„Die Vorarlberger denken enorm wirtschaftlich“

Michael Diem erlebt heuer seine 20. Festspielsaison.
Michael Diem erlebt heuer seine 20. Festspielsaison. ©VOL.AT/Bernd Hofmeister
Michael Diem (45) arbeitet seit fast 20 Jahren bei den Bregenzer Festspielen – die vergangenen acht davon als kaufmännischer Geschäftsführer.

Wie geht es Ihnen so kurz vor der Eröffnung der diesjährigen Festspiele?
MICHAEL DIEM: Sehr gut. Freude und Spannung steigen. Im Prinzip ist es eine Art Familienzusammenführung. Im Juni wird das Haus an die Kunst übergeben. Dann ergänzen immer mehr Künstler die Szene. Die Spannung steigert sich dann bis zum Premierentag.

Können Sie sich an Ihre ersten Festspiele erinnern?
DIEM: Ja natürlich, „Porgy und Bess“ im Jahr 1997, als ich bei den Bregenzer Festspielen angefangen habe. Das war ein großer Einstieg für mich. Mit der Seebühne bin ich als Jugendlicher erstmals bei einem Falco-Konzert in näheren Kontakt gekommen. Später kam dann die Oper dazu.

Sie haben Ihre berufliche Karriere 1997 beim Bregenzer Fes­tival begonnen und waren nie woanders. Warum eigentlich?
DIEM: (lacht) Das ist eine sehr gute Frage. Ein ehemaliger Professor hat während meines Studiums zu mir gesagt, dass der erste Job drei bis maximal fünf Jahre dauern sollte. Das war dann ein großer Vorsatz von mir. Aber dieses Unternehmen ist so abwechslungsreich und spannend. Es befindet sich an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft und es gibt immer wieder neue Herausforderungen. Dazu kommt, dass es mein ehemaliger Chef so geführt hat, als ob es sein eigenes wäre und mich so eingeführt, als ob ich sein Sohn wäre. Da habe ich wirklich viele Möglichkeiten gehabt, Dinge auszuprobieren.

Sie haben ja auch mehrere Stationen im Haus durchlaufen?
DIEM: Genau, von der Leitung des Controllings, das damals neu eingeführt wurde, zum Leiter des Rechnungswesens. 2008 wurde die Position des Kaufmännischen Geschäftsführers ausgeschrieben. Dass ich die Stelle bekam, hat vermutlich mit meinen kaufmännischen Vorarlberger Wurzeln zu tun. Natürlich muss man mit der Aufgabe auch wachsen. Aber es stand für mich nie zur Diskussion zu wechseln.

Nun ist es Ihr primärer Job, die Finanzen unter Kontrolle zu halten. Ist es manchmal schwer, sich gegen die künstlerischen Wünsche durchzusetzen?
DIEM: Eine wesentliche Komponente einer funktionierenden Geschäftsführung ist Vertrauen. Und dass jeder in der anderen Dimension denken kann. Die künstlerische Leiterin muss kaufmännisch denken können, ich muss künstlerisch denken können. Die künstlerische Entscheidung ist im Prinzip schon die wichtigste kaufmännische Entscheidung. Je nachdem, welches Stück gespielt wird, wissen wir, wie viel Solisten wir brauchen, wie groß die Orchesterbesetzung sein wird und so weiter. Da geht es um die Kosten. Und zu den Einnahmen: Wenn wir ein gängiges Stück machen, kaufen die Menschen eher Karten. Wenn die Stückwahl entschieden ist, geht es ins Detail. Und da braucht es auch manchmal Kompromisse.

Wie kulturaffin muss der kaufmännische Geschäftsführer eines Kulturunternehmens sein?
DIEM: Wenn man Wertschätzung gegenüber dem Produkt mitbringt, und das betrifft jedes Produkt, kann ich darauf sehr gut aufbauen. Ich habe große Ehrfurcht vor dem, was unsere Künstler leisten und das spüren die Menschen. Ich muss da nicht selber musizieren oder singen können.

Ein Kulturunternehmen funktioniert also gleich wie jedes andere Unternehmen?
DIEM: Im kaufmännischen Bereich schon. Wir holen die Anleihen auch weniger aus der öffentlichen Verwaltung oder anderen Kulturunternehmen. Wir schauen in der Wissenschaft oder der Industrie. Deren Modelle können wir natürlich nicht eins zu eins bei uns umsetzen. Aber wir adaptieren sie. Sehr wichtig ist es aber, dass die künstlerische Leitung und das künstlerische Personal mitgehen können, wenn neue kaufmännische Instrumente implementiert werden.

Die Festspiele sind ein großer wirtschaftlicher Faktor in der Region. Wie groß?
DIEM: Die wirtschaftliche Dimension lässt sich in mehrere Einheiten unterteilen, zunächst einmal die betriebswirtschaftliche. Die Bregenzer Festspiele haben ein Budget von rund 20 Millionen Euro und diese geben wir jedes Jahr in Bregenz aus, etwa für die Bühnenbauten. Die zweite Dimension ist eine volkswirtschaftliche. Wir haben an diesem Standort innerhalb von viereinhalb Wochen zirka 200.000 Gäste und diese geben für Karten, Verkehr, Hotel, Gastronomie und im Handel Geld aus. Wenn man diese sogenannten festspielinduzierten touristischen Umsatzeffekte beziffert, liegen wir bei 175 Millionen Euro. Darüber hinaus hat die Kongresskultur Bregenz GmbH noch einmal 200.000 Gäste. Wir haben zudem ganzjährig 80 Mitarbeiter und im Sommer bis zu 1500. Unser Wirtschaftsfaktor ist damit sehr groß. Die Bregenzer Festspiele erhalten derzeit sieben Millionen Euro Subventionen im Jahr, die wir großteils für Fixkosten nutzen. Durch die vorher angesprochenen Effekte generiert der Staat aber zirka 25 Millionen Euro an Steuergeldern.

(NEUE am Sonntag)

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