe haben: Den Nachkommen soll das Leid erspart werden auf einem zerstörten Planeten zu leben, ohne Kinder haben die Menschen mehr Zeit sich aktiv auf Klimaschutz und Umweltpolitik zu fokussieren, wer keine Kinder zeugt, setzt keine potentiellen Klimasünder in die Welt. Dies sind die drei am stärksten postulierten Argumente der Birthstrike-Gruppierungen.

„In Frankreich propagiert das staatliche Demografieinstitut Ined ungebrochen: mehr Franzosen, mehr Kinder, Elternschaft ist heilig.", erklärt Théophile de Giraud müde. Auch in Österreich ist es schwierig einen Ansatz wie der der Antinatalisten oder den eines Gebärstreiks zu vertreten. Familientradition ist in Österreich ein lang gelebtes Ideal, an dem nicht leicht zu rütteln ist. Wer sich moderne Modelle und frischere Sichtweisen im Kontext von Familie wünscht, stößt auf tief gefestigten Konservatismus. Bei jungen Generationen zeichnet sich jedoch eine aufgeschlossenere und rationale Blickrichtung ab. Der Begriff "Fridays for Future" ist in Österreich nicht unbekannt. In Vorarlberg fand am 15. März 2019 der erste Klimastreik statt.

Die "Fridays for Fututre" Bewegung ist in ganz Europa aktiv. Das Ziel: Veränderung.
© APA

Junge Klimagedanken aus dem Ländle

In Vorarlberg gibt es für junge Menschen mehrere Anlaufstellen im Kontext von Umweltschutz. Eine davon ist "aha Vorarlberg". Bei der Jugendorganisation "aha Vorarlberg" habe man vermehrt in diesem Jahr Anfragen zum Thema Klimawandel und Umweltschutz erhalten. Das Thema Umwelt und Klima werde immer präsenter, so Yvonne Waldner vom "aha Dornbirn". Im Zuge des steigenden Interesses der Jugendlichen an klimarelevanten Themen, werden in Zukunft mehr Angebote und Inhalte zum Kontext Umweltschutz zu finden sein, erklärt Waldner erfreut. Für das "aha Vorarlberg" ist es enorm wichtig, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der antinatalistische Ansatz, aus Umweltschutzgründen keine Kinder mehr zu zeugen wird heiß diskutiert. Viele Menschen sind der Meinung, dass dies eine individuelle Entscheidung bleiben sollte. Es gibt viele andere, wichtigere Schrauben, an denen gedreht werden muss, um unsere Umwelt nachhaltig zu schützen. Gehandelt werden muss dennoch sofort, dabei sind sich der belgische Antinatalist und die Vorarlberger Jugend einig.

(Red.)

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • Die Vorarlberger Jugend, Antinatalismus und der Klimawandel
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen