"Die Szene boomt auch im Ländle!"

In Vorarlberg sind meist synthetisch hergestellte Amphetamine und Cannabinoide im Umlauf, die Wirkungen sind nicht vorhersagbar.
In Vorarlberg sind meist synthetisch hergestellte Amphetamine und Cannabinoide im Umlauf, die Wirkungen sind nicht vorhersagbar. ©DPA/Symbolbild
Schwarzach - Im vergangenen Jahr wurden in den EU-Ländern 81 bis dahin unbekannte, Designerdrogen (Research Chemicals) entdeckt. Das sind so viele wie nie zuvor. WANN & WO sprach mit Experten sowie einem Betroffenen über die Situation in Vorarlberg.

In ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht teilte die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) mit, dass Europa von immer mehr neuen und gefährlicheren Designerdrogen überschwemmt wird. Besonders riskant: das synthetische Opioid Fentanyl, welches mindestens hundertmal so stark ist wie Heroin. Fentanyl wird eigentlich als Schmerzmittel benutzt.

Konsum oft verharmlost

Markus Kornberger vom do it yourself klärt über den Konsum von Designerdrogen (Research Chemicals) in Vorarlberg auf: „Im Zeitalter von Internet und Social Media ist auch in unserem schönen Ländle (fast) alles an Substanzen im Umlauf, was es gibt. Die Szene boomt auch bei uns und im nahen Ausland. Es gibt viele verschiedene Arten und Bezeichnungen. Oft werden die Substanzen nach ihren chemischen Formeln abgekürzt, wie z. B. GHB, DXM, 2-CB. Einen genaueren Überblick darüber hat wohl niemand. Da es in Vorarlberg keine Substanz­testung gibt, können wir über Vieles nur spekulieren. Oft handelt es sich um quasi ‚legale’ Substanzen, dadurch wird der Konsum verharmlost. Ein reflektierter Umgang ist bei den Usern selten zu erkennen.”

Gefahren nicht bekannt

Verkauft werden Designerdrogen vor allem über das Internet, in einschlägigen Shops, sowie im Drogenstraßenhandel. „Auch in Vorarlberg gibt es immer wieder Personen, die versuchen, psychoaktive Substanzen herzustellen. Das ist aber eher dem Bereich ‚privates Experiment’ zuzuordnen”, so Kornberger weiter. Die Gefahren können oft nicht eingeschätzt werden. Es kann von lebensgefährlichen Vergiftungen, über Kreislaufversagen, Ohnmacht, psychischen Problemen bis hin zu drohendem Nierenversagen alles dabei sein. Vielfach sind die längerfristigen Risiken dieser Stoffe nicht bekannt. Was manchmal harmlos aussieht, kann eine unberechenbare Mischung von chemischen Substanzen enthalten und genau damit haben Suchtberatungsstellen, wie das do it yourself zu kämpfen: „Ein Horrortrip aufgrund einer unüberlegten Einnahme kann dein Leben lange negativ beeinflussen!”

“Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Designerdrogen in Vorarlberg”

Horst Spitzhofer, Landespolizeidirektion Vorarlberg: „Aktuell sind bei uns Kokain, Amphetamin, Cannabis aber auch neue psychoaktive Substanzen, welche unter das NPSG (Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz) fallen, verbreitet, wobei Letztere mit einer hohen Dunkelziffer verbunden sind (überwiegend Bestellungen über das Internet – kaum Aufgriffe). Crystal (Methamphetamin) ist immer wieder ein Thema, aber zum Glück noch nicht so stark verbreitet. Wobei es auch hier eine nicht unerhebliche Dunkelziffer gibt. Es kommen immer wieder im Rahmen von Einvernahmen Aussagen, dass Crystal zumindest auch konsumiert wurde.”

Andreas’ Erfahrungen mit Designerdrogen

„Ich habe über rund drei Jahre hinweg Research Chemicals konsumiert. Über Bekannte habe ich davon gehört und mich dann auf die Suche im Internet gemacht. Meine Leitdroge war MDPV. Diese ist stark aufputschend. Ich war wochenlang wach, hatte keinen Appetit und war sowohl körperlich als auch geistig extrem fertig. Dazu konsumierte ich viele Beruhigungsmittel, da ich ansonsten unter Paranoia litt. Meine Eltern stellten mich vor die Wahl: Entweder ich mache eine Therapie oder sie brechen den Kontakt zu mir ab. Ich wählte den ersten Weg, da mir die Beziehung zu ihnen sehr wichtig ist. Anschließend war ich ein halbes Jahr in einem betreuten Wohnheim. Dort wurde ich dann wieder rückfällig. Dieses Mal nahm ich MT-45, ein Opioid. Vor allem vor meinen Eltern schämte ich mich, da ich wusste, wie enttäuschend das für sie sein musste. Nach rund einem Monat zog ich die Notbremse. Jetzt bin ich seit einer Woche wieder in Therapie. Mir fiel es anfangs extrem schwer, diesen Flash aus dem Kopf zu bekommen. Auch heute denke ich noch oft daran. Allerdings ist das Verlangen nicht mehr so groß. Ich denke, einer der Gründe für den Anstieg des Konsums von Designerdrogen ist, dass diese extrem billig sind. 20 Gramm kosten gerade mal zwischen 10 und 15 Euro. Die Gefahren sind dafür enorm. Bei mir kamen die Päckchen immer aus China. Man weiß nicht, was man schlussendlich be­­­­­­kommt. Vor allem beim Pulver ist die Reinheit und Stärke unterschiedlich. Hier läuft man Gefahr einer Überdosis, vor allem wenn man intravenös konsumiert. Diese nahm ich damals in Kauf, denn mein Leben war mir scheiß­egal. Heute ist das anders.” Andreas* (25), Feldkirch *Name von der Redaktion geändert

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(WANN & WO)

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