Die Pastorin mit dem Surfbrett

Mira Ungewitter, Pastorin, diskutiert beim FAQ Bregenzerwald zur Frage "Braucht's mich noch?".
Mira Ungewitter, Pastorin, diskutiert beim FAQ Bregenzerwald zur Frage "Braucht's mich noch?". ©Eva Maria Reisinger
Schwarzach - Ihr Name klingt wie ein Künstlername, ist aber weder Fake noch ist sie Künstlerin: Mira Ungewitter, 33, ist Pastorin der projekt:gemeinde, einer Baptistengemeinde in Wien, die alle Menschen willkommen heißt.
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Die Pastorin, die gar nicht so wirkt, wie man sich eine vorstellt, spricht über die Aufgaben der Kirche im 21. Jahrhundert, Seelsorge im Alltag und die Reaktionen von anderen auf ihre Berufung.

Beim FAQ Bregenzerwald wirst du zur Frage „Braucht’s mich noch?“ diskutieren. Viele denken, die Kirche als gesellschaftliche Institution verliere immer mehr an Relevanz. Wie siehst du das?
Institutionen bringen zwar Schwierigkeiten mit sich, aber sie lassen sich kaum vermeiden. Gruppen entwickeln sich zwangsläufig zu Institutionen, wenn sie größer werden. Und je größer das Schiff, umso komplexer die Strukturen. Ich glaube allerdings, dass die Kirche sehr viel mehr ist als Institution. Kirche ist nicht nur eine Kathedrale oder eine Kellergemeinde oder etwas, das sonntags von 10 bis 12 Uhr geschieht – Kirche ist für mich Gemeinschaft, Community. Sie hat gigantische gesellschaftliche Relevanz, wenn sie es schafft, Gemeinschaft, Hoffnung, Freiheit und Liebe zu vermitteln und so Phänomenen wie Einsamkeit entgegenzuwirken.

Wie sollte die Kirche des 21. Jahrhunderts aussehen?
Ich würde mir wünschen, dass sich Kirche immer wieder im Sinne des berühmten Luthersatzes „Ecclesia semper reformanda“ (lat. für „die Kirche ist immer zu reformieren“) reformiert. Das hört sich vielleicht reaktionär oder rückwärtsgewandt an, aber eigentlich war das Christentum von Beginn an eine gigantische Revolution. Es hat sich gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Benachteiligung von Frauen, Armen und Kranken ausgesprochen. Es hat die Eliten, Machthaber und Unterdrücker kritisiert und immer wieder zum Neudenken und Vorangehen angeregt.

Wie sieht es mit Frauen in Führungspositionen und Feminismus in der Kirche aus?
In allen vier Evangelien sind es Frauen, die wichtige Dinge ins Rollen gebracht haben. Wenn man die alten Texte genau anschaut, kommt man hinsichtlich Feminismus immer öfter zu positiven Ergebnissen und daher kann ich nur sagen: Man kann gar nicht anders als ChristIn und FeministIn zu sein. Daher sollten definitiv alle Kirchen die Rolle von Frauen in Leiterschaft überdenken – und das nicht nur, weil es 2018 ist und man dazu gedrängt wird, sondern vor allem weil es theologisch fundamental begründbar ist, dass Frauen im frühen Christentum in leitenden Positionen waren und einen verdammt viel besseren Job gemacht haben als Männer, die abgehauen sind oder andere verleugnet haben.

Wird die Seelsorge, die ja auch Kernaufgabe der Kirche ist, immer wichtiger?
Das hängt davon ab, wie man Seelsorge versteht. Für mich ist Seelsorge zum Beispiel auch Teil des Alltags. Wenn ich mich kurz mit jemandem unterhalte und dann sage, was ich beruflich mache, dann gehen mit dem Wort Pastorin plötzlich ganz viele Türen auf. Die Leute erzählen mir bei Bahnfahren oder Biertrinken am Tresen Dinge, die sie anderen Leuten nicht erzählen – von „Bei mir ist jemand gestorben“ über „Ich habe Furchtbares mit der Kirche erlebt“ bis „Ich habe grad eine Trennung hinter mir“. Unkommentiert bleibt es fast nie. Ich merke seit nunmehr zehn Jahren – also seitdem ich angefangen habe zu studieren – dass das Bedürfnis gigantisch ist. Und meiner Meinung nach noch wachsen wird, vor allen in Zeiten wie diesen, in denen Menschen so viel Zeit in digitalen Parallelwelten verbringen und eher zu vereinsamen drohen.

Du reist und surfst gerne. Wenn du mit deinem Surfbrett am Strand stehst und gefragt wirst, was du so beruflich machst – welche Reaktionen kommen da?
Meistens reagieren die Leute verwundert oder überrascht und fragen nach. Und am Ende finden es 99,9% ganz cool. Es gab tatsächlich einmal so eine Situation, in der ich einem Typen beim Surfen erzählt habe, was ich beruflich mache. Nach zwei Stunden im Wasser kam er dann zu mir und sagt: „Mira, ich hab da jetzt zwei Stunden darüber nachgedacht und ich fasse das nicht: Du bist einfach zu scharf für den Job.“

(Red.)

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