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"Die traurigste Stadt der Welt"

Kaum eine Straße, in der nicht Müll gammelt und Abwässer stehen, Betonblöcke und Stacheldraht liegen. Stromausfälle von bis zu zwölf Stunden sind keine Seltenheit, Benzin ist chronisch knapp.

Nach Einbruch der Dunkelheit sind die Straßen wie ausgestorben, die Kriminalitätsrate ist sprunghaft angestiegen. Bagdad, einst die stolze Hauptstadt eines Jahrhunderte alten Reiches und Vorzeige-Metropole unter dem Regime von Saddam Hussein, verkommt, fürchten viele Einwohner.

„Das ist die traurigste Stadt der Welt“, sagt Kasim el Sabti. Nach drei Kriegen und in ständiger Angst vor neuer Gewalt versuchen die Bagdader mit der neuen Realität zurechtzukommen: mit der amerikanischen Besatzung, den Feuergefechten, die immer wieder zu hören sind, den Anschlägen auf ausländische wie auch irakische Einrichtungen und Organisationen, den rasant steigenden Arbeitslosenzahlen und der drastischen Verteuerung.

Dass sie seit neun Monaten auch eine neue Freiheit haben, wissen viele durchaus zu schätzen: „Ich muss jetzt nicht mehr damit rechnen, dass abends jemand an meine Tür klopft und mich ins Gefängnis mitnimmt“, sagt Hussein el Dschaf, ein freier Journalist, der während des Baath-Regimes sieben Monate in einer unterirdischen Zelle inhaftiert war. Und nicht zuletzt haben der Sturz Saddam Husseins und das Ende der UN-Sanktionen westliche Konsumgüter in den Irak gebracht, die bisher nur der politischen Elite vorbehalten waren.

Trotzdem kämpfen viele Einwohner der Hauptstadt gegen die Resignation. „Bagdad ist in ein dunkles Zeitalter zurückgefallen“, sagt der Maler Nuri el Rawi. Für manche hat der Niedergang ihrer im 8. Jahrhundert gegründeten Metropole mit fünf Millionen Einwohnern schon lange vor dem Irak-Krieg begonnen mit der Invasion in Kuwait 1990, dem Golfkrieg und den Sanktionen der Vereinten Nationen, die die Wirtschaft einbrechen ließen und viele Iraker in Armut stürzten.

Für andere sind die amerikanischen Besatzer am derzeitigen Elend Schuld oder sie werfen den US-Streitkräften zumindest vor, ihre Situation nicht zu verbessern. „Die Amerikaner haben hier überhaupt nichts Gutes getan“, schimpft Arman Bisat. Er hatte Arbeit in einem Restaurant, bis das Lokal am Neujahrstag bei einem Autobombenanschlag zerstört wurde. „Egal wo ich hingehe, ich habe Angst, das nächste Opfer zu sein.“

Bis zum 20. März 2003 herrschte in der irakischen Hauptstadt normales Großstadtleben. Viel Verkehr, es gab mehrere Universitäten und auch gehobene Restaurants, Familien gingen in Parks zum Picknick. Inzwischen sind die berühmten Fischrestaurants am Tigris geschlossen, Zeitungen drucken seitenweise Berichte über Morde, Entführungen und Raubüberfälle. Behörden versuchen mehr oder weniger vergeblich, wieder Ordnung in die Stadt zu bringen. Von zahlreichen Plakaten in ganz Bagdad lächeln ein stämmiger Arbeiter mit einem Wischmopp und neben ihm ein kleiner Bub mit einem Kübel Seifenwasser: „Gemeinsam beseitigen wir die Trümmer der Kriege“, die Aufforderung der beiden zeigt bisher nur mäßigen Erfolg.

Alle paar Straßen sind die Spuren der amerikanischen Bombenangriffe zu sehen; Hotels, Polizeireviere, Parteibüros und Moscheen tragen die Zeichen von Anschlägen mit Raketen, Autobomben und Granaten. Um Angriffe zu verhindern, sind viele Gebäude mit Betonblöcken und Stacheldraht geschützt, ein enormes Verkehrshindernis, zumal es seit dem Ende der Importbeschränkungen aus der Zeit Saddam Husseins rund 300.000 neue Fahrzeuge im Irak gibt.

Die US-Streitkräfte sprechen von den Schwierigkeiten im Irak aber auch als den Geburtswehen einer Gesellschaft, die sich von einer Diktatur zur Demokratie wandle. Während einer Benzinknappheit im Dezember mussten sich Iraker stundenlang für ein paar Liter Treibstoff anstellen. Dies liege auch daran, dass inzwischen viele ein eigenes Auto hätten, sagt Militärsprecher Dan Senor.

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